Zeitung Heute : Ein Leben als Verbannter

Mit 27 nach Sibirien verschleppt, mit 81 entlassen – Julius Wolfenhaut hat ein Buch über sich und Stalins Judendeportationen verfasst

Constanze von Bullion

Diesen Zorn muss man sich vorstellen wie einen Schwelbrand. Er glimmt auf dem Schreibtisch und zwischen Buchdeckeln im Regal, in sorgsam sortierten Ordnern und in jedem Winkel der Wohnung. Manchmal erlischt er, zumindest für ein paar Tage, nur um plötzlich wieder aufzuflackern und sich weiterzufressen. „Es brennt in meinem Herzen“, sagt Julius Wolfenhaut, und dann guckt er, als wollte er irgendwas zerstören.

Dabei ist er eigentlich ein ausgesprochen liebenswürdiger Zeitgenosse, dieser lebhafte kleine Herr, der reden kann wie ein orientalischer Märchenerzähler, mit fliegenden Händen und diesem scharfen Blick auf eine Welt, von der bald niemand mehr wird berichten können. Julius Wolfenhaut stammt aus der Bukowina, er ist deutschsprachiger Jude, er hat die längste Zeit seines Lebens in sowjetischer Verbannung verbracht und ist jetzt 91 Jahre alt. „Zeit abzureisen“, sagt er und zwinkert vergnügt, denn natürlich will er noch lange nicht los.

Wolfenhaut hat eine Mission, und die erfüllt er im Parterre eines Regensburger Mietshauses, in einer Wohnung, die er mit seiner Frau teilt und ein paar spartanischen Möbeln. Zwischen Schrank und Bett hat er den Schreibtisch geklemmt, neben das Allerheiligste, die verwitterten Fotos seiner Eltern. Für sie hat er hier gesessen und geschrieben, hat noch mal diesen Albtraum durchlebt, der nun als Fischer-Buch erschienen ist. „Nach Sibirien verbannt“ heißt der Alptraum des Julius Wolfenhaut. Es ist ein Buch, das man so schnell nicht vergisst.

Erzählt wird da die Geschichte eines Mannes, dem Stalins Handlanger das Leben gestohlen haben. Es ist die Geschichte einer Judenverfolgung, von der die Welt lange nichts wissen wollte – und die Geschichte einer Rettung, die Julius Wolfenhaut teuer zu stehen kam.

„Ich war siebenundzwanzig, lebensfroh und voll stolzer Zukunftspläne, als das bolschewistische Unheil über uns hereinbrach“, schreibt er am Ende seines Buches. „Als kraftloser Greis kehrte ich mit einundachtzig Jahren nach Europa zurück.“ Wer solche Sätze liest, mag sich wundern über so viel Pathos, über das Vokabular einer Epoche, die viele nur aus dem Geschichtsbuch kennen. Julius Wolfenhaut schreibt wie er spricht: geschliffen, ein bisschen altmodisch, druckreife Eleganz, mit leisem Wiener Tonfall, der seine Herkunft aus dem untergegangenen Reich der Habsburger verrät.

Das Deutsch der alten Schule, seine Familie und diese Wut, das sind so ziemlich die einzigen Schätze, die Wolfenhaut in die Gegenwart hat retten können. Sein Vater ist in einem sowjetischen Gulag umgekommen, seine Mutter in der sibirischen Verbannung verhungert. Er selbst kam knapp mit dem Leben davon, und weil er es jetzt zu Papier gebracht hat, hat er vermintes Gelände betreten. Denn nicht nur in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion macht sich unbeliebt, wer von den Verbrechen der Stalin-Zeit erzählt. Auch in Deutschland gilt es als nicht opportun, den Untaten der Nazis die des Stalinismus gegenüberzustellen.

Julius Wolfenhaut weiß das. Und fühlt sich durch solche Widersprüche eher noch beflügelt. Er hat ja eigentlich immer in diesen Zwischenwelten gelebt, hat sich durch Grenzbereiche bewegt, auch damals, in Czernowitz, wo alles anfing.

