Zeitung Heute : Ein Mann für jede Tonart

Christine Lemke-Matwey

Biologisch dürfte kein Zweifel daran bestehen, dass Ludwig van Beethoven, geboren im Dezember 1770 in Bonn am Rhein, gestorben am 26. März 1827 in Wien, Komponist von 32 Klaviersonaten, der Rettungsoper "Fidelio", der Missa Solemnis und der neuntesten aller neunten Symphonien, ein Mann war: stämmiger Körperbau, wilder Haarwuchs, starkes Kinn, grimmige Miene. Ein Titan. Ein Mensch rundum zum Fürchten. Ein Mensch, offenbar, jenseits anderer Menschen. Und ein Mythos. Ein deutscher Kunstheros. Ernst Bloch nannte ihn 1923 den "größten Erwählten des dynamischen, luziferischen Geistes". Thomas Mann verklärte seine Musik zur "Tatkraft an sich", ja, zur "Definition Gottes". Und die Nazis verherrlichten ihn wie sonst nur Richard Wagner. Allesamt verlässliche Indizien: für das männlich dominierte Erbe unserer Kulturgeschichte, für die Autorität der XY-Chromosomen auch und gerade in Fragen der Musik - nicht selten bis heute.

Wenn nun eine ausgewiesene Frauenmusikspezialistin wie Beatrix Borchard (zusammen mit Cornelia Bartsch und Rainer Cadenbach) an der Berliner Hochschule der Künste einen Beethoven-Kongress ausruft, dann darf man sich wundern. Mit Recht: Auf Erkenntnisse aus den so genannten gender studies schien die Beethoven-Forschung und -Rezeption bislang kaum angewiesen. Das Nachdenken über Männlichkeit und Weiblichkeit als Kategorien einer (keineswegs nur wissenschaftlichen!) Weltwahrnehmung spielte keine Rolle. Die in den 80er Jahren explodierenden Theorien von Geschlechterdifferenz, Feminismus und Dekonstruktion überließ man - eher abschätzig als generös - anderen.

Denjenigen etwa, die sich mit romantischer Musik beschäftigten, mit Schubert oder Schumann und deren als typisch "weiblich" abqualifizierten Eigenschaften. Und denjenigen, die, anarchistisch genug, wissen wollten, was begabte, schöpferisch tätige Frauen wie Clara Schumann, Fanny Hensel oder Alma Mahler so erbarmungslos in den Schattenwurf ihrer berühmten Männer oder Brüder trieb. Andererseits gibt es auf dem Feld der Frauenmusikgeschichtsschreibung noch so unerhört viel zu tun, dass sich jede Verschwendung der (knappen) Ressourcen von selbst verbietet. Also noch einmal gefragt: warum Beethoven? Warum ausgerechnet der "männlichste unter den männlichen Komponisten", dem die Nachwelt bereits so unendlich viele Kränze geflochten hat und, aufführungspraktisch, unablässig neue flicht?

Die Diskrepanz habe sie gereizt, sagt Beatrix Borchard. Die Diskrepanz zwischen denen, die die Kategorien "männlich" und "weiblich" mehr oder weniger unreflektiert leugnen (wie viele Studenten), und denjenigen, die Beethovens Musik tatsächlich als machistisch, gewalttätig und buchstäblich vergewaltigend darzustellen suchen (wie Susan McLarey und andere amerikanische Theoretiker). Die Wahrheit liege wie immer in der Mitte.

Der Mann mit der Maske

So geht die Rede von einem männlichen ersten und weiblichen zweiten Thema in der musikalischen Analyse auf den Berliner Musikkritiker und Kompositionslehrer Adolph Bernhard Marx zurück. Einflussreiche Persönlichkeiten wie der Dirigent Hans von Bülow und der Musikwissenschaftler Hugo Riemann beriefen sich auf ihn, die Konstruktion einer deutschen Musikgeschichte nahm Formen an. "An sich sind Kategorien wie männlich und weiblich ja noch nicht des Teufels", so Borchard. "Das Problem ist ihre Hierarchisierung. Die Kategorien bedeuten dann nämlich: wichtig und weniger wichtig, ursprünglich und abgeleitet. Auf diese Weise werden Ideologien in die Musik eingeschleust. So biegt man einer Kunst, die alles andere als starr ist und wertkonservativ, ein starres, selbstgerechtes System bei. Und Beethoven begegnet uns Hörern nur mehr verstellt, maskiert".

