Zeitung Heute : Ein Mann für alle Pflegefälle

Manche hassen ihn, für viele ist er die letzte Rettung: Claus Fussek, Kämpfer für die Rechte der Alten. Protokoll eines Arbeitstages

Christine-Felice Röhrs

Manche hassen ihn, für viele ist er die letzte Rettung: Claus Fussek, Kämpfer für die Rechte der Alten. Protokoll eines Arbeitstages
Von

Der Anrufbeantworter des deutschen Pflegenotstands steht in einem Hinterhofbüro in München. Er ist klein, er hat ein Ziegenbärtchen und einen Goldreif am Arm, gerade mustert er die Wand voller Ordner mit den leuchtenden Etiketten. „Wo ist denn jetzt ,Missstände 2006‘?“, fragt er ungeduldig. Das Büro ist typisch für Sozialeinrichtungen. Linoleum, Leuchtröhren, Holzmöbel, furniert. Hunderte Akten füllen die drei deckenhohen Regale. „Missstände 1998“, „Missstände 2001“, „Windeln – Missstände“ … Das Telefon klingelt, der Anrufbeantworter saust um den Tisch herum und hebt ab.

– Claus Fussek?

Aus dem, was folgt, kann man sich eine Geschichte zusammenreimen über eine Sterbende in einem Altenheim, für die die Pfleger weder Arzt noch Verwandte rufen, und eine gebrechliche Bettnachbarin, die sich nicht mehr zu helfen weiß. Fussek kritzelt mit, er tröstet, dann verabschiedet er sich und macht ein paar schnelle Anrufe.

Claus Fussek ist Deutschlands bekanntester Pflegekritiker. Fälle wie der jüngste aus Berlin – eine alte Dame wurde in einem Heim mit Medikamenten ruhig gestellt, damit sie bei der Überprüfung für die Pflegestufe kränker aussah – bekommt er jeden Tag zu hören und Schlimmeres. Ein Tag in diesem Büro ist das Elend der Alten im Konzentrat. Sie finden durchs System nicht durch, sie wissen nicht, wer helfen sollte, also versuchen sie es beim Fussek, den sie mal im Fernsehen gesehen haben. Und der macht sich zu ihrem Anwalt. Verhandelt mit Krankenkassen, sucht Heime, vermittelt Pfleger. Im Fünfminutentakt werden Gespräche mit Fussek vom Klingeln des Telefons auseinandergerissen. Er stellt dann manchmal auf Mithören und kommentiert mit Pantomime und stumm geformten Worten die Sachlage.

UNGLAUBLICH, ODER?!

Das Telefon klingelt.

Fussek lauscht eine Minute, tippt dann auf die Lautsprechertaste.

– … und ich hab die Mutter nun schon so oft mit patschnasser Windel angetroffen! Neulich kam ich, da stand sie schon in der Tür und wartete eine Stunde, dass jemand mit ihr auf die Toilette ging. Und gerade vom Trinken her muss die Mutter genau eingestellt werden, weil sie doch eine Herzinsuffizienz hat, aber keiner trägt in ihr Trinkbuch ein, was sie ihr geben. Also kommt mein Vater, ein alter Mann, Herr Fussek, jeden Tag fünf Stunden, hilft und trägt jeden Löffel Suppe ein, und jetzt haben sie ihm das Trinkbuch weggenommen! Er hat sich so aufgeregt! Wir durften auch das Pflegetagebuch nicht kopieren. Dürfen die so?

– Liebe Frau, was Sie da schildern, nennt man außerhalb eines Heimes Betrug, intern nennt man es Pflegenotstand. Nein, natürlich dürfen die das nicht. Sie zahlen doch Monat für Monat für den Aufenthalt Ihrer Mutter.

– Aber nun sagen sie uns, dann tun Sie Ihre Mutter doch woanders hin.

– Das ist wirklich unglaublich. Machen Sie sich einen Termin bei den Oberen.

– Die streiten aber ab, was wir kritisieren.

– Aber das haben Sie sich nicht bieten zu lassen. Sie müssen klarmachen, dass Ihre Mutter da nicht im Knast sitzt. Dass sie die Arbeitgeberin ist! Und lassen Sie einfließen, dass es Sie besonders irritiert, dass das ein kirchlicher Träger ist. Nee, im Guten haben Sie es versucht, jetzt ist die Überschrift: Es reicht.

– Meinen Sie? Aber öfter sind die auch wirklich nett zur Mutter.

– Meine Liebe, ich sag immer, ich schlag meine Frau auch nicht jeden Tag, ich bin öfter auch mal nett zu ihr. Verstehen Sie? Also: Versuchen Sie, höflich zu sein, damit man Ihnen nichts anhängen kann. Aber selbstbewusst. Also, tschüss. Und selbstbewusst!

20 bis 30 solcher Anrufe bekommt Claus Fussek täglich. Manche Anrufer klingen jünger, die meisten alt, manche kämpferisch, manche wehleidig, die meisten gepresst, als bliebe ihnen die Luft weg, beim Versuch, das Weinen nicht durch die Kehle zu lassen. Sie legen los, kaum, dass sie sich vorgestellt haben, niemals die Frage, ob er gerade Zeit hat. Holprige Halbsätze entschlüpfen ihnen, interpunktionsfrei, wie unter Überdruck herausgeschossen.

