Zeitung Heute : Ein Leben für den Tod

Frank Jansen

Der meistgesuchte Rebellenführer Tschetscheniens, Schamil Bassajew, ist nach Angaben des Kremls von russischen Sicherheitskräften getötet worden. Wie gefährlich war Bassajew?


Er sah aus wie eine Mischung aus Räuber Hotzenplotz und Skinhead. Schwarzer Rauschebart, der Schädel kahl rasiert – so trat Schamil Bassajew auf, meist in gefleckter Kampfmontur, eine Kalaschnikow stets griffbereit. Die Waffe nutzt dem tschetschenischen Rebellenführer und „Feldkommandeur“ nun nichts mehr: Der russische Inlandsgeheimdienst FSB meldet stolz, es sei gelungen, Bassajew zu töten. Die Nachricht scheint zu stimmen, auch wenn bei russischen Erfolgsgeschichten aus dem Antiterrorkampf immer Propagandaverdacht angebracht ist.

Ein hochrangiger deutscher Sicherheitsexperte hält die Todesnachricht durchaus für glaubwürdig. Es sei aber zu bezweifeln, dass der endlos scheinende Konflikt zwischen der tschetschenischen Guerilla und den russischen Truppen samt einheimischer Hilfskräfte nun einer Lösung näher komme. Die Erfahrung lehre, dass in militanten Gruppierungen nach dem Tod einer Führungsfigur ein anderer die Position einnehme. Im Falle des nationalistischen Islamisten Bassajew dürfte es allerdings schwierig sein, einen „gleichwertigen“ Nachfolger zu finden. Der 41-jährige Kahlkopf mit dem Vollbart hatte nach Ansicht des Sicherheitsexperten für die tschetschenischen Rebellen noch größere Bedeutung als der im Juni von den Amerikanern getötete Jordanier Abu Mussab al Sarkawi für die Terrorszene im Irak.

„Sarkawi war dort nur einer von mehreren Anführern, Bassajew hingegen galt in Tschetschenien als eine zentrale Führungsfigur“, sagt der Fachmann. Bassajews Name ist mit dem größten Massaker verknüpft, das Russland in den vergangenen zehn Jahren erlebt hat. Im September 2004 nahmen Kämpfer in der Schule von Beslan in der Kaukasusrepublik Nordossetien hunderte Geiseln – Erwachsene und Kinder. Als Sicherheitskräfte das Gebäude angriffen, kamen mehr als 330 Menschen ums Leben. Die Hälfte davon waren Schüler. Das Gemetzel ist allerdings nicht das einzige, für das Bassajew mitverantwortlich ist. Der Sturm auf ein vollbesetztes Moskauer Musicaltheater im Oktober 2002 geht ebenfalls auf das Konto seiner Bande. Bei der Befreiung durch russische Spezialeinheiten starben 129 Geiseln und alle Terroristen. Bassajew soll außerdem „schwarze Witwen“ genannte Selbstmordattentäterinnen losgeschickt haben, die sich in russischen Flugzeugen in die Luft sprengten.

Der Chefterrorist mit Verbindungen zu Al Qaida scheute auch nicht die offene Schlacht. Im Juni 2004 drangen 200 Kämpfer in mehrere Städte der an Tschetschenien grenzenden Teilrepublik Inguschetien ein. Zu den Opfern zählten zwei inguschetische Minister. Dann zettelte Bassajew im Oktober 2005 Kämpfe in der Teilrepublik Kabardino-Balkarien an. Der Mann liebte die Eskalation. Der Krieg war sein Leben. Mehr als zehn Jahre lang hatte der Berufskrieger gegen die Russen gekämpft. Sein erstes Massaker war das Blutbad im südrussischen Budjonnowsk. Im Juni 1995 hatte Bassajew mit seiner Truppe dort ein Krankenhaus gestürmt. 166 Menschen starben.

Die Bedeutung Bassajews für die tschetschenischen Rebellen nahm noch zu, als die Russen im März 2005 Aslan Maschadow töteten. Maschadow war 1997 im damals de facto unabhängigen Tschetschenien zum Präsidenten gewählt worden. Dass die Russen das Land 1999 wieder besetzten, war vor allem Maschadows Mitstreiter und Rivalen Bassajew zu verdanken. Er hatte zuvor mit seinen Kämpfern die benachbarte Teilrepublik Dagestan angegriffen und versucht, dort einen Gottesstaat zu etablieren. Die Russen schlugen zurück und drangen in Tschetschenien ein, das sie 1996 nach dem ersten Krieg um das kleine Land verlassen hatten. Die selbst verschuldete Katastrophe schien Bassajew kaum zu schaden: Bis zuletzt verfügte er über etwa 500 Kämpfer, das ist vermutlich ein Drittel der tschetschenischen Rebellen. Im Juni dieses Jahres wurde Bassajew sogar vom Untergrundpräsidenten Doku Umarow zum Stellvertreter ernannt.

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