Zeitung Heute : Ein Kristall im Untergrund

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Er ist der Kristall unter den neuen Bahnhöfen der Stadt – der Regionalbahnhof Potsdamer Platz. Zumindest will die Architektengemeinschaft Hilmer & Sattler, Hermann + Öttl, Modersohn diesen Eindruck vermitteln. Um zu vermeiden, dass die riesige Betonanlage im Erdreich wie eine Höhle wirkt, haben sie die Wände mit Glas versehen, das von hinten beleuchtet wird. Die Decke ist blau gestrichen und wird ebenfalls von Lampen angestrahlt. So soll ein von Beton und Erdreich umschlossener Kristall entstehen. Ob dies den Architekten gelungen ist, kann man schon lange überprüfen, denn die Verteilerhalle ist seit mehr als fünf Jahren fertig und geöffnet. Nur die Zugänge zu den beiden neuen Bahnsteigen eine Etage tiefer waren bisher verrammelt, weil die Arbeiten auf den Bahnsteigen noch nicht abgeschlossen waren.

Das Zwischengeschoss hatte auch ohne den Regionalbahnhof schon eine wichtige Funktion. Es verbindet die Komplexe von DaimlerChrysler und Sony mit dem bereits 1939 eröffneten S-Bahnhof Potsdamer Platz. Dieser war in der Teilungszeit der Stadt geschlossen, die Züge fuhren ohne Halt durch den „Geisterbahnhof“.

Auch der alte Bahnhof ist auf Vordermann gebracht worden. Weil für die denkmalgeschützte Anlage das zur Eröffnung von dem Architekten Richard Brademann verwendete Opalglas nicht mehr produziert wird, hat das Büro „montagarchitekten“ im Zwischengeschoss bei der Wandverkleidung auf Glas zurückgegriffen.

Brademann hatte dem Bahnhof Orange als Kennfarbe verpasst und die Kapitelle der Säulen mit orangen Klinkern verkleidet. Judith Weinstock-Montag und Jan Montag haben sich etwas Besonders einfallen lassen: Sie beleuchten die Kapitelle durch orangefarbene LED-Bänder. Auch die Entrauchungsanlage ist ein technischer Clou. Die Klappe befindet sich auf dem Mittelstreifen der Leipziger Straße. Sollte es im Bahnhof brennen, wird diese Platte hydraulisch angehoben, damit der Rauch entweichen kann. Sie ist so angelegt, dass eines Tages auch Straßenbahngleise daran vorbeiführen könnten.

Acht Geschäfte gibt es in der Mittelpasserelle; alle sind vermietet. Die S-Bahn hat ein Kundenzentrum eingerichtet. 1,4 Millionen Euro hat sich die Bahn den Bau der Geschäfte kosten lassen, in den Bahnhof selbst hat sie 7,8 Millionen Euro gesteckt, wobei der Bund mit 5,2 Millionen Euro den Löwenanteil übernommen hat. Finanzierungsprobleme hatten den Ausbau des Bahnhofs lange verzögert.

1992 war er provisorisch wieder eröffnet worden. Jahrelang waren nicht einmal die Wände verkleidet. Die inzwischen angebrachten Opalglasplatten, die man damals noch auftreiben konnte, sind inzwischen zum großen Teil zersprungen. Durch die Arbeiten am benachbarten neuen Regionalbahnhof und an den Gebäuden auf dem Platz hat sich der alte Bahnhofsbau gesetzt; das Zwischengeschoss senkte sich um 15 Zentimeter.

Bisher nutzten etwa 35 000 Fahrgäste den Bahnhof täglich. Und wenn jetzt auch noch drei Regionalbahn-Linien im benachbarten neuen Bahnhof stoppen (RE 3 Stralsund/Schwedt – Elsterwerda/Senftenberg, RE 4 Wismar – Ludwigsfelde/Luckenwalde und RE 5 Rostock/Stralsund – Falkenberg/Lutherstadt Wittenberg wird die Zahl weiter steigen.

Die BVG fährt mit den Buslinien M 41, M 48, 200 und 347 sowie mit der U-Bahn-Linie U 2 zum Potsdamer Platz. Einen direkten Übergang zwischen dem U-Bahnhof und dem S- und Regionalbahnhof wird es weiter nicht geben. kt

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