– Ja, guten Tag, hören Sie, meine Tante wohnt in Bergen, sie ist jetzt 94, sie lebt allein, aber sie kann ja auch nicht mehr, wie sie will, und ich, ich auch nicht, ich bin auch alt, sie braucht jemanden, der sie …, naja, wenn sie nachts wieder aus dem Bett fällt und … so eine aus Polen, die man bezahlen kann, wissen Sie, wie man eine aus Polen …?

– Ja, schönen guten Tag auch Ihnen. Sie wissen aber, dass das nicht legal ist?

– Aber das machen doch Hunderte! Hab ich beide Kreuze bei der CSU gemacht, und jetzt werd ich bestraft. Jetzt ist keine Rentenzahlung, jetzt wird alles 100 Mal teurer, und keiner hilft im Alter. Warum gehen denn alle weg von Deutschland? Weil sie blöd sind?!

Es sind Gespräche voller Großbuchstaben. Vor Verzweiflung auf der einen, vor Empörung auf der anderen Seite. SCHLIMM, ODER?!, gestikuliert Fussek. Man wundert sich ein bisschen, wie er jedem Fall so viel ungebremste Emphase widmen kann. Aber Fussek brennt nicht aus. Jeder Fall ist wie Holz aufs Feuer.

Claus Fussek, heute 54, wollte mal Pfarrer werden, dann „was mit Tieren“, vielleicht war ja der Fürsorgegedanke der verbindende. Schließlich wurde er Sozialpädagoge. Er arbeitete mit kriegsverletzten Kindern aus Vietnam und in einer Reha-Einrichtung für Behinderte. Es war eine der ersten in Deutschland, denn damals wurden Behinderte noch oft in Altenheime abgeschoben. Was er in solchen Heimen sah, ließ Fussek 1978 zusammen mit Kollegen die Vereinigung Integrationsförderung gründen, für die er heute noch arbeitet: eine „Initiative für menschenwürdige Bedingungen von behinderten, pflegebedürftigen und alten Menschen“. Sie wird von der Stadt und vom Land gefördert. Es gehören ein Pflegedienst dazu, Beratungen, Vorlesedienste.

Und Fussek spielt den Anrufbeantworter des deutschen Pflegenotstands. Es hat eine Eigendynamik bekommen.

Mittlerweile hat der Sozialpädagoge Claus Fussek Visitenkarten in der Hosentasche, wenn er ausgeht. Immer öfter wird er in Talkshows eingeladen, Biolek, Maischberger, Illner; die Leute erkennen ihn sogar im Delfinarium auf Lanzarote. Es ist vor allem sein Verdienst, dass das Thema in der Öffentlichkeit angekommen ist. Dass keiner mehr sagen kann, er habe nichts gewusst. Fussek taucht unter den Tisch und wuchtet einen Ordner hoch, gefüllt mit Briefen in Plastikhüllen – ausschließlich Reaktionen auf seinen Auftritt bei Christiansen. Es gefällt ihm auch.

Das Telefon klingelt.

Ein Landtagsabgeordneter, der Fussek zum Gesprächskreis lädt. Thema: das neue bayerische Heimgesetz.

– Aber, mein Lieber, vor allem muss die Heimaufsicht verbessert werden, massiv! Fragen Sie mal beim Nürnberger Pflegestammtisch, welche Heime da jemals kontrolliert worden sind. Viele noch gar nie!

Claus Fussek greift sie alle an. Die Pfleger, die Heimleiter, den Medizinischen Dienst der Krankenkassen, die Politiker, mit denen er bei Pflegestammtischen, Runden Tischen, Tagungen zusammentrifft. „Aber meinen Stil, den mögen die nicht“, sagt er, „das ist denen zu persönlich.“ Fussek schockt gern. Er mag es, penetrant zu sein.

Trinken wir doch auf dieser tollen, teuren Tagung den Kaffee mal lauwarm aus der Schnabeltasse, sagt er dann gern. Schlafen wir heute Nacht mal im Mehrbettzimmer. Er reicht Großaufnahmen von einem eitrigen Liegegeschwür an einem Frauenpo herum. Er zeigt das Polaroid einer alten Frau, ab der Hüfte nackt, die man auf einem Klostuhl sitzend an den Esstisch geschoben hat. Er liest Briefe vor, die ihm Senioren aus Heimen geschrieben haben. Sehr geehrter Herr Fussek, darf ich einen Büstenhalter tragen, auch wenn dies etwas Arbeit beim Anziehen macht?

Das Thema aus der „erschreckenden Funktionärssachlichkeit“ holen, das wolle er, sagt Claus Fussek; und natürlich weiß er auch, dass dies zu seinem Markenzeichen geworden ist. Tacheles-Fussek. Robin Fussek. Seine Vergleiche sind grundsätzlich jenseits der Schmerzgrenze. Auch Mörder haben eine Stunde Hofgang am Tag, sagt er, kann es sein, dass unsere Alten erst jemanden umbringen müssen, bevor sie etwas frische Luft bekommen? Wie in Guantanamo … So war’s auch im „Dritten Reich“ …

Dass er sich damit auch schaden kann, dass er sich manchmal selber die Glaubwürdigkeit nimmt, das merkt er vielleicht nicht mehr, nach Jahren, in denen nur der Holzhammer half.

