Zeitung Heute : Ein Land spielt auf Sicherheit

Spiegel wandern unter Autos und suchen nach Bomben, VIPs müssen ihre Handtaschen ausleeren, sogar Plastikflaschen sind in den Stadien verboten. Nie zuvor hat der Sicherheitsgedanke bei einer Fußball-Weltmeisterschaft eine derart zentrale Rolle eingenommen. Die Chance, mit einem fremden Ticket in die Arena zu kommen, ist trotzdem ziemlich groß.

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Von Robert Ide

Szene eins: In Hamburg drängen die Fans in Richtung Stadion. Viele halten schon ihre Personalausweise bereit, um sich zu identifizieren als legale Besucher des Vorrundenspiels zwischen Argentinien und der Elfenbeinküste. Doch die Kontrolleure an den Eingängen rollen nur mit den Augen. Schnell weitergehen!, bedeuten sie den Fans nach einem kurzen Blick auf das Ticket. Die Besucher stecken ihre Ausweise wieder ein. Hier kommt man leicht mit einer Karte vom Schwarzmarkt rein. Szene zwei: In München drängen die Fans in Richtung Stadion. Nur wenige halten ihre Personaldokumente bereit, da ruft ein Helfer: „Bitte Ausweise herausholen.“ Ein paar Meter weiter werden die Namen mit denen auf den Karten verglichen, zum Eröffnungsspiel zwischen Deutschland und Costa Rica müssen sich viele Besucher als legale Käufer identifizieren. Die Kontrolleure an den Eingängen nehmen sogar Tickets und Ausweise in ihre Hand, um sie besser abzugleichen. Hier kommt man nur schwer mit einer Karte vom Schwarzmarkt rein.

Stichproben waren angekündigt vor den Stadien, Stichproben gibt es tatsächlich an jedem WM-Tag. Das hat einen Vorteil für Fans, die sich in letzter Sekunde ein Ticket auf dem Schwarzmarkt – beim Spiel zwischen England und Paraguay lagen die Preise bei mehr als 1000 Euro – kaufen und hoffen, damit trotz Personenbindung der Eintrittskarten ins Stadion zu kommen. Es hat aber auch einen Nachteil: Kein Besucher kann einschätzen, ob er nicht vielleicht doch das Pech hat, in die insgesamt seltenen Kontrollen zu geraten. Viele Fans lassen deshalb ihre Karten an den Ticketschaltern vor den Stadien noch umschreiben, in Frankfurt am Main etwa waren das mehrere Tausend.

„Wir machen die Intensität der Stichproben von den Spielen abhängig“, sagt der Vizepräsident des WM-Organisationskomitees, Horst R. Schmidt. „Bei heiklen Spielen kontrollieren wir natürlich mehr.“ Allerdings haben die WM-Organisatoren noch ein zweites Kontrollkriterium, das nur bedingt mit der Sicherheit zusammenhängt: Vor dem Einlass soll es keine Staus geben. Das klappt auch in den meisten Stadien. „Das lief problemloser als in der Bundesliga“, sagte ein Fan in Dortmund, der ohne Wartezeit zum Spiel zwischen Schweden und Trinidad & Tobago kam. Auf den zügigen Einlass legt vor allem der Fußball-Weltverband Fifa wert, der den vom deutschen Organisationskomitee ersonnenen personengebundenen Ticketverkauf stets mit Argwohn verfolgte. Bei der nächsten WM 2010 in Südafrika soll die Personalisierung der Karten wieder abgeschafft werden.

So könnte diese Form des Kartenverkaufs einmalig bleiben in der Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaften. Er richtet sich nicht ausschließlich am Gewinn für den Veranstalter aus, sondern auch an Sicherheitsaspekten und dem Versuch der Eindämmung des Schwarzmarkts. Auf den Karten, die im Internet nur bei Angabe persönlicher Daten wie Name und Personalausweisnummer angeboten wurden, ist der Name des Käufers aufgedruckt. Außerdem kann über einen Chip auf der Karte auf die persönlichen Angaben des Käufers zurückgegriffen werden. An den elektronischen Eingangskontrollen vor den Arenen wird die Gültigkeit der Karten überprüft. Leuchtet die grüne Lampe auf, ist der Weg an den Drehkreuzen frei. Die auf einigen Automaten aufblinkenden Geburtsdaten fanden dagegen bei den Ordnern bisher selten Beachtung. Ein 50-jähriger Mann fand nach einem Bericht der Deutschen Presse-Agentur sogar Einlass, obwohl ihn seine Karte als 2004 geborenes Kleinkind auswies. „Wenn solche Fälle auftreten, fragen wir nach, woher jemand die Karte hat. Meistens sind es in der Familie verschenkte Tickets“, sagte ein Kontrolleur dazu.

