Zeitung Heute : Ein Klischee macht die Grätsche

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Immer für die Kleinen ist auch keine gute Idee

Von Lorenz Maroldt

Tür auf mit Schwung, und Ötzi schiebt sein Wägelchen rein, ein Strahlemann im ganzen Gesicht. Heyheyhey, ruft er, den Daumen erhoben, und damit ist klar: die Türken führen. Wie er das nur so schnell wieder mitgekriegt hat.

Kurz darauf, noch in der Halbzeitpause: Mail von Christoph Daum. Wir müssen ein Thema für seine Kolumne besprechen, wie jeden Tag um die gleiche Zeit, aber eigentlich müssen wir das ja heute nun nicht mehr. Er kennt die Trikots der Türkei wie kaum ein anderer Fußballexperte, wenn also nicht er, und wenn er nicht heute, wer dann und wer wann? Er macht es, na logo, und schon steht’s im Sportteil, Seite 22.

Was jetzt? Was sonst: Auf dem Weg zum Dönerladen noch schnell in die Berlin-Redaktion. Aufregung hier; wenn es so bleibt wie es steht, wird das noch ein ganz heißer Tanz. Türkei spielt, Italien spielt auch. Also, wer ist in Kreuzberg, wer in Neukölln? Wer fährt in die Pizzeria? Nein, für die Reportage natürlich!

Der Döner wird schnell und blind gestopft und gesalzen, die Augen hängen fest oben links in der Ecke, der Kunde ist hier heute nur lästig, und zwar: völlig zu Recht. Es gibt, frei nach Lafontaine, ja noch Fußballspielentwürfe, für die wir uns begeistern. Können. Oder könnten?

Ein Satz aus der eigenen Zeitung wiederholt sich wartend im Kopf: Der deutsche Fußball ist so blutgrätschend und zermürbend wie ehedem, veröffentlicht am Tag nach dem 8 : 0. Und eine Szene kommt aus der Tiefe zurück, Weltmeisterschaft in Italien, Sommer `90, Deutschland spielt gegen Holland, und alle, fast alle in der studentischen Schlaumeierwohnung, wo der Fernseher läuft, halten, korrekt und ganz klar - zu Holland. Nur wir nicht, wie schade, und jetzt sind die Käsköppe nicht mal dabei. Was gibt es schöneres als einen Sieg über Holland?

Mensch Ötzi, sage ich zu Strahlemann Ötzi, von dem man doch weiß, dass er viel mehr Kurde ist, weniger Türke: Mensch Ötzi, sage ich also, als die Türkei noch führt und er sich so freut, bist du jetzt Nationalist? Ach ne, kein bisschen, sagt er und lacht: Er ist doch nur für die Schwachen, immer die Außenseiter.

Etwas später wird er dann doch noch traurig, aber nur ein klein bisschen. Wäre ja auch zu komisch, wenn immer und immer wieder nur die Außenseiter beim Fußball siegten. Für wen könnte man sich dann wohl noch freuen, na?

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