Zeitung Heute : Ein Kraftakt

Sein Image war und ist nicht gut: Als Teuro ist er bei den Verbrauchern verschrien, Kanzler Schröder nannte ihn eine kränkelnde Frühgeburt. Jetzt macht der Euro Boden zum Dollar gut und hat seit seinen Tiefstständen 20 Prozent zugelegt. Aber viele sehen das mit gemischten Gefühlen.

Rolf Obertreis[Frankfurt (Main)]

DER EURO STEIGT IM KURS

Von Rolf Obertreis,

Frankfurt (Main)

Der heutige Bundeskanzler war schon im Frühjahr 1998 skeptisch – als er noch gar nicht Bundeskanzler war. Acht Monate vor der Einführung des Euro bezeichnete Gerhard Schröder die neue Währung als „kränkelnde Frühgeburt“ und warnte vor Schönfärberei. Der Euro kam trotzdem am 1. Januar – zunächst als Buchgeld, erst seit Anfang 2002 steckt er als Bargeld in unseren Portemonnaies – und das mit beachtlicher Stärke. Mit einem Kurs von fast 1,18 Dollar schickten ihn die europäischen Finanzminister und die Europäische Zentralbank (EZB) ins Rennen. Und EZB-Präsident Wim Duisenberg freute sich: „Ein Euro ist ein Euro.“ Das sagte er auch noch, als der Kurs schon wenige Wochen nach dem Start deutlich in die Knie ging. Gelassenheit und Selbstbewusstsein wollte der Niederländer zur Schau stellen. So wie es die Amerikaner gemeinhin tun: Ein Dollar ist eben ein Dollar. Was sonst?

Duisenberg hat die Worte oft wiederholt, dem Euro geholfen hat es trotzdem nicht. Die Talfahrt setzte sich 1999 und 2000 rasant fort. Begleitet von Beschwichtigungen aus dem Frankfurter Euro-Tower. Aber die Euphorie war dahin, bei vielen Politikern, bei Volkswirten und bei Unternehmern. Die Verbraucher wurden skeptisch. Nichts würde es so schnell mit dem Euro als zweitwichtigster Reservewährung der Welt. Zumindest 1999 klammerten sich die Experten noch an optimistische Prognosen. Zum Jahresende werde der Euro wieder sein Niveau vom Jahresanfang erreichen: 1,18 vielleicht sogar 1,22 Dollar. Für Wim Duisenberg blieb „ein Euro ein Euro“.

Aber selbst Zinserhöhungen nutzen nichts. Der Euro wurde schwächer und schwächer. Interventionen zur Stützung der Einheitswährung wurden angemahnt. Duisenberg lehnte sie entschieden ab. Im Herbst 2000 griff die EZB doch mehrfach ein, als die Schwelle von 87 und sogar 86 US-Cent nach unten durchbrochen wurde. Der Euro war zum vermeintlichen „Weich-Ei“ mutiert, schwächte das Ansehen der EZB, Europas. Drohte die europäische Wirtschaft über teure Importe mit unerwünschter Inflation zu überziehen. Wobei die schlaffe Währung den Unternehmen in Euroland, vor allem den deutschen alles andere als unlieb war. Denn sie verbilligte ihre Exporte und sorgte für einen erheblichen Preisvorteil gegenüber den Konkurrenten aus den USA. Angesichts der flauen Konjunktur in Euroland war das hochwillkommen. Auch wenn es die Manager nicht so laut herausposaunten. Die milliardenschweren Interventionen der europäischen Notenbanker zeigten nur begrenzt Wirkung. Bis zum Sommer 2002 dümpelte der Euro knapp unter oder über der Marke von 90 US-Cent. Immer noch gut für die Exportwirtschaft, schlecht für das Ansehen des alten Kontinents. Der schwache Euro war ganz offensichtlich Ausdruck der Wirtschaftsschwäche Europas, des Reformstaus und der immer wieder aufflammenden politischen Differenzen zwischen den Mitgliedsländern. Eine Währung mit zwölf verschiedenen Nationen ist ein historisch einmaliger Vorgang, der Probleme mit sich bringt.

Seitdem allerdings geht es mit dem Euro bergauf. Schon im Herbst streifte er kurz die Parität. Ein Euro war auf einmal nicht mehr nur ein Euro, sondern auch ein Dollar. Im November wurde die Parität endgültig genommen, jetzt sind es mit 1,10 Dollar schon wieder zehn Prozent mehr. An den wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen hat sich gleichwohl nichts geändert. Im Gegenteil: Die Konjunktur läuft noch langsamer. Deutschland, die größte Volkswirtschaft im Euroraum steckt in der Stagnation. Rezession ist nicht mehr weit, Reformen sind rar. Und trotzdem steigt der Euro. Die Begründung liefert Amerika: Das wachsende Haushalts- und Leistungsbilanzdefizit, die steigende Verschuldung, die Gefahr von Terroranschlägen und der drohende Krieg im Irak schwächen den Dollar. Auf lange Zeit, sagen Volkswirte. Und sehen den Euro schon bei 1,40 Dollar. Ein Graus wäre das für die europäische, vor allem die deutsche Exportwirtschaft. Die Klagen sind schon jetzt laut.

Trotzdem ist die Aufregung überzogen. Wechselkurse neigen zu Übertreibungen. „Ein schwacher Außenwert ist nicht notwendigerweise schlecht, ein starker Außenwert nicht notwendigerweise gut“, sagt Axel Siedenberg von der Deutschen Bank. Manches spreche sogar dafür, dass der Euro Deutschland vor einer wesentlich dramatischeren Schwäche der Mark bewahrt hat. „Der Wechselkurs des Euro gegenüber dem Dollar ist für uns sehr viel unwichtiger, als nervöse, junge, selbst ernannte Analysten das Börsenpublikum glauben machen wollen“, sagte Altbundeskanzler Helmut Schmidt im Herbst 2001 und plädierte für Gelassenheit. Tatsächlich sind die vermeintlichen Eskapaden des Euro historisch betrachtet nichts Ungewöhnliches in einem Wechselkursgefüge. 1,35 Mark kostete der Dollar Mitte der neunziger Jahre – die deutschen Exporte kletterten trotzdem um fast sechs Prozent – zehn Jahre zuvor waren es 3,47 Mark und 1980 nur 1,92 Mark. Vor allem aber: Der Euro birgt für ebenso viel, eher für mehr Preisstabilität in Europa. Und in Deutschland allemal, bei Inflationsraten von deutlich unter zwei Prozent. Auch daran misst sich der Wert einer Währung.

Wim Duisenberg kommentiert den Wechselkurs im Übrigen kaum noch. Schon gar nicht mit den Worten: „Ein Euro ist ein Euro.“

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