Zeitung Heute : Ein Land in Zorn und Ohnmacht

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Von Klaus Bachmann, Den Haag

Manche halten Kerzen in den Händen, andere haben Flugblätter mitgebracht. Eine Stunde ist es her, dass die Nachricht vom Mord am Rechtspopulisten Pim Fortuyn durch die Medien gegangen ist, schon sind die ersten seiner Anhänger vor dem Regierungsgebäude in der Innenstadt von Den Haag eingetroffen.

Ein junger Mann steht etwas abseits, auch er trägt einen Handzettel mit einem Aufruf, für Fortuyn zu stimmen. „Ist jetzt auch nicht mehr wichtig“, murmelt er, „vorbei.“ Seine Freundin schmiegt sich an ihn. „Er war die Hoffnung auf Veränderung für uns“, sagt eine ältere Passantin. „Jetzt ist die Hoffnung weg.“

Auch ein paar Skinheads sind in der Menge. Ein Jugendlicher mit hochrotem Kopf liefert sich ein Schreiduell mit einem kahlköpfigen Mittvierziger und wedelt dabei heftig mit der Fotokopie eines Pim-Fortuyn-Porträts: „Um fünf vor sechs lebte er noch“, brüllt der junge Mann, „um fünf nach sechs ist ertot. So etwas passiert heute in unserem Land.“ Der Junge weint fast. Ein anderer hält, auf die Absperrung vor dem Regierungsgebäude gestützt, einen Vortrag über das „Böse des Islam, das Satanische“. Daneben steht eine ältere blonde Frau mit einer brennenden Kerze, mit leeren Augen blickt sie in Richtung des Polizeispaliers, das den Zugang zum Ministerrat für Außenstehende versperrt.

Die Menge vor der Absperrung wird immer größer. 600 Menschen sind inzwischen auf dem Platz vor dem Regierungs- und Parlamentsgebäude, in dem die kurzfristig von Premier Kok einberufene Sondersitzung des Kabinetts stattfindet. Immer wieder dringen „Pim Fortuyn“-Sprechchöre durch die Innenstadt, unterbrochen vom Geheul der Feuerwehrsirenen. Unbekannte haben Autos in der Tiefgarage unter dem Haager Binnenhof in Brand gesetzt. Die Demonstranten, darunter viele angetrunkene Jugendliche, versuchen nun die Absperrung vor dem Ministerratsgebäude zu demolieren, argwöhnisch beobachtet von gerade einmal zwei Dutzend unbewaffneten Polizisten ohne Kopfschutz, darunter ein halbes Dutzend Hundeführer. Die Stimmung auf dem Platz wird immer aggressiver, einige junge Demonstranten werfen Gegenstände in Richtung Polizei und entfachen einen Brand vor dem Eingang. „Kok, du Mörder“ rufen einige. Ein junger Mann läuft mit einem schwarzen Plakat mit roter Aufschrift durch die Menge. „Die Partei der Arbeit hat einen Mord begangen“, steht darauf.

Kurz zuvor hatte Ministerpräsident Wim Kok die Niederländer im Fernsehen aufgerufen, die Ruhe zu bewahren. Er sprach von einem „tragischen Moment“. Der Chef der regierenden Partei der Arbeit (PvdA) Ad Melkert nannte den Anschlag erschreckend: „Die niederländische Demokratie hat ihre Unschuld verloren.“

Kurz vor seiner Ermordung, am Montagabend hatte der 54-jährige Pim Fortuyn noch bei einem Interview auf Radio Hilversum gesagt, er rechne mit einem langen Leben. Einer seiner Mitarbeiter erzählte, Fortuyn habe am Montag immer wieder gesungen: „Ich gewinne die Wahl, ich gewinne die Wahl.“ Am Abend dann sah man seinen leblosen, blutüberströmten Körper auf dem Parkplatz vor dem Mediapark Hilversum in den Sondersendungen der Fernsehnachrichten. Ein 33-Jähriger hatte aus einer Pistole fünf Schüsse auf den Politiker abgefeuert, er traf ihn in Rücken, Hals und Kopf – die herbeigerufenen Sanitäter konnten Fortuyns Leben nicht mehr retten.

„Professor Pim“

Der kahlgeschorene Politiker, der gerne elegante Maßanzüge trug, hatte sich zum Ziel gesetzt, nach den Wahlen einen politischen Umbruch in den Niederlanden durchzusetzen – das Ende der Vormacht der PvdA von Wim Kok, die in der zweiten Legislaturperiode in Den Haag regiert. In Rotterdam, wo Fortuyn bei den Kommunalwahlen am 6. März mit der stärksten Fraktion in den Gemeinderat eingezogen war, schickte er die Sozialdemokraten in die Opposition und bildete eine Stadtregierung mit Rechtsliberalen und Christdemokraten.

