Zeitung Heute : Ein Land ist gefangen

Nach dem gewaltsamen Tod eines italienischen Zivilisten ist eine ganze Nation geschockt. Jetzt geht die Terrorangst um. Und die Zweifel an dem US-Vorgehen im Irak wachsen. Denn Berlusconi fürchtet einen ähnlichen Meinungsumschwung wie in Spanien.

Paul Kreiner[Rom]

Es geht auf Mitternacht zu und im Fernsehen läuft diesmal eine Polit-Talkshow von besonders quälender Art ab. Normalerweise dient „Porta a Porta“ der Selbstdarstellung von Politikern. Regierungschef Silvio Berlusconi darf zur Verkündung seiner großen Werke hier gelegentlich allein auftreten. Doch diesmal? Die Sendung fängt verspätet an, der Außenminister ist vom Telefon nicht losgekommen, und dann – ein Drittel aller Italiener hängt an den Fernsehgeräten – greift die Beklemmung um sich: Er habe, gibt der Minister live bekannt, soeben erfahren, dass im Irak einer der vier entführten Italiener erschossen worden sei. Der Name des Getöteten ist Fabrizio Quattrocchi. 36 Jahre alt, gelernter Bäcker, umgestiegen in die Wach- und Sicherheitsbranche, schwarzer Gürtel im Taek-Won-Do, Rausschmeißer in Diskotheken, Bodyguard, von der Armee als Freiwilliger für Afghanistan abgelehnt, dann aber angeheuert für private Einsätze im Irak, gelockt mit einem Monatsgehalt um die 10 000 Euro. Seiner Mutter in Genua hat Quattrocchi gesagt, er gehe in den Kosovo. Und zu Ostern hat er sie angerufen: „Ein paar Schießereien gibt’s hier, aber ich bin in einer ruhigen Zone. Mach’ dir keine Sorgen.“

Außenminister Frattini sagt, Quattrocchi sei „als Held“ gestorben. So wie man es auch von den 19 italienischen Carabinieri in Nassirija gesagt hat, die bei einem Bombenanschlag im November ums Leben gekommen sind. Damals hat sich die Nation um ihre 3000 Soldaten im Irak zusammengeschlossen. Die Zustimmung zu deren „Friedenseinsatz“ ist weiter gestiegen, und mit ihr die Zahl der Soldaten und der privaten Sicherheitsleute, die sich in den Irak melden wollten. Damals hat sich auch Quattrocchi anwerben lassen, und zwar für die Truppe eines Söldners, der aus offenbar begründeter Angst vor Strafverfolgung seiner italienischen Heimat fern bleibt. Was diese Truppe im Irak tut, ob sie tatsächlich nur Schulen und Unternehmen bewacht, oder möglicherweise in Waffentransporte verwickelt ist, bleibt bisher unklar. Entsprechende Spekulationen waren italienischen Zeitungen, wenn überhaupt, nur zwei Zeilen wert. Das Nationalpathos hat alles Unpassende in den Hintergrund gedrängt.

„Bravo, Jungs, gut seid ihr. Die Nation will euch hier!“, hatte Silvio Berlusconi den regulären Soldaten Italiens zugerufen, als er sie – spät genug – am vergangenen Samstag in Nassirija besuchte. Dieses gezielt terminierte Schulterklopfen, so sagen Meinungsforscher, habe Berlusconis Position im Wahlkampf zur Europa- und zur Kommunalwahl im Juni gestärkt. Die Stimmung der Nation indes hat sich gewandelt, spätestens seit den Anschlägen von Madrid, spürbar in der Terrorangst um das Osterfest herum und vergangene Woche, als ein Dutzend Verwundeter aus dem Irak nach Hause geflogen wurde. Die Nachricht, italienische Soldaten hätten mit einer heldenhaften „Blitzaktion“ im Irak einen entführten englischen Unternehmer befreit, verfing nicht mehr: Sie kam, als bereits eigene Männer entführt waren, und nicht nur einer, sondern gleich vier. Eine andere Nachricht aber könnte durchaus auf die Stimmung der Nation durchschlagen: Zur selben Uhrzeit, als der Tod Quattrocchis bekannt wurde, ist Berlusconi zum Osterurlaub in seine Luxus-Villa an der Costa Smeralda geflogen.

Zuvor hatte Berlusconi in Rom noch die Parole ausgegeben, er könne jetzt „keine weiteren Toten“ brauchen. Das Wahldebakel seines politischen Freundes Aznar in Spanien hat ihn aufgeschreckt. Darum unternimmt die Regierung jetzt Dinge, die sie noch vor wenigen Wochen für indiskutabel hielt. Sie ist entschlossen, US-Präsident George W. Bush weichzuklopfen und sich zur führenden Verfechterin einer neuen Irak-Resolution des Weltsicherheitsrats zu machen, um das Unternehmen auf „demokratische“ Beine zu stellen. Ob die italienischen Soldaten aber, im Falle eines Scheiterns dieser Bemühungen, nach spanischem Vorbild von Juli an abgezogen werden sollen, das lässt Rom offen. Zusätzlich setzt die Regierung auf Vermittlerdienste des Iran und hat – angeblich in ganz zufälligem zeitlichen Zusammenhang – schon einmal die Räume von iranischen Oppositionsverbänden in Rom durchsuchen lassen. Europaminister Rocco Buttiglione wird mit den Sätzen zitiert: „Wir müssen den Entführern sagen, wenn ihr Blut vergießt, werden wir euch wie Terroristen behandeln, wenn ihr aber nur etwas demonstrieren wollt, dann können wir euch viele Sachen anbieten: Lebensmittel, Medizin – und sicher auch Geld. Und wenn sie damit Waffen kaufen, ist das nicht unsere Sache.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben