Zeitung Heute : „Ein kleiner Satz macht viel Rabatz“

Eine Begegnung mit der neueren polnischen Literatur von Adam Mickiewicz über Czeslaw Milosz zu Tadeusz Dabrowski

„Szukam slowa“: Ich suche Worte. So heißt das erste Gedicht, das die große Skeptikerin und Literatur-Nobelpreisträgerin Wislawa Szymborska 1945 veröffentlichte. Seit der ersten polnischen Teilung im Jahre 1772bis zur Gründung der Zweiten Republik 1918 und erst recht wieder nach dem deutschen Überfall 1939 ging es für die Schriftstellerunseres Nachbarlandes vor allem darum, Worte zur schwierigen bis prekären Lage ihrer Nation zu finden. „Die polnischen Dichter konnten es sich nie leisten, abseits ihrer Zeit zu stehen. Zu gewaltsam drängte sich die Geschichte in ihr Leben“, schreibt Karl Dedecius, aus Lodz stammender Gründer des Deutschen Polen-Instituts, im Nachwort zu den von ihm übersetzten „Polnischen Gedichten des 20. Jahrhunderts“. Andrzej Szczypiorski („Die schöne Frau Seidenmann“) sah als Teilnehmer am Warschauer Aufstand 1944 die vornehmste Pflicht der Literatur darin, angesichts von Fremdherrschaft und Kriegen die nationale Identität zu stärken.

Das vereinigte Europa als Ausweg, als „wichtigsten und lebendigsten Wunsch der Völker“ propagierte bereits der glühende Romantiker Adam Mickiewicz. Sein1834 erschienenes Langgedicht „Pan Tadeusz“ (triumphal von Andrzej Wajda verfilmt) gilt bis heute als polnisches Nationalepos. Der Adel mit seinem leicht kränkbaren Ehrgefühl bildete ein unerschöpfliches Thema für die Literatur der 1830er Jahre – ob in Aleksander Fredros Komödie „Die Rache des Verschmähten“ oder in „Pan Tadeusz“, das mit einer Kränkung einsetzt.Diese Haltung karikierte 1937 der provokante Elitedenker Witold Gombrowicz, selbst aus altem Landadel stammend, in seinem Skandalroman „Ferdydurke“ mit einem Grimassenduell. „Unser Lebenselement ist die ewige Unreife“, konstatierte Gombrowicz.

Dem folgt auch ein anderer der bedeutendsten polnischen Vorkriegsromane, „Die Zimtläden“ von Bruno Schulz. Der 1942 im Ghetto erschossene Zeichenlehrer verwandelte seine galizische Heimatstadt Drohobycz in der Nachfolge Kafkas in ein phantasmagorisches Welt-Gleichnis. Drohobycz liegt heute wie Lemberg in der Ukraine; Autoren wie Mickiewicz und der Literatur-Nobelpreisträger Czeslaw Milosz wiederum wurden im jetzigen Litauen geboren, das ja einst mit Polen ein Großreich bildete.

Die verhaltene Trauer um die polnischen Ostgebiete – schließlich wurde das Land 1945 wie ein Schrank nach Westen gerückt -beschäftigt selbst junge Literaten wie den Danziger Dandy Jacek Dehnel, Jahrgang 1980. Sein Roman „Lala“umspanntwie mit Adlerschwingen ein Jahrhundert wechselvoller polnisch-ukrainisch-russischer Geschichte. In die deutsche Vergangenheit Breslaus taucht sehr erfolgreich Marek Krajewski mit seinen Kriminalromanen rund um Kommissar Eberhard Mock ab. Nach Art eines Teufelspakts zieht Andrzej Barts Roman-Artefakt „Die Fliegenfängerfabrik“ in ihren Bann. Darin wird ein imaginärer Prozess inszeniert, bei dem die Lebenden und die Toten über Chaim Rumkowski Gericht halten, den berüchtigten Vorsitzenden des sogenannten Judenrats im Lodzer Ghetto.

