Zeitung Heute : Ein Koffer Hoffnung

Ingo Wolff

Im Sommer ist Schweden ein Traum. Klare Seen, einsame Wälder und endlose Tage. Nur die Mücken stören von Zeit zu Zeit. Was kann einen da ins ferne und unbekannte Afrika ziehen? Sonne, die einen fast verbrennt oder Menschen, die an Zauberei glauben? Die Antwort ist einfach: Schwedens Winter.

Hans Olofson hat genug von feuchten Wollsocken, seinem ewig alkoholisierten Vater und eisigen Nächten in der Provinz, wo sich alles ums Baumfällen dreht. Deshalb folgt er zwanghaft einem Traum. Nicht seinem eigenen – denn ein starker Wille ist bei ihm kein hervorstechendes Merkmal. Es ist der Traum seiner Freundin Janine, die sich das Leben nimmt und von der ihm nichts bleibt außer der diffusen Vorstellung von einem exotischen Ort: Mutshatsha. Dorthin reist der junge Schwede mit einem Koffer, reichlich Hoffnung und ein paar feuchten Wollsocken.

Aus ein paar Tagen, die er vorgehabt hatte zu bleiben, werden zwei Jahrzehnte, weil sich Hans Olofson in der Mystik Afrikas verfängt und weil ihm das Angebot, die Hühnerfarm einer Engländerin zu übernehmen, Zuflucht vor der eigenen Ziellosigkeit bietet. In Wahrheit ist Olofsons Leidenschaft jedoch die von Henning Mankell. Der schwedische Krimiautor hat in „Das Auge des Leoparden“ sein eigenes Leben verarbeitet – der Roman lebt von den Widersprüchen Afrikas, der Zerrissenheit nach der Entkolonialisierung und der widerwilligen Erkenntnis, dass Hoffnung sterben kann.

Der Roman ist bereits 1990 im schwedischen Ordfront Verlag erschienen, doch damals interessierte sich niemand außerhalb Schwedens für dieses Buch. Erst mit „Der Chronist der Winde“ und „Die rote Antilope“ eroberte der Autor die weltweite Leserschaft. Auf diesen Erfolg bauend, kramte sein Verlag in alten Kisten, fand Mankells erstes – und authentischstes – Afrika-Buch wieder und übersetzte es für Nichtschweden.

Was bleibt? Im Sommer wird wieder eine einsame Blockhütte in Schweden gebucht und ein Stück von Mankells geheimnisvollem Afrika darf mit.

Henning Mankell: Das Auge des Leoparden. Aus dem Schwedischen von Paul Berf, Roman. Paul Zsolnay Verlag, Wien. 379 Seiten, 21,50 €.

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