Für die Parlamentswahlen am 15. Mai hatte man seiner Partei „Liste Pim“ 20 bis 26 der 150 Sitze prognostiziert. „Professor Pim“, wie sich der Soziologe und frühere Universitätsprofessor selbst nannte, forderte die Abschaffung des ersten Artikels der niederländischen Verfassung, die Diskriminierung verbietet. Der bekennende Schwule machte mit Parolen gegen Einwanderer Stimmung. Asylsuchende, so sagte er einmal, sollten doch mit einem Zelt und ein wenig Nahrung in ihre Nachbarländer gehen, anstatt in die Niederlande zu flüchten. Den Islam bezeichnete er als „zurückgebliebene Kultur“. Sein Slogan war: „Die Niederlande sind voll.“

Fortuyn wurde oft mit Österreichs Jörg Haider und Frankreichs Jean-Marie le Pen verglichen, er selbst geriet darüber jedoch in Rage: „Ich bin kein Rassist, ich bin Modernist“, sagte er zu einem Journalisten. Schließlich würden ihn Ausländer wählen, und auf Platz zwei seiner Liste stehe mit Joao Varel ein Mann, der vor 20 Jahren aus den Kapverden in die Niederlande eingewandert ist.

Doch bei liberaleren Holländern stießen seine Äußerungen auf Ablehnung, sie warfen Fortuyn vor, einen Keil zwischen Einheimische und Zuwanderer zu treiben. Linke Gegner hatten ihm bei der Präsentation seines Parteiprogramms eine Cremetorte ins Gesicht geklatscht und sein Pult mit Hundekot beschmiert.

Der Rechtspopulist hatte bereits vor seiner Ermordung gesagt, dass er sich bedroht fühle und einen Umzug nach Belgien erwäge. Deshalb wurde auch sofort über einen linksradikalen Hintergrund der Ermordung spekuliert. Kurz nach der Tat nimmt die Polizei auf einem beim Tatort gelegenen Tankstellengelände einen bewaffneten Mann fest. Noch am selben Abend tritt Justizminister Benk Korthals vor die Kameras und verkündet, die Polizei habe einen „33-jährigen weißen Niederländer“ festgenommen, der bisher keine Aussage zu der Tat machen wolle. Damit wollte er Ausschreitungen gegen niederländische Einwanderer verhindern. Gleichzeitig wird eine umfassende Liste der Kontakte zwischen Fortuyn und der Rotterdamer Polizei bekanntgegeben – wie um die Medienberichte zu widerlegen, die behaupten Fortuyn habe nach einer Serie von Drohbriefen Polizeischutz verlangt, aber nicht bekommen. Henk Westbroek, einer der Gründer von Leefbaar Nederland (Lebenswerte Niederlande), dessen Spitzenkandidat Fortuyn bis zum Februar war, gießt noch zusätzlich Öl ins Feuer mit der Bemerkung, ein Teil der Politiker und der Medien habe mit der Dämonisierung von Fortuyn eine Atmosphäre geschaffen, in der eine solche Tat möglich wurde. Mit n nennt er Ad Melkert, den Spitzenkandidaten der PvdA, und den Fraktionschef von Linksgrün, Paul Rosenmüller.

Am Dienstagvormittag sagt die Polizei, der festgenommene Verdächtige „sei möglicherweise ein Umwelt-Aktivist“, als sie seine Wohnung in Harderwijk in der Provinz Gelderland durchsucht, findet die Polizei Unterlagen, die darauf hindeuten sollen. Die Beamten beschlagnahmen einen Computer und Dokumente. Die Waffe trug der Mann noch bei sich, als er kurz nach der Ermordung Fortuyns festgenommen wurde. In seiner Wohnung findet die Polizei Munition des gleichen Kalibers. Der Mann soll verheiratet und bisher nicht vorbestraft sein.

Auf dem Haager Binnenhof demonstrieren Fortuyns Anhänger auch gegen eine Verschiebung der Wahlen. „Das ist Betrug“, ruft einer in eine Kamera, „das werden wir nicht zulassen.“ Nach Mitternacht ziehen Gruppen von Jugendlichen durch die Innenstadt und versuchen, Läden zu plündern. Die Polizei nimmt 20 Personen fest, immer wieder jagen Ambulanzen durch die Stadt, auch aus dem Regierungsgebäude. Offenbar gibt es auch unter den Wachen dort Verletzte.

Wahlen nach Plan

Die Regierung beschließt, am Dienstag nur im kleinen Kreis Beratungen über eine Verschiebung der Wahlen zu führen. Die Führungen der im Parlament vertretenen Parteien sind dabei und auch eine Vertretung von Fortuyns Liste. Am Nachmittag gibt Ministerpräsident Kok dann bekannt, die Parlamentswahlen würden wie geplant durchgeführt. Bei der Gedenkstunde der Ersten Parlamentskammer sagt er: „Damit dienen wir der Demokratie am besten, die diesen schweren Schlag erhalten hat.“

Nach der Ermordung des umstrittenen Politikers werden sich nun viele Niederländer erst recht solidarisch erklären mit Fortuyns Partei, was auch Auswirkungen auf die Wahlen am 15. Mai haben kann. Noch in der Nacht laufen spontan Tausende vor Fortuyns Rotterdamer Wohnung zusammen und verwandeln den Eingang in ein Monument aus Blumen, Teddybären und Kerzen. Viele weinen. Bis zum Dienstagvormittag haben über 5000 Menschen die Kondolenzliste unterschrieben. Zwei große niederländische Flaggen liegen vor der Villa. Unter den Trauernden sind viele Anhänger des Fußballvereins Feyenoord Rotterdam – und auch junge Menschen ausländischer Herkunft.

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