Zeitung Heute : Ein Leuchtturm für die Stadt

Gute Forschung braucht nicht nur Geld, sondern vor allem funktionierende Netzwerke und helle Köpfe

Heiko Schwarzburger

Zahlen lügen nicht. Diese Binsenweisheit gilt auch für die Wissenschaft. Spitzenforscher werben die meisten Forschungsmittel ein, haben die meisten Doktoranden und Postdocs im Team, publizieren die meisten Fachartikel und werden von ihren Kollegen am häufigsten zitiert. Das sind harte Fakten, die kann man zählen und vergleichen.

Schwieriger wird es bei der Einschätzung von Universitäten. Als die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) kürzlich ihr jüngstes Forschungsranking vorstellte, lagen die Berliner Hochschulen in der Chemie und der Physik im vorderen Mittelfeld. Beim Exzellenzwettbewerb der Länder und des Bundes hatte die TU Berlin zwei Cluster für Informatik und Katalysechemie eingereicht. „Dahinter stehen große wissenschaftliche Netzwerke“, sagt der Sprecher des Chemieclusters Professor Matthias Driess. Beide Anträge erhielten Bestnoten und haben gute Aussichten in der zweiten Runde.

Geld ist zweifellos wichtig, aber nicht alles. Außerordentliche Qualität in der Forschung definiert sich anders: „Für mich ist Berlin eine der wichtigsten Forschungsregionen weltweit“, sagt Francois Diederich, Professor für organische Chemie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich. Seit Anfang Oktober weilt er für ein Semester am Institut für Chemie der TU Berlin, als Gastwissenschaftler bei dem Chemiker Helmut Schwarz. Der ETH-Forscher hat einen Forschungspreis der Alexander von Humboldt-Stiftung gewonnen. Die Stiftung bezahlt ihm nun einen einjährigen Aufenthalt an Hochschulen seiner Wahl, bei wissenschaftlich hervorragenden Kollegen.

Diederichs Gastgeber Helmut Schwarz gehört in die erste Riege der deutschen Chemiker. Er genießt einen ausgezeichneten internationalen Ruf. Er hat unzählige Preise bekommen. Auch bei der DFG zählt er zu den begehrtesten Experten. Er hat die chemische Forschung in und um Berlin geprägt wie kaum ein anderer. „Berlin ist für mich mit Harvard oder dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) vergleichbar“, resümiert Diederich. „Diese Forschungsdichte gerade in der Chemie und in den Lebenswissenschaften sucht bundesweit ihresgleichen.“ Der ETH-Forscher ist ein anerkannter Organiker mit Forschungsschwerpunkt Chemische Biologie. Er kennt die Branche gut, denn im Auftrag des Wissenschaftsrates analysiert er derzeit die Stärken und Schwächen der chemischen Institute in Deutschland.

Diederich leitet das Gutachterteam der „Pilotstudie Chemie“, dem ersten Forschungsrating des obersten Gremiums der deutschen Wissenschaft. Er sitzt im Aufsichtsrat der BASF und im Kuratorium des Forschungsfonds der chemischen Industrie. In der Schweiz dirigiert er 40 Mitarbeiter und berät den Pharmariesen Hofmann-La Roche weltweit bei der Entwicklung neuer Wirkstoffe.

„Helmut Schwarz ist der Experte schlechthin für die Gasphasen-Ionenchemie.“ Mit diesen Worten erklärt Diederich, warum er sich gerade die TU Berlin ausgesucht hat. „Ich forsche an Modellsystemen, die die Wechselwirkung zwischen biologischen Rezeptoren – Proteine beispielsweise – und ihren Liganden nachahmen. Wir wollen die Komplexierung von Liganden durch die Modellrezeptoren in der Gasphase untersuchen, um zu verstehen, wie die Wechselwirkung und die Erkennung ablaufen.“

