Zeitung Heute : „Ein klares Feindbild“

Der Militärpsychologe Annen zu den Ursachen von Folter

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HUBERT ANNEN (40),

Militärpsychologe,

unterrichtet an der

Militärakademie

der ETH Zürich.

Er forscht vor allem zur Stressbewältigung.

Foto: R/D

Sind diese Misshandlungen im Irak Einzelfälle oder in einer Kriegssituation normal?

Von „normal“ zu sprechen wäre problematisch. Aber es gibt nachvollziehbare psychologische Mechanismen, warum es in Gefängnissen zu Misshandlungen kommt. Das ist schon Leuten passiert, die zuvor geschworen hätten, so etwas nie zu tun. Denken Sie an das Gefängnisexperiment von Philipp Zimbardo. Damals hat man 20 Studenten ausgewählt, die psychologisch keine Auffälligkeiten gezeigt haben. Nach dem Zufallsprinzip wurden zehn zu Wärtern und zehn zu Gefangenen gemacht. Das Experiment musste nach sechs Tagen abgebrochen werden, weil die Situation eskalierte.

Aber wie kommt es dazu?

Vor allem beim Militär ist ein Punkt sicher das Rollenverhältnis. Eine Armee ist auf Hierarchien und klare Strukturen angewiesen, sonst könnte sie ihren Auftrag nicht erfüllen. Doch in einer Gruppe von Befehlsempfängern wirken verschiedene Mechanismen. Man sieht sich nicht als allein Verantwortlichen, sondern verteilt die Verantwortung auf verschiedene Schultern. Und man kann sich sagen, dass man nur seine Pflicht tut und dem Vaterland sogar hilft, indem man die „Bösen“ unter Kontrolle hält. Wenn die vorgesetzte Autorität dann nicht eingreift, nimmt der Ausführende das als Billigung wahr.

Sind das besonders ungebildete Leute, die sich so verhalten?

Da muss man sehr vorsichtig sein. Aber tendenziell laufen Ungebildete eher Gefahr, in eine solche Situation zu geraten. Das liegt weniger an ihrer Intelligenz, sondern daran, dass sie meist schlechter darauf vorbereitet sind. Das hat sich auch in den Äußerungen der US-Soldaten gezeigt. Aber einige Dinge gehören eben zum Militär. Diesen Soldaten wurde ein Feindbild aufgebaut. Ihnen ist gesagt worden, dass die Iraker böse sind und Terroristen. Man zieht in den Krieg und nicht in einen Dialog. Es geht darum, die Soldaten zur Kriegstüchtigkeit auszubilden. Dazu brauchen sie ein klares Feindbild. Das ist vermutlich ein besonders großes Problem der US-Streitkräfte. Deren Leute sind auf Krieg vorbereitet. Geraten sie in Situationen, die nicht mehr so klar sind, in denen es um Zwischentöne geht, sind sie überfordert.

Wie kann man die Soldaten auf solche Situationen vorbereiten?

Offenbar hatten diese Männer und Frauen keine Ahnung vom Kriegsvölkerrecht. Logischerweise sollte ein Soldat von dessen grundlegenden Gedanken etwas gehört haben. Und die Leute müssen dafür sensibilisiert werden, welche Mechanismen bei ihnen selbst in Stresssituationen weit weg von zu Hause ablaufen können. Sie müssen die Situation durchdenken und selbstkritisch genug erkennen, wo sie selbst Schwachpunkte haben und an Grenzen geraten. Ideal wäre es, zur Vorbereitung solche Dinge im Rollenspiel zu üben.

Einige Soldaten haben vorgebracht, sie hätten nur Befehle ausgeführt. Funktioniert ein Nein in militärischen Strukturen nicht?

Es müsste funktionieren. Aber es gehört natürlich zum Militär, Befehle auszuführen. Hinzu kommt, dass Personen, die auf klare Strukturen angewiesen sind, sich eher für eine militärische Tätigkeit interessieren. Denn sie fühlen sich dort wohler als in Situationen, wo Selbstverantwortung gefragt ist.

Das Gespräch führte Ruth Ciesinger.

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