Zeitung Heute : Ein Loch im Leben

Vor Gericht: Wie Denis P. einen Mann vor die U-Bahn stieß

Jana Simon

Denis P. sitzt hinter einer Glasscheibe im Gerichtssaal B 129, Moabit, als ginge noch immer eine Gefahr von ihm aus. Die dunklen Haare sind nach hinten gegelt, er trägt Schwarz, Hemd, Jogginghose, Turnschuhe. Als die Richterin ihn vor die Scheibe zu seinem Anwalt bittet, wirkt es kurz, als suche das Opfer, Arkadius M., hinter dem Tisch Deckung. Die Richterin beruhigt, ein Wachtmeister hockt sich zum Schutz zwischen die Stuhlreihen, zwischen Opfer und Täter. Die beiden sind fast gleich alt.

Am 11. Dezember 2001 hat Denis P. Schicksal gespielt und das Leben von Arkadius M. für immer verändert, man könnte auch sagen zerstört. Denis P., damals 23, stieß Arkadius M., damals 26, vor die U-Bahn. Sie hatten sich nie zuvor gesehen, nie gesprochen.

Denis P. beginnt, eine Erklärung vorzulesen, er spricht schnell, holt kaum Atem zwischen den Sätzen, er redet sehr leise, als wünsche er, seine Worte würden irgendwohin verschwinden. Zur Zeit der Tat litt er unter einer schizophrenen Psychose. Er hörte Stimmen, denen er nur außerhalb seiner Wohnung entkommen konnte. Er griff seinen Großvater an, weil er meinte, von ihm missbraucht worden zu sein. Danach ging er freiwillig in die Bonhoeffer-Klinik, doch anscheinend nahm niemand die Wahnvorstellungen wichtig, er kam wieder raus. Denis P. verlor immer mehr den Überblick, trug ständig ein Messer bei sich, um sich umzubringen. Er kiffte, der Fernseher sprach zu ihm, und bei Hertie im Tiergarten stach er einem kleinen Jungen mit dem Messer in die Brust und in den Kopf, weil er dachte, das Kind sei eine Puppe. Der Junge wurde leicht verletzt. „Ich hielt mich für die Wiedergeburt Jesus“, liest Denis P. vor. Er habe sich von „Deutschland“ verfolgt und zum Töten animiert gefühlt.

Die Menschen auf dem U-Bahnhof Kurt-Schumacher-Platz waren für ihn Statisten in einer großen Inszenierung. Auch Arkadius M. baute er in seine Wahnvorstellungen ein. Der Junge stand am Rand des Bahnsteigs und kehrte Denis P. den Rücken zu. Zufall, es hätte jeder andere sein können. „Wenn er mich angesehen hätte, hätte ich ihn vielleicht nicht gestoßen.“ Vielleicht, wer weiß das schon? „Ich fühlte mich nicht bedroht, ich hatte absolut nichts gegen den Mann“, Denis P. schweigt kurz. „Er stand nur falsch.“

Arkadius M. hat seinen Kopf auf die rechte Hand gestützt, ab und zu blickt er hinüber zu Denis P. , sein Vater neben ihm tupft sich das rote Gesicht mit einem Taschentuch ab. Die Mutter, eine Frau mit ordentlich frisierten grauen Locken, bewegt sich kaum. Als sei jede Regung zu viel. Eine kleine Familie, in deren Welt nichts mehr richtig ist. Der Sohn schreit nachts vor Schmerzen. Als die Richterin Arkadius M. fragt, ob er etwas sagen mag, bricht es aus dem schmalen Jungen heraus: „Ich möchte die Höchststrafe, ich will ihn am liebsten töten.“ Danach sieht er schnell weg, sein Körper bebt. Es ist schwer auszuhalten. In diesem Prozess geht es aber nicht um Strafe, Schuld und Sühne. Es handelt sich um ein „Sicherungsverfahren“, bei dem bestätigt werden soll, dass Denis P. in der Nervenklinik bleibt. Zur Tatzeit war er nicht schuldfähig.

Arkadius M. kann sich an nichts mehr erinnern, die Tat hat ein Loch von sechs Monaten in sein Leben gerissen. Vier bis fünf U-Bahn-Waggons überollten ihn. Denis P. sagt, sein Opfer habe noch versucht zu fliehen – irgendwohin in den Zwischenraum zwischen U-Bahn und Bahnsteig. Aber da war kein Ausweg. Arkadius M. verlor den linken Arm, seine ganze linke Seite wurde zertrümmert, das linke Bein wurde ohne Knie wieder angenäht. Er sitzt im Rollstuhl. Sein Vater sagt, dass er sich nichts mehr merken könne, das Kurzzeitgedächtnis sei beschädigt.

Familie M. ist 1987 von Polen nach Deutschland übergesiedelt. Mutter und Vater schufteten für den Traum vom besseren Leben im Westen, Arkadius M. lernte Industriekaufmann, dann wurde er Zeitsoldat, arbeitete im Bundeswehrkrankenhaus in Berlin. Jetzt lebt er wieder bei seinen Eltern bei Stuttgart. Seine Freundin hat ihn verlassen, er hat abgenommen, keinen Appetit mehr. Die Eltern machen sich Sorgen, wer sich einmal um ihn kümmern soll, sie seien doch schon über 50.

In der Pause sagt Arkadius: „Ich glaube nicht, dass der Täter verrückt ist.“ Vielleicht hilft das, das Unbegreifliche zu verstehen. Denis P. nimmt Medikamente, ist entsetzt über seine Tat. Keiner weiß, wie lange er in der Nervenklinik bleiben wird. Arkadius muss nach der Verhandlung wieder ins Krankenhaus.

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