Zeitung Heute : Ein Leben für den Wahnsinn

Forschung im Hochsicherheitsstall: Ein Großversuch soll das Rätsel BSE lösen

Nana Brink[Insel Riems]

Fünf weiß-braun gefleckte Kälber drücken sich ängstlich an die Stallwand. Ihre großen dunklen Augen gucken auf ein halbes Dutzend Kameras und Fotoapparate. Es blitzt und surrt. Thomas Mettenleiter bemüht sich, eine gute Figur zu machen. Seit vor zwei Jahren die deutsche BSE-Forschung auf der abgelegenen Insel Riems im Greifswalder Bodden aufgebaut wurde, ist der 45-jährige Professor für Molekularbiologie ein gefragter Mann. Er leitet die Bundesanstalt für Viruserkrankungen der Tiere.

Und dort werden nun, zwei Jahre nach dem Bekanntwerden der ersten Fälle von Rinderwahnsinn in Deutschland, 56 Kälber mit dem Erreger der „Bovinen Spongiformen Enzephalopathie“ infiziert. Im Trog der Kälber landen fast sechs Kilo BSE-verseuchtes Hirngewebe von erkrankten Rindern aus Großbritannien.

Mit dem Langzeitversuch wollen die Wissenschaftler auf der Insel endlich das Rätsel BSE lösen. Bis heute ist nämlich unklar, wie sich das Prion, Auslöser der Krankheit, aus dem Kuhmagen in das Hirn bewegt und dort das zentrale Nervensystem schädigt. 238 BSE-Fälle gab es seit 2000 in Deutschland. Erst gestern wurde der Ausbruch von BSE bei sechs Rindern in Sachsen-Anhalt bekannt. Mittlerweile werden alle Rinder ab 24 Monaten getestet, die Inkubationszeit beträgt nach jetzigem Forschungsstand zwischen zwei und fünf Jahren.

Den Besuchern zeigt Professor Mettenleiter den Hochsicherheitsstall, in dem die Kälber nach der Infektion stehen. „Wir haben nichts zu verbergen. Alles ist sicher“, lautet seine Botschaft. Trotzdem: Die Insel ist Sperrgebiet, außer den Forschern ist hier niemand.

Der hochmoderne Forschungsstall am Rande der Insel kostete über eine Million Euro. Ein wahres „Rinderhotel“, wie die Mitarbeiter der Forschungsanstalt spotten. Zumindest was die Kontrollen anbelangt, gleicht es allerdings eher einem Atomkraftwerk. Sind die Tiere erst infiziert, dürfen die Pfleger und Forscher den Stall nur noch durch eine Schleuse betreten.

Höchste Sicherheitsstufe, elektronische Sperren, Codes, kompletter Kleidungswechsel und die obligatorische Dusche. „Dann komme ich halt frisch geduscht nach Hause“, sagt Martin Groschup, der das Institut für neue und neuartige Tierseuchenerreger leitet. Er hat den über vier Jahre dauernden Versuch geplant. Mindestens so lange werden auch einige der Rinder in dem weißbetonierten Stall stehen. Nicht auf Stroh, sondern auf schwarzen Gummimatten. Heu ist nirgends zu sehen, auch nicht als Futter. Stattdessen bekommen die Tiere blassgrüne „Heu-Cops“, würfelförmiges Trockenfutter, zu fressen.

Ein Rinderleben für die Forschung. Dem vorpommerschen Fleckvieh auf der „Seucheninsel“ geht es richtig gut. Das sagen zumindestens die Forscher. Im Stall gibt es Musik aus einer Stereoanlage, und manchmal dürfen die Rindviecher ihre Nasen auch in den Ostseewind strecken. Auf den „Wellness-Bereich“, einen 50 Quadratmeter großen stahlumzäunten Laufstall, ist Martin Groschup besonders stolz. Mit den blau-gelben Kratzbürsten sieht es hier aus wie in einer Autowaschanlage . Im Hochsicherheitsstall auf der Insel Riems wird nichts dem Zufall überlassen. Um sicher zu gehen, dass kein BSE-Erreger aus dem Stall entweichen kann, werden die Fäkalien der infizierten Tiere gesammelt. „Der Stall ist ein geschlossenes System, da geht nichts raus“, sagt Professor Mettenleiter und klopft auf zwei große Metallzylinder. Die Gülle wird hier bei 136 Grad für mehr als zwei Stunden bei drei Bar Überdruck inaktiviert. Und die Kadaver der getöteten Rinder wandern als Sondermüll in die Verbrennungsanlage der Insel.

Auf der Insel hat man Erfahrung mit gefährlichen Krankheiten. Seit fast 100 Jahren stehen hier die Giftschränke der Seuchenforscher, gefüllt mit mehr als 200 der gefährlichsten Erreger: Tollwut, Milzbrand, Maul- und Klauenseuche, Schweinepest und auch der Auslöser der BSE-Krankheit. Der Medizinprofessor Friedrich Löffler, Assistent des berühmten Bakteriologen Robert Koch, ließ das 20 Hektar große Eiland 1910 für seine Experimente sperren. Zu Löfflers Zeiten standen die Forscher in einem ähnlichem Wettlauf mit der Zeit wie heute: In Preußen grassierte die Maul- und Klauenseuche, kurz MKS. Löffler, der als Vater der Virologie gilt, gelang es, den MKS-Erreger zu identifizieren.

Die Bundesforschungsanstalt steht fast 100 Jahre später vor einem ähnlichen Problem: „Das für uns Wissenschaftler Interessante an BSE ist, dass es sich hier um eine völlig neue Art von Erregern handelt“, sagt Anstaltschef Mettenleiter. „Wir fangen bis zu einem gewissen Grad von vorne an.“ Die BSE-Forscher sind sich sicher, dass Prionen über Tiermehl und Milchaustausch-Produkte in den Organismus der Tiere gelangen. Aber wann genau löst der Erreger den Wahnsinn aus? Das Material, das die Forscher in der BSE-Probenbank der Insel sammeln, soll vor allem der Entwicklung besserer BSE-Schnelltests dienen.

Professor Mettenleiter steht immer noch geduldig bei den Kälbern im Stall. PR-Arbeit für die Wissenschaft. Über 100 Millionen Euro wird der Bund in den nächsten Jahren auf der Insel investieren – nicht nur für die BSE-Forschung. Die allerdings, sagt Mettenleiter, wird immer wichtiger: „Wir müssen uns diesen neuen Erregern stellen, weil sie wahrscheinlich sehr viel weiter verbreitet sind im Tierreich, als wir uns das bisher vorstellen können .“

Nein, Namen bekommen die Kälber nicht, sagt ein Pfleger. Wären sie nicht hier, befänden sich die niedlichen Tierchen längst in Form von Kalbsgulasch auf der Fleischtheke des Supermarktes. Der Rindfleischkonsum hat sich fast wieder normalisiert. Allerdings sei das kein Grund für Entwarnung, sagt Professor Mettenleiter. „Es gibt weiter BSE-Fälle. Die Tiere, die sich vor Herbst 2000 infiziert haben, werden nach der Inkubationszeit BSE entwickeln.“

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