Vermutlich wären einige Claus Fussek gern los. Er spielt Informationen über üble Heime Presse und Polizei zu. 2001 ist er sogar nach Genf gefahren, um sich vor dem UN-Ausschuss für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte über die Zustände in den deutschen Altenheimen zu beklagen. Aber er ist eben nicht nur der Anwalt der Alten, er ist auch Experte auf einem Gebiet, auf dem lange keiner einer sein wollte. Er sagt: „Wenn mir nochmal jemand sagt, Herr Fussek, Unterernährung in Pflegeheimen, wir dürfen nicht länger schweigen, dann dreh ich durch. Da kann ich nur sagen: Alles ist seit Ewigkeiten bekannt.“ Er stößt sich ab, kreiselt mit dem Stuhl Richtung Ordnerwand und zieht einen Artikel vom August 2006 über ein „Pilotprojekt Ärzte in Pflegeheimen“ heraus, mit der Linken klaubt er „Ärzte in Altenheimen – eine Studie“ von 1976 vom Fensterbrett. „Neue Wohnformen für alte Menschen“ gibt es ebenfalls doppelt: von 1991 und 2006. Und die Erkenntnisse über den erschreckenden Flüssigkeitsmangel bei Pflegepatienten wurden 1984 entdeckt und 2004 wieder ausgegraben.

Das Telefon klingelt.

– … die Tochter aus erster Ehe, das Miststück, die hat uns so richtig geleimt. Wir haben ihr unser letztes Erspartes gegeben, 32 000 Euro, damit sie sich um den Vater kümmert. Ich bin 78, hab Zucker, muss künstlich entleeren und pflege meinen Mann, der hat ein Bein weniger und liegt, und das Blut kommt nicht richtig durch die Adern. Das geht jetzt ins fünfte Jahr. So viel Schleppen, und der braucht ja Wäschewäschewäsche. Eine Trommel am Tag. Und wie er kackt! Helft uns, hab ich der Tochter gesagt. Wir sind extra in ihre Nähe gezogen. Aber jetzt will sie davon nichts mehr wissen. Und sie gibt das Geld nicht wieder her. Und nun schleppt sie mich vor Gericht. Weil ich sie beschimpft habe. Aber sie hat gesagt, du alte Hure. Und nun bringt sie Zeugen, die sagen, ich hätte sie Betrüger genannt …

Fussek, der nach dem Gespräch drei Anrufe macht, um in der Nähe der alten Frau einen Sozialarbeiter zu finden, wird später sagen, „ja, vielleicht ist die Alte auch schwierig, ja, vielleicht werden da alte Rechnungen beglichen, aber das haben wir nicht zu bewerten“. Menschen am Rande des Nervenzusammenbruchs, zerrüttete Familien, das seien in seinem Metier keine Seltenheiten. Immerhin: Mehr als zwei Drittel der Pflegebedürftigen, 1,45 Millionen Menschen, werden zu Hause versorgt. „Und Altenpflege geht an Körper und Seele. Man muss da entlasten. Um des Pflegebedürftigen willen. Wie lange, glauben Sie, macht die alte Frau das noch mit? Wer weiß, ob sie dem Mann nicht bald ein Kissen aufs Gesicht drückt?“

Über 40 000 Fälle hat Claus Fussek mittlerweile gesammelt. Alte Fotos zeigen einen jungenhaften Mann mit steiler Nase und fröhlichen Augen. Heute ist das Jungenhafte weg, wirken die Augen viel kleiner, umgraben von Furchen, die Dauerempörung und Dauereinsatz in die Mimik geprägt haben. Jeden Tag gibt er öfter auch die private Anschrift heraus. Dann schicken Sie mir Ihre Unterlagen mal. Was er tagsüber nicht schafft, erledigt er abends nach dem Essen mit der Frau und den Söhnen. 200 Ordner im Büro. 200 zu Hause.

Das Telefon klingelt.

Ein Kollege hat einen erfahrenen Sozialarbeiter aus jener Ecke Deutschlands aufgetan, in der die alte Frau mit dem Familienstreit lebt. Fussek kritzelt noch mit der Rechten, da wählt die Linke schon, es hat etwas Fließendes, voller Routine, aber auch angetrieben von der Erwartung auf einen kleinen Erfolg. Das ist der Grund, warum er nicht ausbrennt. Der Pflegenotstand erhebt sich täglich wie ein monolithischer Block vor ihm – aber er hat die Kraft, ihm Splitter abzuhauen. Er ist nicht nur Pflegekritiker, er ist auch Pflegepraktiker. Die erledigten „Fälle“ hebt er auf. Mit Schwung spießt er die Zettel auf einen langen Dorn, der neben dem Telefon steht. Sicher befriedigend, irgendwie.

Das Telefon klingelt.

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