In einem Land, in dem man statt „Wie geht es Ihnen?“ „Wie fliegen Sie?“ fragt, wie der geniale Futurist und Utopist Stanislaw Lem in einem seiner letzten Interviews betonte, ist der Freiheitsdrang seiner Bewohner per se ausgeprägt. Das galt insbesondere für dieweitgereisteErfolgsautorin Maria Korwin-Piotrowska (1857-1921). Unter ihrem Künstlernamen Gabriela Zapolska galt sie als „polnischer Zola“ mit besonderem Interesse für die weibliche Psyche, inklusive Recherchen in den psychiatrischen Kliniken von Paris. Ihr bekanntestes Buch „Sommerliebe“, ein Ehebruch-Roman ohne Ehebruch, wirkt nach wie vor elektrisierend.

„Kosmische Weite der Vision und Großzügigkeit“ reklamierte Czeslaw Milosz für seine Poesie. „Ich füge meine Worte / schleppe meine Zeit“ schrieb dagegen 1954 Tadeusz Rósewicz. Als erster Lyriker Nachkriegspolens stieß er in Deutschland auf breite Resonanz. Der Widerspruch zwischen Zwang und Freiheitswillen offenbarte sich drastisch in der bleiernen Zeit der Volksrepublik. Jerzy Andrzejewskis Roman „Asche und Diamant“ widmete sich mit packendem Realismus dem Neuanfang nach den Verheerungen des Krieges. Einen angry young man wie Marek Hlasko („Der achte Tag der Woche“) trieb die Atmosphäre von Verrat und Resignation dagegen ins Exil, wo er 1969 starb. Der in die USA emigrierte Janusz Glowacki ist mit seinen herrlichen Satiren wie „Die Unterhose, die Lotterie und das Schwein“ ein anderes Beispiel für die polnische Neigung zur schwarzgrundigenParabel bis Groteske. Sie verkörpern auch Jerzy Pilch oder ein Aphoristiker wie Stanislaw Jerzy Lec: „Ein kleiner Satz macht viel Rabatz.“

Auf das Image des Rebellen abonniert war lange Zeit Andrzej Stasiuk, bekannt geworden mitseinen atmosphärischen Landschaftsporträts „Die Welt hinter Dukla“ oder „Neun“, einem kriminalistischen Warschau-Panorama in Cinemascope. Ähnlich wild gebärden sich im Bereich der Prosa heute jüngere Autoren wie Dorota Maslowska („Schneeweiß und russenrot“), Michal Witkowski, der 2005 mit „Lubiewo“ den ersten Schwulen-Roman im katholischen Polen vorlegte, oder der 1972 in Schlesien geborene Wojciech Kuczok mit „Dreckskerl“. Seine Generation sei in einem „Ozean kommunistischer Trostlosigkeit“ aufgewachsen, so Kuczok. Der 31-jährige Danziger Tadeusz Dabrowski, der zu den hoffnungsvollsten jüngeren Lyrikern zählt, schreibt in „Das zeitgenössische Gedicht“: „Früher nahm man an, es ernähre sich von menschlichem Blut, aber es / begnügt sich mit Fliegen, einem Maikäfer, einer Motte“. Damit bringt er den Bedeutungswandel, den die polnische Literatur seit 1989 erfahren hat, auf den Punkt.

Eine Solitärin wie Olga Tokarczuk scheinen solche Debatten wenig zu kümmern. Ihr neuer Roman „Der Gesang der Fledermäuse“ führt mitten in den winterlichen Wald und zu dessen kauzigen Bewohnern. Und auch die Schriften Karol Wojtylas alias Papst Johannes Paul II., darunter der Gedichtband „Der Gedanke ist eine seltsame Weite“, erfreuen sich ihrer konstanten Leserschaft. Katrin Hillgruber

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