Zeitung Heute : Ein Kessel Buntes

Diessner produziert Lacke und Farben in Neukölln. Die Firma will am Standort bleiben und investierte sechs Millionen in eine neue Produktionsanlage. Das schafft Druck, die Umsätze müssen steigen

Martin Gropp

Manche Dinge lassen sich nur kompliziert erklären. Zum Beispiel die Produktionsanlage der Diessner Lack- und Farbenfabrik. Die arbeitet mit Scherkräften, die, physikalisch erklärt, Flächen zueinander verschieben und einer Handvoll Formeln. So entstehen aus den Hauptzutaten Pigmentpulver und Bindemittel Farben. Einfacher klingt das so: Oben kommen die Zutaten rein, unten dreht sich eine überdimensionale Rührmaschine, und fertig ist die Farbe. „Fast wie die Teigmaschinen in einer Bäckerei!“ brüllt Geschäftsführer Bernd Kanand gegen den Lärm in der Produktionshalle in Neukölln an.

Die Diessner GmbH & Co.KG ist die letzte von einst 40 Berliner Farbenfabriken. Vor drei Jahren stand der seit 60 Jahren in Berlin beheimatete Betrieb kurz davor, den Standort aufzugeben. Der Hersteller von Farben und Putz für Fachhandel und Handwerk wollte seine Produktionsanlage runderneuern, und das wäre durchaus auch an einem anderen Standort möglich gewesen.

Dass Diessner dennoch blieb, ist ein Umstand, der sich relativ einfach klären lässt: Dank der Unterstützung des Berliner Senats und des Bezirksamts Neukölln sei dem Unternehmen die Entscheidung pro Berlin leicht gefallen, sagt Kanand. „Die Standortdiskussion hat genau fünf Minuten gedauert.“ Danach stand fest: Diessner investiert sechs Millionen Euro, und die 60 Arbeitsplätze bleiben in der Stadt – auch, weil die bürokratischen Hürden für die Erneuerung der Produktion plötzlich niedrig waren. Das Bezirksamt bestätigt das gute Verhältnis zwischen Behörde und Betrieb: „Unsere Motivation ist, generell davon auszugehen: Was der Wirtschaft gut tut, dient auch uns“, erklärt Clemens Mücke von der Wirtschaftsförderung im Bezirksamt Neukölln. „Wir können zwar nur vermitteln. Aber wir versuchen, uns für die spezifischen Belange der Unternehmen einzusetzen, damit die Entscheidung zu bleiben leichter fällt.“

Inzwischen läuft die neue Diessner-Produktionsanlage seit gut sieben Monaten. Wo früher Handarbeit dominierte, dröhnen jetzt die Rührmaschinen, die so genannten Dissolver, zu denen die neun weithin sichtbaren Pulversilos führen, die sich über der Produktionshalle erheben. Das Herz der Anlage ist ein Raum, in dem der Produktionsleiter per Mausklick aus dem Computer eine Rezeptur abruft und damit entscheidet, ob eine Farbe, ein Putz oder eine Spachtelmasse hergestellt wird.

Obwohl inzwischen 85 Prozent der Arbeit von Maschinen verrichtet wird, konnte Diessner die Mitarbeiterzahl konstant halten – auch dank stetig wachsender Umsätze. Zwischen 2002 und 2008 verdoppelte der Farbenhersteller den Umsatz auf derzeit 16 Millionen Euro.

Damit sich die neue Anlage rentiert, müssen die Umsätze weiter steigen. „Wir sind dazu verdammt, in den nächsten Jahren zweistellig zu wachsen“, sagt Bernd Kanand. Allerdings mache sich die weltweite Wirtschaftskrise schon bemerkbar. „Der Markt in Osteuropa ist seit Herbst wie abgeschnitten“, sagt der Geschäftsführer. Aber er weiß auch, welche Chancen sein Unternehmen hat, das unter anderem auch Putze zur Wärmedämmung herstellt. In Deutschland gibt es immer noch rund 40 Millionen Quadratmeter Hausfläche, die energetisch saniert werden müssen – eine Fläche fast so groß wie Baden-Württemberg und das Saarland zusammen. Außerdem rechnet der 45-Jährige mit einem Impuls aus dem Konjunkturpaket zur Sanierung öffentlicher Gebäude: „Wir hoffen, dass dort etwas für unsere Kunden abfällt und somit auch für uns.“

Am Ende, und auch das ist eine einfache Rechnung, entscheidet aber die Qualität der Produkte. Der Preiswettbewerb der deutschen Hersteller sei teilweise ruinös, sagt Kanand. „Es gibt tatsächlich keinen günstigeren Markt in Europa.“ Aber dank der neuen Produktionsanlage kann das Unternehmen Diessner laut Aussage des Geschäftsführers nun eine gleichbleibende und reproduzierbare Qualität sicherstellen. „Vorher gab es ab und zu noch leichte Schwankungen.“

Im Testlabor der Diessner GmbH werden die eigenen Produkte dennoch stets überprüft – und manchmal macht das der Chef sogar persönlich. Denn vor seinem Studium zum Marketingkaufmann hat Bernd Kanand eine Malerlehre absolviert. „Dann zieh ich mir einen weißen Overall über und streiche die Farbe auf. Da lass’ ich mir von niemandem etwas vormachen.“

In Deutschland gibt es immer noch 40 Millionen Quadratmeter Hausfläche, die energetisch saniert werden müssen. Wir rechnen mit einem Impuls aus dem Konjunkturpaket zur Sanierung öffentlicher Gebäude. Wir hoffen, dass dort etwas für unsere Kunden abfällt und somit auch für uns.“

Bernd Kanand, Geschäftsführer der Lack- und Farbenfabrik Diessner

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