Zeitung Heute : Ein Land steht still

Bis zuletzt hofften viele Polen auf ein Wunder. Sie trifft der Verlust des Papstes besonders schwer. Er ist nicht nur einer von ihnen, er half ihnen auch, den Kommunismus zu überwinden

Thomas Roser[Warschau]

Schwarzer Trauerflor an Flaggenmasten, Kirchenwänden und Bus-Antennen. Auch am Morgen nach der Todesnacht ist Polens Hauptstadt von einer eigenartigen Stille erfasst. Kerzen flackern vor den Bildnissen des verstorbenen Landessohnes, Blumen liegen vor den Denkmälern des ersten polnischen Papstes. In schweigsamer Andacht stehen die Trauernden auf den Gehwegen vor Warschaus überfüllten Gotteshäusern oder lesen traurig die vor den Kirchen verteilten Sonderausgaben der Tageszeitungen.

Auch wenn sie nur wenig mit der Kirche verbinde, sei ihr sehr schwer ums Herz, sagt vor einer Kirche die 39-jährige Lehrerin Joanna Skowranska: „Er war nicht nur für unser Land sehr wichtig, sondern auch ein außergewöhnlicher, kluger und warmer Mensch. Der Papst war einer der wenigen Polen, die in der ganzen Welt geschätzt wurden.“

Die meisten Polen hatte die Nachricht vom Tod des Papstes vor den Fernsehschirmen oder in der Kirche ereilt. Am Samstag kurz vor 22 Uhr senkte sich über sein Heimatland eine plötzliche Stille. „Jan Pawel lebt nicht mehr“ lautete die Unterzeile der mit Trauermusik unterlegten Portraits des Kirchenoberhaupts, mit dem die heimischen TV-Stationen ihre laufenden Sondersendungen unterbrachen. Still stand im ganzen Land der Verkehr, sich bekreuzigend sackten auf den Gehwegen die Passanten auf die Knie, als wenig später Sirenen-Geheul und Glockengeläut den Menschen die traurige Gewissheit verkündeten: Mit dem Ableben des Papstes hat Polen seinen liebsten Sohn und wichtigsten Wegbegleiter verloren.

Ob für Gläubige oder Ungläubige – für alle Polen sei der Papst nicht nur der herausragendste Landsmann, sondern auch ein „guter Vater“ gewesen, erinnerte um Mitternacht mit bedrückter Miene Präsident Aleksander Kwasniewski in einer Fernsehansprache an die Nation. Als Schutzherr der Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc habe Karol Wojtyla eine wichtige Rolle bei der Überwindung des sozialistischen Systems gespielt: „Ohne den polnischen Papst hätte es keine polnische Freiheit gegeben.“

Die Hoffnung auf das ersehnte Wunder hatten viele Gläubige bis zuletzt gehegt, in den Kirchen inbrünstig für seine Genesung gebetet. Er habe an die Kraft des Gebets geglaubt, sagte am Sonntag der frühere Solidarnosc-Chef und Präsident Lech Walesa: „Doch der Wille des Himmels war ein anderer.“

„Du bist nun zu Hause“, stand auf einer der Karten vor der Türe des Geburtshauses des Papstes im südpolnischen Wadowice geschrieben. Tränen liefen selbst den Kamera-Männern des Nachrichten-Senders TVN24 über das Gesicht, die nach der Bekanntgabe seines Todes in dessen Taufkirche ihre trauernden Landsleute filmten. Was solle man die Leute in einem Moment fragen, in dem sich alle Worte erübrigten? Selbst der sonst so wortgewaltige Reporter des Senders schien kurze Zeit die Lust an seiner Arbeit zu verlieren.

Ob während der Zeit des Kriegszustands oder in den entbehrungsreichen Jahren der Wirtschaftstransformation nach der Wende von 1989, selbst als der Papst von seiner Krankheit schon schwer gezeichnet war, wurde er von seinen Landsleuten stets als verlässlicher Begleiter in unsicheren Zeiten empfunden. Die Sterblichkeit des Papstes hatten indes nicht nur Polens Gläubige lange verdrängt. Ein Tabu war sein nahender Tod auch für die meisten der heimischen Medien bis zuletzt geblieben. So wurde der Abschied von ihrem Papst vielen Menschen in dem tiefgläubigen Land besonders schwer. Für ihn sei es noch „unvorstellbar“, ohne Jan Pawel zu leben, klagte ein Geistlicher in Posen: „Wir werden das noch lernen müssen.“ In allen schwierigen Momenten habe der Heilige Vater seinem Land zur Seite gestanden, sich immer um die Polen gekümmert, sagte eine Kirchgängerin in Lodz: „Ich bin traurig. Einen Papst aus Polen wird es wohl nicht mehr geben.“

Dunkel schlug die Siegmund-Glocke vom Krakauer Wawel. Ein Herz aus Kerzen flackerte unter dem Fenster der früheren Amtsstube von Karol Wojtyla im Bischofspalast, von dem aus der Papst bei seinen Pilgerreisen in die Stadt zu sprechen pflegte. „Was für ein schönes Leben, was für ein schöner Tod“, suchte Kardinal Franciszek Macharski seine betrübten Landsleute in Krakau zu trösten, wo der Papst 40 Jahre seines Lebens zugebracht hatte. Der Tod des Heiligen Vaters sei nicht die „allerletzte Katastrophe“, kein Tsunami, der alles zerstöre: „Es ist nicht wahr, dass das Leben nun aufhört. Es ändert sich nur.“

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