Zeitung Heute : Ein Land, zwei Welten

In der Türkei wird gekämpft: um Lebensstile, den Islam – und um die eigene Angst zu besiegen

Thomas Seibert[Istanbul]

Von dem stattlichen Gründerzeithaus im Stadtteil Tepebasi aus betrachtet, bietet Istanbul ein Bild der Harmonie. Der Verkehrslärm dringt nur gedämpft in den fünften Stock des Hauptquartiers des türkischen Industriellenverbands Tüsiad. Durch blaugraue Lamellenvorhänge und getönte Scheiben fällt der Blick auf das Häusermeer der ärmeren Wohnviertel unten am glitzernden Wasser des Goldenen Horns. Die Entfernung dorthin beträgt nur einen Kilometer. Und doch sind es Welten.

In diesen Tagen scheint es manchmal, als lägen diese Welten in einem regelrechten Krieg: auf der einen Seite die urbanen Eliten der Kemalisten, die sich auf Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk berufen, auf der anderen Seite die islamisch-konservativen Anhänger der Regierung Erdogan, die an den Tabus dieser Eliten rütteln. Entzündet hat er sich an der Aufstellung des religiös orientierten Außenministers Abdullah Gül zum Staatspräsidenten. Die Ursachen des Konflikts haben allerdings nicht nur mit Religion zu tun, sondern vor allem mit Angst. Ihr kommt auf die Spur, wer zum Beispiel in einen Sitzungssaal der Tüsiad geht.

Dort lobt Ümit Boyner die Großdemonstrationen gegen die islamisch geprägte Regierung. Die 44 Jahre alte Managerin kritisiert sowohl die Armee wegen deren Putschdrohung als auch die Regierung von Recep Tayyip Erdogan wegen deren Entschlossenheit, einen ihrer Politiker als Staatspräsidenten durchzusetzen. Die Kundgebungen hätten gezeigt, dass die Öffentlichkeit um das säkulare System in der Türkei fürchte, sagt Boyner. Sie gehört zur Führung von Tüsiad und ist eine der einflussreichsten Frauen der Türkei.

Auch am vergangenen Sonntag, als diese Furcht hunderttausende Menschen auf die Straße trieb, um gegen Erdogan und dessen Präsidentschaftskandidaten zu demonstrieren, waren auffällig viele Frauen darunter. Transparente empfahlen Gül: „Ab in den Iran“. Und manche Frauen sagten, sie wären in den Stadtteil Caglayan zum Demonstrieren gekommen, weil sie nicht gezwungen werden wollten, ein Kopftuch anzuziehen.

Das fordern zwar weder Gül noch Erdogan, doch der Islamismus-Verdacht gegen ihre Partei AKP ist noch lange nicht verflogen. Dabei haben Erdogan und Gül in den vergangenen viereinhalb Jahren so viele demokratische Reformen durchgesetzt wie kaum eine Regierung zuvor, auch keine der Kemalisten, die über Jahrzehnte die beherrschende Kraft im Land waren. Doch die Tatsache, dass Güls Gattin ein Kopftuch trägt und Gül selbst als erster Nicht-Kemalist das höchste Staatsamt der Türkei anstrebt, lässt viele der Demonstranten Schlimmes befürchten. Der Oppositionschef Deniz Baykal spricht gar davon, dass Erdogans AKP „ein Projekt jenseits der Republik“ verfolge.

„Wir haben den Leuten in den letzten viereinhalb Jahren die Angst nicht nehmen können“, gibt ein Erdogan-Berater zu. Dem Ministerpräsidenten und seinen Leuten wird inzwischen so ziemlich alles zugetraut. Bei der Kundgebung am Sonntag machte das Gerücht die Runde, Erdogans Regierung habe die Stromversorgung in mehreren Teilen des Landes gekappt, um die Wähler dort daran zu hindern, die Istanbuler Kundgebung im Fernsehen zu sehen.

Wichtigstes Utensil der Demonstranten ist die rot-weiße türkische Fahne in allen Größen und Formaten. Die Nachfrage nach Flaggen ist plötzlich derart hoch, dass türkische Fahnenhersteller mit der Produktion nicht mehr nachkommen. Auch nach der Demonstration schmücken Erdogan-Gegner in Istanbul ihre Häuser mit Flaggen. Es sind Zeichen des Stolzes, aber eben auch der Furcht.

Das Misstrauen zwischen den Blöcken ist groß. „Das war nicht das türkische Volk“, schnaubt ein Istanbuler Arbeiter und Erdogan-Anhänger, wenn er auf die Demonstration angesprochen wird. „Das waren einfach Leute, die unsere Regierung loswerden wollen.“

Der Kolumnist Mustafa Akyol wiederum attestiert den Kemalisten „Paranoia und Hysterie“. Akyol sieht nicht den säkularen Lebensstil bedroht, sondern im Gegenteil die Rechte des religiösen Lagers – wie zum Beispiel jener Frauen, die wegen ihres Kopftuchs nicht studieren dürfen. „Die Säkularisten können es nicht ertragen, dass Leute mit einem anderen Lebensstil hervorgehobene Positionen in der Gesellschaft einnehmen.“

Die meisten Kemalisten haben keine Angst vor säbelschwingenden Fundamentalisten. Die haben in der Türkei ohnehin keinen Rückhalt in der Bevölkerung; in Umfragen liegt der Anteil der Scharia-Anhänger bei weniger als zehn Prozent. Es ist eher die Furcht vor Leuten wie Seffat Arslan. Der Unternehmer im zentralanatolischen Kayseri, der Heimatstadt von Abdullah Gül, steht für eine neue gesellschaftliche Schicht im Land, die nicht zuletzt durch Erdogans Politik nach oben strebt: den islamischen Mittelstand.

Arslan, ein Mittvierziger mit einem breiten Lächeln zwischen endlosen Zigaretten, führt in Kayseri das Möbelunternehmen Ipek. „Wir arbeiten nicht für uns selbst, sondern für unser Land“, lautet einer seiner Lieblingssprüche. „Wir schaffen die Harmonie zwischen dem Islam und der Moderne“, ist ein anderer. Kayseri ist bekannt für seine Mischung aus muslimischer Frömmigkeit und modernem Unternehmergeist, seine Geschäftsleute gelten als „islamische Calvinisten“. Geschäftsleute wie Arslan geben viel Geld für Armenküchen und Stipendien für bedürftige Studenten aus. Aber sie trinken keinen Alkohol, ihre Frauen tragen das Kopftuch – und für die Istanbuler Oberschicht und ihre feinen Nachtclubs haben sie gar nichts übrig.

In den Augen der Istanbuler wiederum sind die Anatolier halbe Barbaren: In Kayseri ist es durchaus üblich, nach einem gelungenen Geschäft oder einem glimpflich ausgegangenen Unfall ein Schaf zu schlachten. Auch zwischen dem Caglayan-Platz und Anatolien liegen Welten.

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