Czernowitz, das war mal die Hauptstadt des österreichischen Kronlandes Bukowina und lag bis 1918 am Ostrand des Habsburgerreiches, zwischen Rumänien und der heutigen Ukraine. Wolfenhaut taucht in die Tiefen seines Schreibtischs. Als er wieder hoch kommt, hält er alte Fotos, auf denen wie ein Märchenschloss die Residenz seiner Heimatstadt zu sehen ist. Ein Schmuckstück der osteuropäischen Kulturlandschaft war Czernowitz, die für immer zerstört ist. In Czernowitz lebten Tschechen, Rumänen, Rutenen und viele Juden. „Es lagen in den Caféhäusern ungefähr 160 deutschsprachige Zeitungen, aus Wien und Prag und Lemberg“, erzählt Wolfenhaut. „Das half, die Abgeschiedenheit von Zentraleuropa zu überwinden.“

Der blühende Multikulti-Kosmos hinter den Karpaten hat berühmte Schriftsteller wie Paul Celan hervorgebracht, aber auch dieses aufstrebende, bildungshungrige Bürgertum, zu dem die Wolfenhauts gehörten. Die lebten zwischen Mahagonimöbeln und vielen Büchern, der Vater war galizischer Jude und hatte sich aus ärmlichen Verhältnissen zum Unternehmer hochgearbeitet. In seinem Schuhgeschäft gab es neumodische Dinge, die keiner kannte, sagt Wolfenhaut. Einen Karton für jedes Paar Schuhe etwa und beim Bezahlen einen Kassenbon.

Schwer zu sagen, wann der Antisemitismus aufkeimte, bemerkt hat Wolfenhaut ihn lange nicht. Seine Liebschaften, seine Freunde, das waren alles Juden, und wenn man ihn fragt, warum das so war, stutzt er und überlegt eine Weile. Die meisten kannte er von der Uni, sagt er dann, aus dem tschechischen Brünn, wo er Elektrotechnik studierte und wo Begüterte ihre Kinder hinschickten.

Julius Wolfenhaut hat sich in Fahrt geredet, er rückt näher mit dem Stuhl, sitzt weit vorgebeugt. Er hört nur noch schlecht und sieht nicht mehr viel, aber diesen Film, der vor dem inneren Auge abläuft, den kann er nicht aufhalten. Da sieht er sich wieder als Studenten, beim Dominospielen und beim Bridge. „Ich führte ein liederliches Leben und es gelang mir, die Studienzeit auf acht Jahre auszudehnen.“ 1938 hat er mit Auszeichnung seinen Abschluss gemacht – und nicht geahnt, wie wenig Zeit noch blieb.

Es gibt Momente in diesem Gespräch, da reißt der Erzählfluss plötzlich ab und Julius Wolfenhaut schießen Tränen in die Augen. „Ich habe mich versündigt an meinen teuren Eltern“, sagt er. „Sie waren klüger und besser als ich, sahen das Unglück kommen und wollten nach Südamerika auswandern.“ Der Sohn aber studierte, also blieben sie. Bis die Weltgeschichte in Czernowitz einbrach.

Sie kam im Schatten des Hitler-Stalin-Paktes, in dessen geheimem Zusatzprotokoll 1939 Osteuropa und Polen aufgeteilt wurde. Gegen alle Abmachungen besetzte die Sowjetunion 1940 auch den Norden der Bukowina. Vier Wochen später standen sowjetische Geheimdienstleute im Wohnzimmer der Familie Wolfenhaut und nahmen den Vater mit. Der galt als Kapitalist und Jude war er dazu, eine Familie „gesellschaftsgefährdenden Charakters“ also. So hieß es in den Akten.

