Zeitung Heute : Ein Männchen sieht rot

Sie kommt aus der DDR, sie hat die Wende überlebt. Und sie erobert gerade West-Berlin. Ein Gericht soll nun entscheiden, wem die niedliche Ampelfigur überhaupt gehört

Stefan Jacobs

Es ist allen Beteiligten sehr unangenehm, dass sie die Sache jetzt vor Gericht austragen müssen. „Ich bin absolut kein Gerichtstyp“, sagt Markus Heckhausen, der in drei Berliner Geschäften Ampelmann- Fanartikel verkauft. „Schade, dass dieses sympathische Kerlchen jetzt so zwischen die Mühlen kommt“, sagt der sächsische Verkehrstechnik-Unternehmer Joachim Roßberg. „Er ist doch nur ein friedfertiger Straßenjunge, der für nichts kämpft“, sagt der Psychologe Karl Peglau, der die Figur vor über 40 Jahren entworfen hat.

Zwei Geschäftsleute streiten also um die Rechte am DDR-Ampelmann. Ein Termin am Leipziger Landgericht war schon vereinbart, für diese Woche, es hat aber noch einmal eine Verschiebung gegeben.

Verkehrspsychologe Peglau bewegt sich trotz seiner 78 Jahre genauso energisch wie sein grüner Schützling. Er war DDR-Seniorenmeister im Tennis und spielt dreimal pro Woche auf der Anlage vor seiner Haustür in Berlin-Pankow. Auch vom Gemüt her ähnelt der Schöpfer seinem Werk: ein freundlicher, rechtschaffener Mann, der die Welt ein wenig schöner machen und die Menschheit vor Unglück bewahren möchte.

Als er den Ampelmann erfand, waren in der DDR weder die Begriffe Kult und Marketing noch Fußgängerampeln bekannt. Es gab nur die drei Lichter, die Menschen, Radlern und Autos gleichzeitig den Weg über die Kreuzung wiesen. Weil es dabei aber so viele Unfälle gab, entwarf Peglau neue Ampeln – jedem Verkehrsstrom seine eigene. Autofahrer sollten sich nicht nur an Farben, sondern zusätzlich an intuitiv verständlichen Formen orientieren: Peglaus Ampel bestand aus einem roten Querbalken, einem gelben Kreis und einem pfeilförmigen grünen Licht. Nach dem gleichen Prinzip entwickelte er die Fußgängerampel: „Die aufhaltende Funktion des Sperrbalkens steckt in den ausgebreiteten Armen des roten Männchens. Und die dynamisierende Pfeilform habe ich in die kräftigen Beine des grünen Männchens gelegt.“

Damit war für Peglau die erste von drei Bedingungen erfüllt: Jeder – ob fit, farbenblind oder senil – konnte verstehen, was der Ampelmann von ihm wollte. „Deshalb ist auch das Piktogramm zu verwerfen“, sagt Peglau über den West-Ampelmann, der die Hände kaum von der Hosennaht nimmt und weniger Licht durchlässt, weil er so dünn ist. Zweites Kriterium war die emotionale Ansprache: Der Mensch vertraue eher jemandem, der ihm sympathisch ist oder gar ähnelt. Da sei ein Übergewichtiger mit Knollennase ein geeignetes Vorbild. Und schließlich sollte der Sympathieträger unpolitisch sein. Deshalb verpasste Peglau dem Ampelmann weder Pionierhalstuch noch Dienstmütze, sondern einen Sombrero. In diesem Outfit hat der Ossi die Wiedervereinigung überlebt. Und in Berlin hat er nun sogar den Westkollegen ausgestochen: Seit Januar werden nach und nach alle Ampeln mit ihm ausgerüstet.