Nun handelt es sich bei "Der männliche-weibliche Beethoven" (Plakat und Prospekt sind auf güldenen Grund gedruckt, die Adjektive überschreiben einander, greifen in gelben und roten Lettern quasi schillernd ineinander) keineswegs nur um einen wissenschaftlichen Kongress. Die Vorträge, rund 30 an der Zahl, werden konterkariert, hinterfragt und eingerahmt von Konzerten, Diskussionsrunden und Workshops. Die so genannte Theorie - von "Beethoven als Chauvinist" bis zu Mutmaßungen über seine "ferne Geliebte", von der Sonatenhauptsatzform als "Männlichkeitssymbol" über "Clara Schumann und Hans von Bülow als Beethoven-Interpreten" bis hin zu einem Porträt der von Marx geprägten Kompo- nistin Emilie Mayer - braucht die Praxis, um zu leben, und die Praxis braucht die Historie, braucht die Theorie, um erkenntnisreich zu leuchten.So wird das durchweg mit Frauen besetzte "Colorado Quartet" an fünf Abenden sämtliche Streichquartette von Ludwig van Beethoven spielen: Reminiszenz an den Brahms-Freund, Geiger und Gründer der Berliner Musikhochschule Joseph Joachim, der eben dieses seinerzeit als erster wagte. So wenig es nun darum geht, dieses potenziell weibliche Spiel gegen ein potenziell männliches zu wenden, so wenig ist den Veranstaltern des Kongresses daran gelegen, die Klischees von Männlichkeit bei Beethoven durch etwaige Klischees von Weiblichkeit zu ersetzen.

Man bedenke: Den Mann im Künstler haben die Epochen auf sehr unterschiedliche Weise gesucht (und gefunden). Zeigen Scherenschnitte oder Stiche um 1800 den jungen Beethoven noch in mädchenhafter Weichzeichnung, mit Stupsnase und vollen Lippen, so betreibt die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts - die erste Nach-Beethovensche Zeit also - eine erbarmungslose He- roisierung seiner Person. Der Musikbetrieb wird institutionalisiert, gewinnt an Macht und Ansehen - und fordert repräsentative Denkmäler. Max Klingers berühmt-berüchtigte Beethoven-Büste im Leipziger Gewandhaus (eine Kopie des Marmorblocks von 1901 ziert auch den neuen Kammermusiksaal des Bonner Beethovenhauses) zieht aus dieser Entwicklung eine gespenstische Summe.

"Der Oberkörper des Dargestellten ist entblößt - die Darstellung urmächtiger, jedoch gesammelter Energie", so der Musikwissenschaftler Martin Geck in seiner sehr lesenswerten Beethoven-Monographie: "Die Gesichtszüge zeigen konzentriertes Sinnen, der Blick geht nach innen und zugleich in die Weite. Die Fäuste sind als Ausdruck des Willens ineinandergeballt. Um die Figur ist Einsamkeit und Stille." Ein Titan? Ein Mann zum Fürchten? Ein Mensch über allen Menschen?

Der große Entsager

Beatrix Borchard bringt die Sache auf den Punkt: "Beethoven erfüllte keineswegs die landläufige Vorstellung von Männlichkeit und Potenz, indem er 20 Söhne zeugte. Ganz im Gegenteil: Ein Künstler wie Beethoven verzichtete auf jedes real ge- lebte Leben, jede gelebte Sexualität. Er entsagte - für die Kunst."

Und weiter: "Diese Leidens- und Verzichtsthematik ist ungeheuer wichtig. Denn die Vorstellung von Genie knüpft sich im 19. Jahrhundert eng an die Vorstellung des Künstlers als eines Gottes. Und Gott kann selbstverständlich nur männlich gedacht werden. Als solcher aber trägt er das Zeugende wie das Bewahrende gleichermaßen in sich. Die Frau als Frau erübrigt sich. Das ist der Kern unserer Kultur- und Musikgeschichte: Männer können alles ausdrücken, weil sie alles haben. Frauen haben nur ihren Teil, eben den weiblichen. Und der ist ja immer schon da."

Und an solchen Vorstellungen sollen 25 Jahre Emanzipation und Frauenmusikforschung kein bisschen gerüttelt haben? Sie glaube nicht, sagt Borchard, dass ein Theo-rielehrer heute noch von "männlichen" und "weiblichen" Themen in der Musik sprechen würde. Zumindest nicht ohne Anführungsstriche: "Wenn Sie so wollen, dann sind die Anführungsstriche unser Erfolg."

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