Zeitung Heute : Ein Land steht still

Die Züge rollen wieder, aber viele haben Angst, sie zu besteigen. Am Tag danach gedenken die Spanier in einer Schweigeminute ihrer Toten. Am Abend gehen sie in allen großen Städten auf die Straße. Die Frage, die alle bewegt: Wer steckt hinter den Bomben?

Ralph Schulze[Madrid]

Den ganzen Tag haben sie nach Enrique gesucht. Kein Anruf, keine Spur. Seine Frau irrte mit ihrem Bruder am Donnerstag von morgens bis abends durch die Stadt, und jetzt stehen sie beide in einer Halle auf dem Madrider Messegelände und können nicht fassen, was passiert ist.

Enrique García, 29, aus der Dominikanischen Republik, war in keinem der Unglückszüge, in denen die Bomben explodiert waren. Und trotzdem liegt sein Körper nun hier in der improvisierten Leichenhalle und muss identifiziert werden. Was seine Frau nicht ahnte: Enrique stand am Morgen genau an jenem Gleis am Bahnhof Atocha, an dem die Bombe im einfahrenden Vorortzug hochging.

Hier im Westen der Stadt, in der Messehalle Nummer sechs, wurde das vorübergehend größte Leichenschauhaus des Landes aufgebaut. Draußen wartet eine Schlange von Fahrzeugen der Beerdigungsunternehmen. Drinnen drängeln sich hunderte von Menschen, die ihre Angehörigen, ihre Freunde oder Kollegen suchen.

Doch die Identifizierung der sterblichen Überreste ist schwierig, viele Opfer wurden verstümmelt. Oft muss ein Ring, ein Kleidungsfetzen reichen, um den Toten wieder Namen zu geben. „Im Umkreis von zehn Metern gab es keinen Körper der unversehrt blieb“, sagt der Arzt Ricardo Larrainzar, der am Terrortag in einem der Todeszüge versuchte zu retten, was zu retten war. Einige Angehörige warteten über 20 Stunden lang auf dem Messegelände, bis sie erfuhren, ob einer ihrer vermissten Verwandten unter den Opfern ist oder nicht. Schlaflose Stunden, in panischer Erwartung.

Ein Meer von Blumen

Freiwillige, Psychologen und Ärzte sind hier, um die Angehörigen zu trösten. Einer von ihnen ist Jesús Martínez. Er war am Donnerstagmorgen gegen halb neun am Bahnhof Atocha angekommen, wo er arbeitet. Das war kurz nach den Anschlägen. Bald darauf meldete er sich als Freiwilliger: „Es gibt hier Menschen, die alles verloren haben“, sagt er und erzählt vom unglaublichen Schmerz der Angehörigen. Er sah, wie sich eine Frau das Leben nehmen wollte, als sie vom Tod ihres Sohnes erfuhr. Einer anderen Frau mussten sie erklären, dass ihr Mann, ihre beiden Söhne, ihr Bruder und ein Neffe gestorben waren.

Ein Meer aus Blumen breitet sich vor dem Hauptbahnhof Atocha aus, nicht weit von den Gleisen, wo einer der vier Pendlerzüge zum Stehen kam. Kerzen flackern. Menschen stehen weinend zusammen. Umarmen sich schweigend. Verlieren die Fassung. Für manche ist es mehr, als sie ertragen können. Auf einem handgemalten Schild steht in schwarzen Buchstaben „Warum?“

In der Bahnhofshalle, durch die sonst täglich 400000 Menschen hetzen, ist es am Tag nach dem Massaker totenstill. Nur wenige haben hier Lust, in die rot-weißen Nahverkehrszüge zu steigen, die für rund 200 Reisende am Vortag zum Sarg wurden. Dabei ist die Fahrt an diesem Trauertag gratis. Aber viele Pendler haben jetzt einfach Angst. Eine Frau im weißen Mantel steht auf dem Bahnsteig und sagt: „Ich hatte heute einen Sitzplatz, das gibt es sonst nie.“ Sie und diejenigen, die am Freitagmorgen in den Bahnhof Atocha einfahren, sehen auf den Nebengleisen noch die völlig zerstörten Waggons. Die Züge, die am Freitag verkehren, tragen schwarze Trauerschleifen – überall in der Stadt ist dieses Symbol zu sehen, auf Fahnen, auf Protestplakaten, an Wohnungsfenstern.