Peglau hat seine alten Entwürfe noch in der Schublade. Darin hat der Ampelmann sogar Finger und ein Lächeln, aber diese Details ließen sich schwer fertigen. Auch die Balken-Ampel ging nie in Serie – wohl weil die DDR sich keine teuren Extrawürste leisten wollte. Der leicht geglättete Ampelmann aber machte seinen Weg: über die Kreuzungen der DDR ins Kinderfernsehen („Hallo, Kinder, hört mal her!/Seid ihr sicher im Verkehr?/Könnt ihr denn schon diese beiden/in der Ampel unterscheiden?“), bis er nach der Wende langsam verschwand.

Sympathisanten eines nicht ganz ernst gemeinten „Komitees zur Rettung der Ampelmännchen“ machten auf ihn aufmerksam, der Designer Markus Heckhausen erkannte ihn als charakterstarkes Etikett für eine Kollektion, die inzwischen von Gummibärchen bis zu Badelatschen reicht, fast zwei Dutzend Arbeitsplätze sichert und für zwei Millionen Euro Jahresumsatz gut ist.

Heckhausen kam 1995 aus Tübingen nach Berlin und hat sich – abgesehen davon, dass er beispielsweise „Roschtock“ sagt statt „Rostock“ – gut integriert. Er hat sich die Rechte für einige Ampelmann- Produktgruppen amtlich schützen lassen, aber nicht für alle, da war sein Widersacher Roßberg aus dem sächsischen Wildenfels schneller. Roßberg bezeichnet seine Firma als „die Wiege des Ost-Ampelmännchens“. Auch damit, was eine Wiege ist, wird sich das Leipziger Gericht befassen müssen.

Roßberg stellt vorsorglich klar: „Ich sage ja nicht, dass ich es erfunden habe. Aber seit den 60er Jahren waren wir Alleinhersteller der Ampelmännchen in der DDR.“ Peglau dagegen sagt: „Das ist keine Wildenfelser Angelegenheit.“ Er ist Heckhausen freundschaftlich und vertraglich verbunden, möchte mit dem Streit ansonsten aber nichts zu tun haben.

Markus Heckhausen und Joachim Roßberg kennen sich, weil der geschäftstüchtige Designer einst die Lagerbestände des Sachsen aufkaufte und aus den Ampelgläsern Lampen baute. Anfangs haben sie zusammengearbeitet, aber jetzt wirft Heckhausen Roßberg vor, die Rechte zu blockieren, ohne sie zu nutzen. Mit einem „vierstelligen Angebot“ wollte er sie ihm abkaufen, aber Roßberg winkt ab: „Völlig indiskutabel. Für diese Summe könnte ich nicht mal die Kosten für meine Markenanmeldung abdecken.“

Auch Roßberg betreibt einen Ampelmännchen-Shop, in Zwickau, mit einem Jahresumsatz von 50000 Euro, wie er sagt. Anders als Heckhausen lebt er zwar nicht von Ampelmännern, sondern von Baustellenabsicherungen, aber „selbstverständlich nutze ich meine Lizenzen. Ich verstehe nicht, warum jetzt diese Kurzschlussreaktion aus Berlin kommt.“ Er jedenfalls, Roßberg, würde dem Konkurrenten keine Klage an den Hals hängen.

Heckhausen hält Roßberg dagegen für einen Wichtigtuer. Zum Beweis führt er das Ampelmädchen an, das Roßberg kürzlich als seine Erfindung präsentierte und werbewirksam in mehrere sächsische Ampeln einbauen ließ. Der Dresdner Bürgermeister pries die Aktion, als habe er den Frauen damit endgültig zur Gleichberechtigung verholfen.

Heckhausen beobachtete das halb neidisch und halb empört, denn die Idee sei keineswegs neu. Und Karl Peglau, der Psychologe, schrieb dem Bürgermeister einen Brief, in dem er ihm zum Kampf um Gleichberechtigung an anderer Stelle als in der Ampel riet. Pädagogisch sei das bezopfte Ampelmädchen dem Ampelmann nämlich klar unterlegen.

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