Zeitung Heute : Ein Mann gegen Ägypten

Ein Arbeiter organisiert die größten Streiks im Land seit Jahrzehnten – deshalb überwacht ihn der Staat

Andrea Nüsse[Mahalla al Kubra]

Ein heftiger Sandsturm fegt durch die Straßen von Mahalla al Kubra. Die Luft ist gelb, grau liegt die Arbeiterstadt mit ihren unverputzten Häusern und den größtenteils ungeteerten Straßen und den heruntergekommenen Textilfabriken im Nildelta, 130 Kilometer nördlich von Kairo.

15 Uhr 30. Die Sirene zum Schichtwechsel in der Misr-Spinn- und Webfabrik ertönt. Sie ist die größte Fabrik des Landes, errichtet nach sowjetischem Vorbild. 27 000 Menschen arbeiten dort. Das Nordtor, einer von 18 Ausgängen in der Dutzende Kilometer langen Mauer, spuckt erschöpfte Arbeiter aus. Für durchschnittlich 15 Pfund Grundtageslohn, umgerechnet zwei Euro, haben sie acht Stunden lang Maschinen bedient. Einige leisten sich ein Glas Zuckerrohrsaft, bevor sie nach Hause fahren. Die meisten schweigen, nur Mohammed Attar wirkt erstaunlich lebendig und diskutiert mit Kollegen – außerhalb des Fabrikgeländes. Drinnen wird der 37-Jährige nun immer ab dem Eingangstor von zwei Sicherheitsbeamten bis an seinen Arbeitsplatz begleitet.

Seit Dezember wird der Mann mit der Halbglatze von Fabrikleitung und staatlichen Gewerkschaften überwacht. Er hat zusammen mit zwei Kollegen den größten Streik des Landes seit Jahrzehnten organisiert und damit eine Welle ausgelöst. Die Forderung: die Durchsetzung eines Dekrets der ägyptischen Regierung, das die Jahresprämie für Arbeiter der staatlichen Betriebe von 13 Euro auf zwei Monatslöhne hoch gesetzt hatte, wovon die Fabrikleitung aber nichts wissen wollte.

„Der Funke war übergesprungen, und nach drei Tagen Streik hatten wir unsere Forderungen größtenteils durchgesetzt“, sagt Attar. Nun will er weitermachen. Will die Absetzung der regimetreuen Gewerkschaftsführung im Betrieb erreichen, die den Streik verhindern wollte.

In dem kombinierten Wohn- und Schlafzimmer seiner Zweizimmerwohnung lässt sich Mohammed Attar auf dem Ehebett nieder. Grüne Farbe bröckelt von den Wänden, der niedrige Tisch ist ohne Glasplatte, der Tee wird auf einem Stuhl serviert. Attar entschuldigt sich für die ärmliche Einrichtung. Ein Blick auf den Gehaltszettel erklärt alles. Attar, der seit sieben Jahren in der Fabrik arbeitet, bekommt einen monatlichen Grundlohn von umgerechnet 25 Euro. Seine Frau Nasra verdient rund 20 Euro. Zusammen mit Prämien und durch Verzicht auf einen freien Freitag hat das Paar mit den drei kleinen Söhnen 110 Euro im Monat. Sie bleibt also unter der von der Weltbank definierten Armutsgrenze von 1971 Dollar Jahreseinkommen für eine fünfköpfige Familie.

