Zeitung Heute : Ein lebensfrohes Antlitz - fotografisch festgehalten in einer Dokumentation von epochalem Rang

Carol Beckwith[Fes] Angela Fisher: Afrika - Kulte[Fes]

Dass Afrika ein Kontinent ist, hat man auf der Schule schon gelernt, und dass in Afrika Hunger und Elend, Bürgerkrieg und vielfache Unterentwicklung herrschen, sieht man tagtäglich in den Medien. Dass Afrika aber auch ein Kontinent mit derart vielen unterschiedlichen Kulturen, Völkern, Stämmen, Ritualen und Festen ist, zeigen uns auf einmalige Weise die Amerikanerin Carol Beckwith und die Australierin Angela Fisher. Mehr als ein Jahrzehnt streiften sie geduldig, mit wachen Augen und ihrer Fotoausrüstung von Nord nach Süd, von West nach Ost, je nachdem, wo gerade ein Fest oder ein lange vorbereitetes Ritual stattfand. Beide Frauen kamen aber nicht mal eben vorbei und schossen ihre Safari-Fotos, sondern sie lebten teilweise wochen- und monatelang bei vielen Stämmen, in ungezählten Gemeinschaften.

Dabei erfuhren sie ein hohes Maß an Vertrauen und Freundschaft und konnten in der Folge Rituale beobachten und dokumentieren, bei denen etwa Fremde oder Frauen nicht teilnehmen durften. Als unbeschnittene Frauen galten sie bei manchen Stämmen sogar als Mädchen und konnten sich auf spielerische Art unter das Männervolk mischen. Dagegen scheiterte andernorts ein Heiratsantrag eines verliebten Mannes daran, dass der entschlossene Brautwerber seine Brautgabe, ein Kamel, nicht "vorschriftsmäßig" zu dem Vater der Erwählten nach Amerika treiben konnte. Die erklärenden Beschreibungen der teils wunderbaren, teils spektakulären Aufnahmen von Ritualen der Geburt, der Heirat, der Beschneidung, der Ernte- und Jagdfeste und nicht zuletzt der Todesfeierlichkeiten sind knapp und präzise.

Hier wird - wohlgemerkt - nicht der Alltag Afrikas gezeigt, sondern seine farbenfrohen, manchmal düsteren, meist aber festlich ausgeschmückten und akribisch vorbereiteten Rituale. Manche dieser Rituale werden auf Grund der zivilisatorischen und politisch-gesellschaftlichen Veränderungen in Afrika vielleicht nicht mehr zu sehen sein, denn einige Feste finden nur alle paar Jahre einmal statt. Einen festen Terminkalender gibt es nicht, vieles hängt von der Ernte, dem Wetter und den Göttern ab.

Um so einmaliger war da die ständige Bereitschaft von Carol Beckwith und Angela Fisher, alle westlichen Belange stehen und liegen zu lassen und sich auf das Leben der afrikanischen Menschen einzulassen. In diesem prachtvoll ausgestatteten Bildband begegnet dem Betrachter nicht das "Herz der Finsternis" mit seinen kolonialen Resten, sondern die "traurigen Tropen" Afrikas, die doch noch ein lebensfrohes Antlitz besitzen, von dem wir nur träumen können. Damit ist dieses Werk ein Dokument von wohl einzigartigem Rang. Die Autorinnen benennen durchaus die Problematik der weiblichen Beschneidung, halten sich aber mit moralischen Belehrungen zurück. Sie beschreiben und zeigen.

Wer diese beiden Bände in Händen hält, der wird das Werk - trotz des respektablen Preises - für ein Geschenk des Verlages halten. Dabei wird sogar ein Teil der Tantiemen gezielt in Entwicklungsprojekte gesteckt. Die Autorinnen sind mit Motiven und Bildern, mit Gesten und Gaben reich beschenkt worden. Im Vorwort versprechen sie, sich finanziell zu revanchieren. Die Götter Afrikas werden ein Auge darauf haben.Carol Beckwith, Angela Fisher: Afrika - Kulte, Feste, Rituale. Bucher Verlag

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