In der organischen und biologischen Chemie werden Rezeptoren und ihre Wechselwirkung mit Gastverbindungen meist in wässriger Lösung erforscht. Die Wassermoleküle lagern sich dabei an und umringen sie. Bei diesem Vorgang wird auch Wasser freigesetzt. „Dadurch wird das Verständnis der Erkennungsvorgänge erschwert, denn die Komplexität steigt“, meint Diederich. „In der Gasphase kommen wir ohne Lösungsmittel aus, ich hoffe, das vereinfacht die Analyse.“

So haben die Schweizer Forscher organische Rezeptoren entwickelt, die kleine Moleküle wie in einem Käfig einschließen. „Geben wir eine Säure hinzu, öffnet sich der Käfig, der Wirkstoff kann entweichen“, erklärt Diederich. „Mit einer Base können wir den Behälter wieder schließen.“ Dieser molekulare „Sesam-öffne-dich“ verspricht völlig neue Ansätze für die pharmazeutische Industrie, um Arzneimittel ins Körperinnere zu schleusen – in der richtigen Dosis und an den richtigen Ort.

Diederich weiß die Qualität zu schätzen, die dichte Netzwerke in die Forschung bringen. Denn die komplexen Geheimnisse des Lebens lassen sich nicht im Alleingang erforschen. Sein Gastgeber Helmut Schwarz, der Leibniz-Preisträger, wirbt auch viele Drittmittel ein.

Das taucht in den Rankings kaum auf. Dort wird summarisch geurteilt. Die TU München beispielsweise hat rund 40 Professuren in der Chemie, die TU Berlin hingegen nur 18. Teilt man die Drittmittel aus dem Ranking durch die Zahl der Professoren, steht die TU Berlin besser da: Pro Professor wirbt sie mehr Geld ein als ihre Kollegen an der Isar. Das nennt man Effektivität.

Der Schweizer Gast hat sich eine Bleibe am renommierten Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) in Dahlem gesucht. Dort bezog er eine Gästewohnung. Unweit der Stadtgrenze, in Golm, hat die MPG ein neues chemisch-physikalisches Institut errichtet, das sich mit Kolloid- und Grenzflächenforschung beschäftigt. Zwar stellen die großen Träger der Forschung wie die DFG oder die Alexander von Humboldt-Stiftung ihre Rankings nach den Hochschulen auf. Doch in der Chemie beispielsweise sind diese Grenzen längst gefallen. Wer in Berlin oder Potsdam als Chemiker forscht, gehört zu einer Gemeinschaft, deren institutionelle Grenzlinien immer weniger bedeuten.

Welchen Wert die Vernetzung gerade in der Berliner Region hat, welche Stärken sie ermöglicht, das zeigt das Beispiel der Mathematiker. Seit fünf Jahren finanziert die DFG in Berlin das Forschungszentrum „Mathematik für Schlüsseltechnologie“ (Matheon), das mehr als 70 Professuren und 100 Forscher vereint, die aus den großen Universitäten und zwei unabhängigen Instituten kommen.

Die Mathematiker haben beim Exzellenzwettbewerb gemeinsam die „Berlin Mathematical School“ (BMS) eingereicht und den Zuschlag erhalten. Nun sind sie in der Lage, die besten Köpfe an die Spree zu holen, hoffnungsvolle Talente, die in wenigen Jahren schon Lehrstühle besetzen Institute leiten sollen.

Die Graduiertenschule reiht sich in die Erfolge der Berliner Mathematik ein: Im vergangenen Jahr wurde das Matheon begutachtet. Das Ergebnis: Die DFG sicherte weitere 20 Millionen Euro für die kommenden vier Jahre zu. Im Juli vergaben die Bonner Geldgeber auch zwei neue Graduiertenkollegs an die TU Berlin, um den mathematischen Nachwuchs zu fördern. Das ergibt drei Millionen Euro für 27 junge Forscher. „Wir wollen Berlin international noch sichtbarer machen“, sagt Günter M. Ziegler, Mathematikprofessor an der TU und Sprecher der BMS.

Im September war ein weiterer Erfolg zu feiern: Junge Mathematiker der TU Berlin räumten gleich vier Preise für hervorragende Diplomarbeiten und Dissertationen ab, die von der SAP AG und einer Fachgesellschaft gestiftet worden waren.