Seinen Vater hat Wolfenhaut nie wiedergesehen, und ein Jahr später verlud man auch ihn und seine Mutter mit Tausenden von Juden in einen Viehwaggon. Was dann begann, war eine Reise in die Hölle, ins sibirische Stalinka, wo man Verbannte zum Wettlauf mit dem Tod antreten ließ. Wolfenhaut kämpfte mit Schwerarbeit und Hunger, unfruchtbaren Böden, verkümmerten Kartoffeln und Todesangst. Irgendwie hat er es geschafft, Mensch zu bleiben in dieser Eis- und Gefühlswüste. Aber das Entsetzen steckt ihm bis heute in den Knochen.

Es gibt eine Szene in seinem Buch, die ahnen lässt, wieso er nicht vergessen kann. Sie beschreibt, wie seine Mutter eines Tages verhungert und er zuschauen muss, wie das Leben entweicht: „Über Mutters Hemd krabbelten Scharen von Läusen, die aus ihren Schlupfwinkeln am erkalteten Körper hervorgekrochen waren.“ Dieser Tag, schreibt er, „pocht in meinem Herzen“.

Die Tür geht auf, eine kleine, gebeugte Dame betritt schüchtern den Raum. Augusta Wolfenhaut ist seit 41 Jahren mit Julius Wolfenhaut verheiratet, die beiden haben zwei erwachsene Söhne, mit denen sie 1994 nach Deutschland gezogen sind. Jetzt möchte sie wissen, wie viele Leute sie bekochen soll, doch es wird noch dauern, bis ihr Mann zurückfindet in die Gegenwart.

Julius Wolfenhaut erzählt. Weint. Erzählt weiter. Wie der Mantel, den die Mutter ihm hinterließ, ihm das Leben rettete. Wie er später Lehrer wurde, ein leidenschaftlicher, für jugendliche Straftäter. Wie er im sibirischen Tomsk Deutsch unterrichtete und man ihn 1993 rehabilitierte – und mit 28 Euro für seinen verlorenen Besitz entschädigte. Er lacht, ihm hat das sowieso nichts bedeutet. Er ist in Russland ein Fremder geblieben, einer mit dem Mal des Verbannten auf der Stirn, der innerlich längst ausgewandert war.

Nun gehört es zu den Widersprüchen seiner Biografie, dass diese stalinistische Deportation Julius Wolfenhaut die Eltern genommen hat und oft den Lebensmut, ihn aber auch bewahrt hat vor den Gaskammern der Nazis. Eine Rettung also, trotz aller Qual? Er zögert, schweigt. „Vielleicht eine ungewollte Rettung“, sagt er dann, „der Bluthund Stalin hat das nicht vorausgesehen.“

Es gibt keine Versöhnung in diesem Drama, auch wenn die Ausreise nach Deutschland eine Erlösung für Julius Wolfenhaut war. Immerhin, sagt er, er hat versucht loszulassen, hat sich nun hingesetzt und alles aufgeschrieben. „Ich wollte mir mit diesem Buch den Hass von der Seele schreiben. Aber er ist geblieben.“ Was auch daran liegen mag, dass er in Sibirien keinen gefunden hat, der sich auseinander setzen will mit seinen Erinnerungen.

In Deutschland gibt es eine Stasi-Akten-Behörde, es gab die Nürnberger Prozesse, es gibt bis heute viele unbequeme Fragen. Und in Russland? Ist Stalin, „dieser Megamörder“, ganz gemütlich eines natürlichen Todes gestorben, sagt Wolfenhaut, und seine Erben gehören heute zur Elite des Landes. Ihre Seelenruhe zu stören, aber auch die Gewissheit der Deutschen, dass nichts, aber auch gar nichts an den Holocaust heranreicht, das hat er sich zum Ziel gesetzt.

Als Julius Wolfenhaut zurückkehrt in die Gegenwart, dampfen Pelmeni in den Tellern, es gibt Piroggen und Kamillentee, dann russische Pralinen. Augusta Wolfenhaut fehlt Russland, obwohl auch sie dort eine Verbannte war. Ihr Mann aber sehnt sich keine Sekunde zurück. Heimweh hat man nach Menschen, nicht nach Steinen, und sein Zuhause, sagt er, liegt jetzt endlich wieder in Europa.

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