Zeitung Heute : Ein Krieg wandert ein

Der Tagesspiegel

Von Sabine Heimgärtner, Lyon

Schweigend vermessen fünf Experten einer Versicherung die Räume der Synagoge im Lyoner Stadtteil La Duchère. Vom Ruß sind ihre Hände schwarz. Einige Stunden später werden sie feststellen, dass der Brandanschlag vor zwei Wochen Schäden in Millionenhöhe angerichtet hat. „Schauen Sie sich das an“ – viel mehr bringt der Hausmeister des jüdischen Gotteshauses nicht über die Lippen. Wie abwesend reibt er mit dem Finger über die blauen Polster der Stuhlreihen des Gebetssaales. Ölig schwarz.

Beim Eintreten in den Raum fällt der Blick rechts auf die Garderobenständer, an denen im Feuer geschmolzenen Kleiderbügel hängen. Manche sind durch die Hitze auf Fingergröße geschrumpft. Auch diese kleineren Hinterlassenschaften des Terrors erschrecken. Wie etwa das kaum noch lesbare Plakat mit der Aufschrift auf Hebräisch und Französisch: „Die Achtung des Menschen gegenüber seinem Nächsten“ und der zerbrochene Türgriff am Haupteingang, ein goldener Davidstern.

Das jüdische Passah-Fest hat die Gemeinde von La Duchère trotz der Verwüstungen gefeiert. Das hat viel mit dem Engagement ihres Präsidenten zu tun. Im Gesicht von Maurice Obadia steht Wut, aber auch Trotz: „Wir dürfen uns jetzt nicht unterkriegen lassen.“ Es war ein Feiertag im Ausnahmezustand, unter Polizeischutz, in einem Notquartier. Nicht im Gebetsraum, wo es immer noch beißend nach Rauch und Benzin riecht, nicht im Festsaal, wo der Boden von einem glitschigen Rußfilm überzogen ist, und schon gar nicht im Foyer. Dort ist alles verbrannt und voller Glassplitter. Ein verbogenes Autokennzeichen ist die einzige Spur, die auf die geflüchteten Täter hinweist. Zwei Fahrzeuge, beladen mit Molotow-Cocktails, rammten die beiden Portale der Synagoge. Die Fahrer flüchteten, hinter sich ließen sie die brennenden Autos und die Flammen, die sich schnell in die Räume fraßen.

So war das am 30. März. Aber es blieb nicht dabei. Was in Lyon geschah, passierte auch in Marseille und Nizza. In Straßburg explodiert eine Bombe auf dem jüdischen Friedhof. In Paris wird ein Bus mit jüdischen Schülern mit Steinen beworfen. Im Elsass geht eine Synagoge in Flammen auf. Die Kette der Anschläge will nicht enden. Erst vor drei Tagen wird der Friedhof in Straßburg erneut geschändet. Der Grund für all dies ist nicht schwer zu erraten. Mehr als jedes andere europäische Land ist Frankreich vom Krieg in Israel betroffen. 700000 Juden leben hier und etwa sechs Millionen Muslime – das sind die jeweils größten Gemeinden in Europa.

Maurice Obadia will schnell zur Sache kommen und gibt sich betont sachlich. Nur sein schnelles Reden verrät, wie sehr ihn das alles schockiert. Zündeleien, Schmierereien, Drohungen, tätliche Angriffe – das alles habe es zwar schon lange gegeben, aber nun „hat das drastisch zugenommen – die Feindseligkeiten, der Rassismus, die Angst.“ Obadia will zwar nicht von den „Vorläufern einer neuen Kristallnacht“ sprechen wie das Zentrale Israelitische Konsistorium, aber mit Frankreichs Regierung geht er genauso hart ins Gericht wie der Präsident des Zentralrats der Juden in Frankreich, Roger Cukierman: Er wirft Premierminister Lionel Jospin und Staatspräsident Jacques Chirac vor, frühzeitige Warnungen vor einer Zunahme antisemitischer Akte nicht ernst genommen zu haben. Die Pariser Regierung trage eine „große Mitverantwortung“ für die Anschläge: zu lasche Strafgesetze, zu wenig Konfliktbereitschaft, zu tolerante Einwanderungsbestimmungen.

Aus der französische Traum von der friedlichen Koexistenz von Juden und Muslimen? Rein räumlich gesehen nicht. Direkt neben der Synagoge von La Duchère liegt die örtliche Moschee, eine schmucklose Wellblechbaracke. Vom Rest der grauen, trostlosen Großsiedlung hebt sie sich nicht ab. Dort werden die Täter vermutet. Dort gehen die 70 Prozent der 18 000 Einwohner von La Duchère ein und aus, von deren sozialen Problemen Obadia nicht allzu viel wissen will. „Die junge algerische Einwanderergeneration ist nicht zu bedauern. In den 60er Jahren hatten sie nicht einmal ein paar Centimes, um sich ein Baguette zu kaufen, heute haben sie alle ein Auto.“ Damit fährt die Stadtteiljugend vor dem einzigen Café vor. Halbwüchsige arabische Franzosen, die sich hier treffen, einen Kaffee trinken, an den Spielautomaten herumhängen.

„War immer schon ein Problemviertel“, sagt der Zeitungshändler von nebenan, „nicht sehr lustig·“ Und er weiß auch gleich den Grund dafür: „Kein Wunder, diese Aggressionen, die Jugend lässt sich Tag ein, Tag aus von arabischen Fernsehprogrammen berieseln, die den Hass schüren.“ Die meisten hätten es offenbar nicht nötig zu arbeiten. „Aber natürlich gibt es auch die anderen, die so sind wie wir“, ergänzt er mit leiserer Stimme, nachdem ihn seine Frau kurz gestupst hat, als ein Araber den Zeitungsladen betritt. Misstrauen, man beäugt sich, man meidet sich. Immer klarer wird in diesen Wochen: Die Integration der jungen Maghrebiner ist offenbar gescheitert.

Von denen will hier vor dem Café niemand so richtig reden. Wer das Attentat auf die Synagoge begangen haben könnte? Schulterzucken. Der 18-jährige Mustafa weist jeglichen Zusammenhang zu den Muslimen des Viertels von sich: „Wir sind keine Antisemiten. Wir mögen sie nicht, aber das ist normal, wenn man bedenkt, was Israel den Palästinensern antut.“ Die Vorstände der großen französischen Moscheen haben eindringlich davor gewarnt, ihre Glaubensbrüder vorzuverurteilen und „alles über einen Kamm zu scheren“. Es gebe Araber, die auf der Seite der Palästinenser stehen, aber keineswegs Antisemiten seien.

Maurice Obadia fragt sich, wie lange er die Jugendlichen seiner Gemeinde noch davon abhalten kann, zurückzuschlagen. Erste Zusammenstöße zwischen Gruppen extremistischer Juden und aggressiven Arabern gab es vor einer Woche bei einer pro-israelischen Großdemonstration in Paris. Noch versuchen die Verantwortlichen auf beiden Seiten, die Leidenschaften im Zaum zu halten. „Vorbild sein“ hält Obadia jetzt, mitten in der Krise, für die erste Bürgerpflicht. „Hier in der Synagoge werden wir alles wieder aufbauen und weitermachen.“

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