Die Erfolge in den Naturwissenschaften strahlen auf die technischen Disziplinen an der TU Berlin aus und umgekehrt. Wer die technologische Spitze bestimmen will, muss auch bei den wissenschaftlichen Grundlagen ganz vorn mitspielen und viele exzellente Partner haben.

So gelang es der TU, die Zahl der Erfindungen im Jahr 2005 gegenüber dem Vorjahr zu verdoppeln. Seit 2002 konnte sie 78 Patente anmelden, mehr als die Charité. Vor allem aus der Elektrotechnik, der Informatik, der Verkehrstechnik und dem Maschinenbau wurden verwertbare Ideen gemeldet. „Auch Patente sind ein Ausweis der technologischen Kompetenz“, kommentiert TU-Präsident Kurt Kutzler. Mit ihren ingenieurwissenschaftlichen Fächern hat die TU ein Alleinstellungsmerkmal in der Region.

Indem Ergebnisse der Grundlagenforschung schnell in marktfähige Produkte gebracht werde, lassen sich Forschungsfelder besetzen. Ein Beispiel ist der Forschungscluster „Human-Centric Communication“. „Heute greifen wir auf Informationen zurück, die auf Dokumenten, Sprach- oder Videoaufnahmen festgehalten sind“, erklärt Professor Adam Wolisz, der Sprecher des Clusters.

„Bestehende Informationen elektronisch zu erfassen oder neue Inhalte bereitzustellen, ist nicht einfach. Künftig sollen die Informationen aber automatisch erfasst und durchsuchbar sein.“ Je nach Endgerät und Aufenthaltsort des Nutzers sollen die Inhalte abrufbar sein.

Der Nutzer mit seinem individuellen Informationsbedürfnis rückt in den Mittelpunkt, nicht die Technik. Viele der beteiligten Wissenschaftler wurden gemeinsam mit zehn außeruniversitären Forschungsinstituten berufen. Die Institute bilden eine bedeutende Komponente des Clusters. Enge Kooperationen mit der Industrie sind auch geplant.

Nicht nur damit gehört die TU Berlin in der Telekommunikation zu den auffälligsten Leuchttürmen in Deutschland. Die Deutsche Telekom AG hat dies erkannt und ein großes Forschungslabor nach Berlin vergeben, in die Räume der TU am Ernst-Reuter-Platz. Dort forschen vier Professoren und 75 Forscher an neuen Produkten für schnelle Datennetze und Handys. Das T-Lab ist als An-Institut der TU organisiert. Die erste Professur wurde soeben an die Netzwerkspezialistin Anja Feldmann vergeben. Sie hat der als Exzellenzuniversität etikettierten TU München den Rücken gekehrt und wechselt nach Berlin.

Die Entscheidung, das T-Lab an die TU Berlin zu vergeben, fiel vor etwa einem Jahr. Im Sommer 2006 gründeten Telekom, Siemens und Daimler Chrysler gemeinsam mit der TU ein weiteres Forschungszentrum: „European Center for Information and Communication Technologies“, kurz EICT. Mit im Boot ist die Fraunhofer-Gesellschaft. Der größte europäische Träger für anwendungsbezogene Forschung hat in Berlin mehrere Institute, die mit der TU Berlin über gemeinsame Professuren und Forschungsprojekte verbunden sind.

Der Anspruch des EICT ist groß, geht es doch darum, die deutschen Großkonzerne im weltweiten Wettrennen um die beste Technologie nach vorn zu bringen. „Angesichts der anhaltenden Führungsrolle der USA und des zunehmenden Drucks aus dem asiatischen Raum müssen wir unsere Kompetenzen in Forschung und Entwicklung bündeln“, sagt Christopher Schläffer von der Deutschen Telekom. „Wir sehen im EICT eine große Chance, die europäische Wettbewerbsposition in diesem Markt zu stärken.“

Auch am EICT geht es um Informationstechnik von morgen: intelligente Datendienste, sichere Netze, schneller und flexibler Zugang zu den Netzen sowie Übertragungsraten im Bereich von mehreren Terabyte.

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