Für einige Karten waren die Vorschriften allerdings lockerer: Auf den Tickets für Landesverbände und Sponsoren ist nur der jeweilige Sponsor aufgedruckt, Namenslisten sollten in den Stadien hinterlegt werden. Hier gab es kurz vor der Weltmeisterschaft jedoch Probleme, insbesondere bei der Schweizer Firma ISE, die den Verkauf von knapp 300 000 VIP-Karten organisierte. „Wir haben unsere Kunden aufgefordert, ihre Daten anzugeben“, sagt ISE-Sprecher Peter Czanadi. „Ob das aber tatsächlich alle getan haben, wissen wir nicht.“ An den VIP-Eingängen in den Stadien sind die Listen tatsächlich vorhanden, jeder Name wurde allerdings nach Angaben von Besuchern in Leipzig und Hamburg nicht abgeglichen.

Bei den Kontrollen des Gepäcks werden immerhin keine Unterschiede gemacht. Die Ordner an den Stadien tasten die Besucher ab und schauen in jede Tasche, sogar Plastikflaschen werden aussortiert. Auch größere Videokameras müssen für die Dauer des Spiels abgegeben werden. Aber auch die VIPs müssen sich streng kontrollieren lassen. Vor ihren Eingängen gibt es Schleusen, in denen sie wie am Flughafen auf Waffen und andere gefährliche Gegenstände gecheckt werden. Ein Ordner in Frankfurt am Main hielt die Akkreditierungen für Journalisten und Volunteers gegen die Sonne, um ihre Echtheit zu überprüfen. Unter den Autos von Prominenten, die bis zum Stadion fahren dürfen, werden sogar mit Spiegeln mögliche Bomben gesucht. In Leipzig hielten mehrere Sicherheitsleute an der VIP-Einfahrt ins Parkhaus jedes Fahrzeug an – nur die Limousinen von Staatsgästen und von Organisationschef Franz Beckenbauer nach seiner Hubschrauberlandung fuhren ohne Stopp durch.

Mit dem Taxi gelangen Besucher gar nicht erst ans Stadion heran. Sie müssen außerhalb der beiden Sicherheitsringe parken, die mit Metallzäunen um die Arenen gezogen wurden. Mit dem Privatwagen ist oft schon früher Schluss. In Leipzig etwa wurden die Straßen rund um das Stadion gesperrt, die Fans kamen zu Fuß oder mit der Straßenbahn aus der Innenstadt. Für die Besucher haben die Bannmeilen rund um die Arenen den Nachteil, dass sie vor den Zäunen kein Essen und keine Getränke bekommen. Erst hinter den Schleusen gibt es Bratwurst und Bier von den offiziellen Caterern. In München, wo schon Stunden vor dem Eröffnungsspiel Tausende vor dem Einlass warteten, ärgerten sich viele darüber.

Rund um die Spielstätten zeigt die Polizei Präsenz, allerdings zurückhaltend. Auch ausländische Verbindungsbeamte in ihren Uniformen sind immer wieder zu sehen. Beim England-Spiel in Frankfurt am Main patrouillierten Dutzende englische Polizisten. „Die Beamten aus den Gastländern sollen aggressive Stimmungen dämpfen“, sagt der Sprecher des Bundesinnenministeriums, Christian Sachs. „Für viele Fans sind sie auch eine Auskunftsstelle, wo das Stadion genau ist und ob es noch Karten gibt.“ In der Tat reagieren die meisten Gäste freundlich verwundert, wenn sie auf Beamte ihres Landes treffen. Einige Engländer stellten sich mit den Polizisten zum Gruppenfoto auf.

In den Arenen wachen die privaten Sicherheitsdienste des Organisationskomitees, die größtenteils auch in der Bundesliga ihren Stadiondienst tun. Die Arenen sind in abgetrennte Bereiche unterteilt. Zwar kann man teilweise auch durchs gesamte Stadion laufen – ausgenommen natürlich die VIP-Bereiche –, an den Blöcken achten die Ordner aber streng darauf, ob man die richtige Karte hat. So kommt es, dass die Fans gegnerischer Mannschaften meist tatsächlich wie gewünscht in der jeweils anderen Kurve sitzen. Zwischenfälle gab es bislang in den Stadien nach Angaben der Organisatoren nicht. Als in Leipzig bengalische Feuer im Fanblock entzündet wurden, stürmten mehrere Dutzend Ordner heran und traten die Flamme aus.

„Wir sind mit dem Auftakt in Sachen Sicherheit zufrieden“, sagt deshalb auch Ministeriumssprecher Sachs. Reibereien habe es höchstens in den Innenstädten gegeben, aber dabei handelte es sich laut Sachs „nur um kleinere Schlägereien von Betrunkenen“. Dennoch, für die Behörden ist jedes Spiel eine Herausforderung. Im Innenministerium in Berlin wurde extra ein Sicherheitszentrum eingerichtet, in dem erstmals in der bundesdeutsche Geschichte alle Informationen von Städten, Ländern und Bundesbehörden zusammenlaufen. Die Zentrale erstellt täglich ein „Lagebild zur WM“, das der Bundesregierung morgens vorgelegt und das nachmittags aktualisiert wird. Letzte Meldung vom Montag: An der belgischen Grenze wurde einem Dutzend unerwünschter Personen die Einreise verweigert.

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