„Ich musste heulen, als wir an dem Ort des Massakers vorbeifuhren“, sagt Maria del Mar, als sie mit Mann und Kind aus einem Zug aussteigt. Nicht weit vom Bahnsteig Nummer zwei, auf dem sich am Terrortag die Leichen aufreihten. Eine Krankenschwester, die bei der Versorgung der Verletzten half, erinnert sich an die grausame Szene, als die Leichen dalagen „und das Handy einer Toten klingelte“.

Ein junger Mann, der in einem der Todeszüge fuhr und unverletzt blieb, beschreibt schluchzend den schlimmsten Moment seines Lebens: „Ich habe nach der Explosion die Körper von Menschen gesehen, die wie Kaugummi an der Wand des Zuges klebten.“ Auf einer Bank sitzen einige Alte und lesen die Schlagzeilen der Hauptstadtpresse: „Der Tag der Niederträchtigkeit“, titelt „El Mundo“, die zweitgrößte Zeitung der Nation. Die linke Konkurrenz „El Pais“: „Terroristische Hölle in Madrid“. Von der Parlamentswahl am Sonntag redet niemand mehr.

Am Madrider Flughafen ist der Tag nach dem Anschlag einer wie jeder andere. Es überrascht, aber am frühen Morgen, als die ersten Maschinen abheben, ist nicht mehr Polizei als sonst in den Hallen zu sehen. Die ersten Flüge starten ohne Verspätung, von der Angst vor weiteren Terroranschlägen ist hier nichts zu spüren. „Es ist fast, so als sei nichts geschehen“, sagt ein deutscher Passagier. Die Kontrollen seien nicht strenger gewesen als sonst, nicht einmal sein Mobiltelefon sei durchleuchtet worden, erzählt der Mann.

Um der Toten zu gedenken, steht das ganze Land um zwölf Uhr mittags still. In Kirchen, vor Krankenhäusern, in Fabriken und Behörden versammeln sich die Menschen zu einer Schweigeminute. Spanien hält noch einmal den Atem an: Autos, Busse, Bahnen stehen still. Auch die Fußballstars von Real Madrid unterbrechen ihr Training in diesem Moment.

Überall laufen die Fernseher

Wie verändert sich eine Stadt nach so einem Anschlag? Tel Aviv, das schon viele Bombenanschläge gesehen hat, ist nach einer Explosion wie leer gefegt, gespenstische Stille liegt über den Straßen, die Cafés sind für Stunden danach geschlossen. Nicht so in Madrid, viele Menschen wollen sich offenbar von den Terroristen nicht ihren Tagesablauf diktieren lassen. In Madrid spielt sich das Leben draußen ab, bis spätabends sitzen die Menschen in den Bars und Restaurants. Auch am Donnerstagabend war es dort nicht leerer als sonst, nur dass die Fernseher rund um die Uhr liefen und die Gäste immer wieder ihre Köpfe reckten, um die Nachrichten zu verfolgen.

Nicht weit vom Atocha-Bahnhof, am zentralen Platz Puerta del Sol – dem Sonnentor –, demonstrieren den ganzen Freitag tausende Menschen gegen den sinnlosen Terror. „Mörder, Mörder“, rufen sie. Und: „Wir wollen Frieden.“ Ein Aufschrei gegen die baskische Terrororganisation Eta, die das Land seit 30 Jahren mit Bombenanschlägen quält.

Und dann am Abend wieder, im ganzen Land, Millionen gehen zu den Kundgebungen in Madrid, Barcelona, Sevilla und vielen anderen Städten. Der große Platz vor dem Atocha-Bahnhof ist schwarz vor Menschen, zwei Millionen zählt die Polizei. Es regnet in Strömen, die meisten haben Schirme dabei, rote, blaue, grüne, schwarze.

Noch ist es nicht klar, wer wirklich hinter den Bomben steckt. Aber es ist auch ein Protest gegen die Terroristen dieser Welt, in deren Kreis die Schuldigen am Massaker von Madrid auf jeden Fall zu suchen sind.

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