„Fleisch gibt es nur an Feiertagen“, sagt Attar. Die Arme seines fünfjährigen Sohnes Ali sind spirrelig dünn. „Das Problem der Arbeiter in Ägypten ist, dass wir keine Vertretung haben“, sagt Attar, der seit Jahren in seiner Freizeit Arbeitsrecht und Gesetze liest. Nach der Revolution von 1952 waren die Gewerkschaften zu staatlichen Organen geworden. Ihre Hauptaufgabe war die Organisation „spontaner“ Beifallskundgebungen der Massen für das Regime. Über die Jahre verschlechterte sich die Lage der Arbeiter. Die Lebenshaltungskosten stiegen, die Löhne nicht. Die kostenlosen Werkskantinen wurden abgeschafft, ebenso die früher übliche Reinigung der Arbeitskleidung. Noch übler sieht es in den Privatbetrieben aus. „Dort gibt es Kinderarbeit, Arbeiter müssen bei der Einstellung Blanko-Kündigungen unterzeichnen, es gibt keine Rente oder Gesundheitsversorgung“, sagt Attar. Die Löhne ägyptischer Textilarbeiter gehören zu den niedrigsten weltweit.

Es sind Zustände, die auch Kamel Abbas, 50, beschäftigen. Der Stahlarbeiter wurde 1989 aus dem größten Stahlwerk des Landes in Helwan südlich von Kairo entlassen. Er hatte einen Streik zur Wiedereinführung der Werkskantine organisiert. Inzwischen hat er das Zentrum für Gewerkschaften und Arbeiterdienste, kurz CTUWS, gegründet. Abbas’ Büro in Helwan ist kampfrot gestrichen. Von hier aus will er die Rechte ägyptischer Arbeiter stärken. „Wir informieren die Arbeiter über ihre Rechte, bilden Leute aus, versuchen, Betriebe zu vernetzen“, sagt er. Es sei eine Farce, dass die Regierung die Arbeiter vertrete. „Die staatlichen Gewerkschaften selbst haben den Kündigungsschutz für Gewerkschaftler in den Betrieben abgeschafft“, sagt er bitter lächelnd. Für einen offiziellen Streik müssen zwei Drittel der vom Regime bestimmten Gewerkschaftsführer zustimmen. Was nie geschieht. Die einzige Lösung für ihn sind unabhängige Gewerkschaften.

Das Regime mag in den vergangenen Monaten hier und da finanziellen Forderungen der Arbeiter nachgegeben haben, um sie ruhigzustellen. Doch ein Regime, das jede politische Öffnung systematisch verhindert, ist nicht gewillt, unabhängige Gewerkschaften zuzulassen. Der Direktor des Departements für Middle Eastern Studies an der Amerikanischen Universität Kairo und Experte für Arbeiterbewegungen in Ägypten, Joel Beinin, sieht in den Streiks und Aktionen der Arbeiter der vergangenen Monate „den mächtigsten und breitesten Widerstand gegen das Regime“ – auch im Vergleich zur außerparlamentarischen und politischen Opposition. Diese Einschätzung scheint das Regime zu teilen. „Letzte Woche wurde unser Büro in Mahalla al Kubra geschlossen“, berichtet Kamel Abbas. Hier hatten auch Mohammed Attar und seine Kollegen sich regelmäßig versammelt.

Doch von solchen Rückschlägen will sich Streikführer Mohammed Attar in Mahalla nicht aufhalten lassen. „Wir haben 14 000 Unterschriften gesammelt, die den Rücktritt der Gewerkschaftsvertreter im Textilwerk fordern.“ Das sind mehr als 50 Prozent der Arbeiter. Laut Gesetz können die Gewerkschaftsvertreter abgesetzt werden, wenn 50 Prozent der Belegschaft dies fordern. Ein erstes Treffen Attars mit der Führung der Textilgewerkschaft in Kairo hat nichts erreicht. Und als er vor kurzem erneut mit etwa 100 Mitstreitern nach Kairo fahren wollte, war das Regime schneller: Der Unternehmer, bei dem die Arbeiter zwei Reisebusse gemietet hatten, machte einen Rückzieher. Und als die Gruppe sich zum Bahnhof begab, wurde sie von Sicherheitsbeamten daran gehindert, den Zug zu besteigen.

Inzwischen ist auch die offizielle Order zur Schließung von Kamel Abbas’ Büro in Helwan angekommen. Nun halten Vertreter der ägyptischen Menschenrechtsorganisation das Gebäude besetzt. Um es zu schützen.

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