Zeitung Heute : Ein Königsdrama - erschütternd

Joachim Huber

Schäubles Fall: Innenansicht einer Affäre. Phoenix. Helmut Kohl hält ihn noch gefangen. Einem bösen Geist gleich schwebt der Altkanzler und ehemalige CDU-Vorsitzende über Wolfgang Schäuble, dem scheidenden CDU-Chef. Harte Worte findet Schäuble für Kohl, der ihn seiner bitteren Erkenntnis nach um Ämter und politische Zukunft gebracht hat - nicht aber um seine Würde und seine Selbstachtung. Am Ende des Films ist dieses Politikers Katharsis fast vollzogen. Was noch rumort, das muss diese unheimliche Wut sein, eine Wut auf Helmut Kohl, die Wolfgang Schäuble nur mühsam im Zaum hält.

Es ist kein Stück Fernsehen jüngeren Datums erinnerlich, in dem der Zuschauer einem Politprofi so nahe kommt, weil Schäubles Fall ihm so nahe geht. Der Zuschauer wird emotional gepackt, ja erschüttert. Dabei fängt die Arbeit von Stephan Lamby und Michael Rutz in dokumentarisch bewährter, chronologischer Weise an. Präzises Handwerk, nicht mehr - dann jedoch, mit dem Einführen von Schäubles Biografie, seinem Aufstieg an der Seite des CDU-Übervaters, fasst der Film neuen Tritt; er wird, wenn auch unnötig überbetont in der wiederkehrenden Schachspiel-Metapher, zum Königsdrama. Da ringen zwei miteinander, oft unsichtbar, auf mehreren Feldern, zuletzt in offener Feldschlacht, in der Kohl und seine Kohlianer, so sieht es Schäuble, ihre infamste Intrige fahren. Die Dokumentation, jetzt überlegen und über verschiedene Ebenen gebaut, gerät zum Schaustück, eine politische, eine menschliche, eine persönliche Innenansicht einer Affäre. Vielleicht ist Schäubles Fall Kohls letzter Sieg und darin seine größte Niederlage. Unter dem Eindruck der 67 Minuten hofft man auf letzteres.

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