Zeitung Heute : Ein Mann fürs Globale

Ottmar Edenhofer bringt Klimaschutz, Wirtschaftswachstum und Bekämpfung der Armut zusammen

Sybille Nitsche

Gemessen an den Karrieretipps, mit denen Studenten der Weg zum beruflichen Aufstieg gewiesen wird, hätte Ottmar Edenhofer niemals Erfolg haben dürfen. Er studierte Volkswirtschaft, ging jedoch anschließend nicht – wie viele Absolventen – als Praktikant in die Wirtschaft. Er promovierte auch nicht umgehend, sondern wandte sich erst noch einem Studium der Philosophie zu. Auch danach stieg er nicht ins Berufsleben ein, sondern gründete Anfang der 90er Jahre im bürgerkriegszerrütteten Kroatien und Bosnien als Mitglied des Jesuitenordens ein Hilfsprojekt.

Nun aber hat Ottmar Edenhofer doch Karriere gemacht und kann sich vor Anerkennung kaum retten – allerdings auch nicht vor Arbeit. Edenhofer ist nicht nur stellvertretender Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), sondern seit kurzem Professor an der TU Berlin und nun auch Vorsitzender der Arbeitsgruppe „Vermeidung des Klimawandels“ beim Weltklimarat. Edenhofer war der Kandidat der Bundesregierung für dieses Amt.

Der Weltklimarat ist jene Institution, die im vergangenen Jahr zusammen mit dem früheren amerikanischen Vizepräsidenten Al Gore den Friedensnobelpreis erhielt. Seit 2004 gehört Edenhofer zu den Autoren des vierten Sachstandberichts des Weltklimarates, der deshalb Furore machte, weil er eindeutig belegte, dass der Mensch den Klimawandel verursacht. „Nun muss die Wissenschaft zusammen mit der Wirtschaft nach Lösungen suchen, wie Klimaschutz, wirtschaftliches Wachstum und Armutsbekämpfung miteinander vereinbart werden können“, sagt Edenhofer.

Genau da wird seine Forschungsarbeit ansetzen. Die Professur „Ökonomie des Klimawandels“, die Edenhofer im Juli an der Fakultät Planen, Bauen, Umwelt der TU Berlin antrat, ist ein Novum in der globalen Wissenschaftslandschaft. Die TU Berlin sei für die anstehenden Aufgaben das geeignete Labor, meint Edenhofer. Ökonomie, Mathematik, Umweltwissenschaften sowie Energie- und Verkehrstechnik könnten zusammengeführt werden, um globale Strategien für die Energieversorgung, Wirtschaftswachstum und Klimaschutz zu entwerfen. Initiiert wurde die Professur gemeinsam vom PIK, der TU Berlin und der Michael- Otto-Stiftung, die sie mit einer halben Million Euro unterstützt.

Edenhofer zählt als Vordenker eines transatlantischen Emissionshandels mit den USA. Seine Forschungen haben zudem den Stern-Bericht aus dem Jahr 2006 maßgeblich beeinflusst. In dem Report hatte Nicholas Stern – der ehemalige Chefökonom der Weltbank – nachgewiesen, dass es ökonomisch klüger ist, in den Klimaschutz zu investieren, als später die Zeche zu zahlen für die Schäden von Stürmen, Überschwemmungen und Dürrekatastrophen.

Sterns und Edenhofers einfache Wahrheit lautet: Klimaschutz ist finanzierbar. Edenhofer fand dafür die griffige Formulierung: „Es kostet nicht die Welt, den Planeten zu retten.“ Um die globale Durchschnittstemperatur um nicht mehr als zwei Grad Celsius ansteigen zu lassen, müsste nur ein Prozent des weltweiten Sozialproduktes für den Klimaschutz aufgewendet werden. Die Menschheit brauche sich also nicht entscheiden „zwischen Klimaschutz ohne wirtschaftliches Wachstum oder wirtschaftliches Wachstum ohne Klimaschutz“.

