Zeitung Heute : Ein Kind läuft Amok in Lewistown

Thomas Gehringer

"Es lief ab wie im Buch", erinnert sich Kristofor Hans. Vor 13 Jahren stürmte der damals 14-jährige Junge mit der Pistole seines Stiefvaters in die Schule in Lewistown / Montana und erschoss eine Aushilfslehrerin, die das tragische Pech hatte, die vom Amokläufer anvisierte Kollegin an diesem Tag zu vertreten. Ein zweiter Lehrer überlebte knapp einen weiteren Mordversuch von Hans, und zwei Mitschülerinnen wurden von Querschlägern verletzt. Den Plan zu dieser Tat fasste Hans nach der Lektüre des Romans "Amok" von Stephen King.

Ein Gericht im US-Bundesstaat Montana verurteilte den Jugendlichen nach Erwachsenenstrafrecht zu 230 Jahren Gefängnis. "Die Chancen, irgendwann herauszukommen, sind gleich null", sagt Dokumentarfilmerin Christel Priemer. In ihrem ARD-Beitrag "Mord in der Schule" stellt sie uns heute um 23 Uhr den im Gefängnis erwachsen gewordenen Kristofor Hans vor, und dies lässt seinen Amoklauf nur noch unfassbarer werden. Denn da sitzt nun ein reuiger "nice guy", ein Bilderbuch-Amerikaner wie aus blitzsauberen College-Serien. Der Zufall half bei der Kontaktaufnahme: Eine Mitarbeiterin von Christel Priemer ist eine Brieffreundin von Kristofor Hans. Die Autorin lässt das TV-Publikum nun Zeuge der ersten persönlichen Begegnung der beiden werden und erzählt auf diesem Umwege die Vorgeschichte der Bluttat, die natürlich nicht allein durch die Lektüre eines Horror-Romans zu erklären ist. Zudem hat sie Angehörige des Täters und des Opfers aufgesucht. Christel Priemer ergreift Partei gegen das lebenslange Wegschließen des gestörten Kindtäters, ohne die Folgen seines unbegreiflichen Amoklaufs zu verniedlichen.

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