Zeitung Heute : Ein Land, zwei Stimmen Frankreich und die EU-Verfassung

Sabine Heimgärtner[Paris]

Nein. „Ganz einfach, weil ich keine Lust auf Türken bei mir habe“, sagt Madeleine. Sie ist Kneipenwirtin im 19. Pariser Arrondissement, sie schnauzt gerade einen Gast am Tresen an, der sich bis eben bemühte, sein Ja politisch zu begründen. „Du glaubst wohl, dass die Amerikaner uns weniger reinfunken, wenn wir eine EU-Verfassung haben?“, ätzt nun auch ein bislang Unbeteiligter. Draußen auf der Straße, an der Ampel, herrscht ein junger Mann einen Jungsozialisten an, der ihm ein „Oui“-Flugblatt in die Hand drücken will: „Ich stimme mit Nein, du Idiot“, dann fährt er ihm mit seinem Fahrrad fast über die Füße.

Die Stimmung in einem Präsidentschaftswahlkampf ist nichts gegen die Gereiztheit, die Frankreich schon monatelang überzieht und immer aggressiver auf den 29. Mai zusteuert, den Tag, an dem das Land über die EU-Verfassung abstimmen soll. Die europäische Frage spaltet die Nation, die Familien und Freundeskreise. Vier Tage vor dem Votum liegt Nein mit 53 Prozent vorn.

Etliche Zeitungen vergleichen die Atmosphäre mit dem 68er Mai. Übertrieben ist das, aber auch nachvollziehbar, wenn man sich in diesem heißen Frühling unter die Teilnehmer von fast täglich stattfindenden Großdemonstrationen mischt, die überwiegend vom Nein-Lager organisiert werden. Ein buntes Volk: Politik-Frustrierte, Gewerkschafter, Rechtsextreme, Linksextreme und Globalisierungsgegner treffen sich dort.

Der Volksmund hat den Nein-Sagern Spitznamen gegeben. Die „Realos“ zum Beispiel sind die echten Verfassungsgegner, Juristen, die den inzwischen zum Bestseller avancierten Text Zeile für Zeile gelesen haben. Die „Antiamerikaner“ sind welche, die glauben, mit einem Nein den Einfluss der pro-amerikanischen EU-Neulinge in Osteuropa mindern zu können. Und die „Rächer“ wollen die ungeliebte Regierung Raffarin/Chirac für unbequeme Reformen abstrafen. Es gibt noch die „Narzissten“, die die Vorstellung nicht ertragen, dass Frankreich im erweiterten Europa keine Hauptrolle mehr spielen könnte, und Menschen wie den Grafen von Paris, Henri d’Orléans. „Das Europa des ultraliberalen Kapitals, bei dem man nicht mehr weiß, wem was gehört und wer was entscheidet, muss am 29. Mai sterben“, sagt der Mann.

Wie die „Patrioten“, zu denen auch der rechtsextreme Jean-Marie Le Pen gehört, befürchte der Graf bei einem Ja den „Tod unseres Vaterlandes und die Auslöschung unserer Identität“. Kaum anders hören sich die Kommunisten an. Sie, wie auch der linke Flügel der Sozialisten, wollen den Verfassungstext nachbessern lassen und argumentieren gegen die jetzige Form vor allem damit, dass sie Sozialdumping fördere und die Abwanderung von Arbeitsplätzen und Fabriken ins Ausland.

Auch für diese eine unter den vielen französischen Ängsten gibt es bereits ein geflügeltes Wort: „Der polnische Klempner“. Michel Sechet aus der Normandie, zu einer der Nein-Kundgebungen nach Paris gereist, weiß wovon er spricht, wenn er sagt: „Die Tschechen kommen.“ 33 Jahre lang hat er bei Klaxxon gearbeitet, einem Hersteller für Autozubehör. Quasi über Nacht wurde die Fabrik von tschechischen Arbeitern abgebaut und in deren Heimatland gebracht. Sechet musste die Kollegen noch ausbilden, dann wurde er entlassen. „Der polnische Klempner“ kann auch ein portugiesischer Maurer oder ein slowakischer Erntehelfer sein. Mit der Verfassung für Europa hat das aber wenig zu tun.

Beschwörende Reden der Verfassungsbefürworter, egal welcher politischen Couleur, helfen wenig bisher. Bei ihrer Hauptveranstaltung im Pariser Cirque d’hiver blieben die Ja-Sager der Linken deshalb fast unter sich, trotz eines großen Aufgebots prominenter Genossen und Mitkämpfer aus ganz Europa. Sozialisten unter der Zirkuskuppel: ratlos.

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