Einen Preis hat der Klimaschutz allerdings schon. „Die Atmosphäre darf nicht länger kostenlos genutzt werden“, sagt Edenhofer. Für den Kohlendioxidausstoß müsse bezahlt werden. Dass Gefahr im Verzug ist, verdeutlicht eine andere Zahl, die er anführt: 20 Billionen US-Dollar werden in den nächsten 20 Jahren in Asien in den Bau von Straßen, Flughäfen und anderer Infrastruktur investiert. „Diese Maßnahmen werden jetzt geplant unter der Voraussetzung eines Preises für Kohlendioxid von Null.“ Edenhofer hält das für „absurd“. Beim Kritisieren hält sich der gebürtige Niederbayer jedoch nie lange auf. Er nennt das Gebot der Stunde: Investoren benötigen von der Politik klare Signale, was eine Tonne Kohlendioxid kosten wird. „Nur dann haben sie einen Anreiz, in Technologien für geringere Emissionen zu investieren.“

Neben der Preisbestimmung für eine Tonne Kohlendioxid muss der internationale Handel mit Emissionsrechten geregelt werden, so dass Länder mit geringem Ausstoß davon profitieren. Momentan sind das die armen Länder, hauptsächlich in Afrika und Lateinamerika. „Aus dem Verkauf von Emissionsrechten flösse Geld in diese Staaten, das in die Infrastruktur, in effiziente Energiesysteme sowie in Bildung und Gesundheit investiert werden könnte. Klimaschutz wäre also auch Armutsbekämpfung“, erklärt der Ökonom.

Ein Schritt zu einem solchen globalen Emissionsmarkt war im vergangenen Jahr die Reise von Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier nach Kalifornien. Dort diskutierte er mit Gouverneur Arnold Schwarzenegger den Rahmen für einen transatlantischen Emissionshandel. Edenhofer reiste als Berater Steinmeiers mit.

Seine Kollegen am PIK und er hatten ein Gutachten erstellt, wie das Emissionshandelssystem Kaliforniens mit dem europäischen verknüpft werden könnte. „Immerhin haben wir Schwarzenegger von einer Verzahnung der beiden Systeme überzeugt, weil dies zur Minderung des Kohlendioxidausstoßes führt“, berichtet Edenhofer.

Ein großes Problem sind aus seiner Sicht die derzeit wieder ansteigenden Emissionen: In den zurückliegenden drei Jahren wurden in Folge die seit 30 Jahren größten Ausstöße an Kohlendioxid gemessen. Kohle sei aufgrund der hohen Öl- und Gaspreise als Energielieferant wieder hoffähig geworden. Für Edenhofer ist das der falsche Weg.

Doch die Pose des Mahners liegt ihm nicht. Er ist ein Macher, bei dem nicht nur gelegentlich feine Ironie aufblitzt, sondern auch die Leidenschaft, die Probleme anzupacken. „Ich möchte Wege finden, wie der Kohlendioxidausstoß bis 2020 stabilisiert und danach jährlich schrittweise um ein bis zwei Prozent gesenkt werden kann“, sagt er. So könne es gelingen, am Ende des Jahrhunderts eine Weltwirtschaft zu haben, die weitgehend ohne Kohlendioxidemissionen funktioniert.

Einen Königsweg dahin gibt es nicht. „Jeder Energieträger hat seine Risiken, wie die Nutzung der Biomasse zeigt“, sagt Edenhofer. Es gehe darum, alle Möglichkeiten auszuschöpfen. So müssten die Energieeffizienz gesteigert und gleichzeitig Technologien entwickelt werden, um fossile Energieträger emissionsarm zu nutzen. Dazu gehöre auch die Abscheidung von Kohlendioxid und dessen Lagerung in tiefen Erdschichten. Er fordert zudem, erneuerbare Energien umfassend einzusetzen und weiterhin Biomasse und Kernenergie zu verwerten.

Es wartet eine gigantische Aufgabe, das weiß kaum jemand besser als er. Aber mit dieser Größenordnung ist er vertraut. Ottmar Edenhofer ist ein Mann fürs Globale.

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