Zeitung Heute : Ein Mann sieht schwarz

Es ist noch viel Öl da, aber man bekommt nicht mehr genug davon aus der Erde. Einer weiß das seit Jahren – und wurde lange verlacht

Harald Schumann[Ballydehop]

Sein Rat war Millionen wert, eigentlich unbezahlbar. Aber man hörte nicht auf ihn. Als der junge Geologe Colin Campbell im Auftrag des Ölkonzerns British Petroleum per Maultier die Berge Kolumbiens erkundete und mit der Schaufel nach verräterischen Fossilien grub, stieß er auf überzeugende Indizien. Dort, am Fuße der Anden, müsse es Öl geben, notierte er in seiner Expertise. Viel Öl. Doch man schrieb das Jahr 1960. Eine Bohrung in der abgelegenen Wildnis schien den Chefs in London zu teuer. Dafür machte Jahre später die Konkurrenz von Occidental Petroleum das große Geschäft mit Kolumbien. „Es war das letzte große Ölfeld, das in der westlichen Hemisphäre an Land gefunden wurde“, sagt Campbell und zeigt stolz seinen vergilbten, mit einer abgenutzten Schreibmaschine geschriebenen Bericht von damals. „Ich wusste es, aber sie glaubten mir nicht.“

Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. 40 Jahre seines Lebens hat er mit dem Erschließen von Ölfeldern verbracht. Von Alaska bis Ecuador, von Australien bis nach Norwegen hat er nach dem schwarzen Saft gesucht, der die Weltwirtschaft antreibt. Fünf verschiedenen Konzernen hat er dabei gedient. Er weiß, wie die Ölbosse ticken, war zeitweilig selbst einer. Nun, mit 74Jahren, hat er sich ins Städtchen Ballydehop an der irischen Südküste zurückgezogen. Doch das Idyll seines Alterssitzes im Land der grünen Hügel täuscht. Der Streit des Colin Campbell mit den Mächtigen der Ölbranche tobt härter denn je.

Denn Campbell verbreitet fortwährend eine Behauptung, die fundamental die Glaubenssätze der Ölindustrie und der Wachstumsgesellschaft in Frage stellt: Noch in diesem Jahrzehnt, womöglich schon im nächsten Jahr, werde die weltweite Ölförderung ihren Höhepunkt erreichen, mahnt er seit Jahren. Drei Bücher, zahllose Artikel und noch mehr Vorträge hat er darüber verfasst. „Anschließend wird die Produktion unaufhaltsam sinken“, sagt er, und plötzlich verschwindet das Lächeln aus seinem Gesicht. „Wir hätten uns darauf einstellen müssen. Das wird unsere Welt zerstören“, sagt er und sieht gewaltige Wirtschaftskrisen und Hungerkatastrophen heraufziehen.

Die finstere Prophezeiung mag so gar nicht zu dem Abenteurer passen, der sie vorträgt. Viel lieber erzählt er Geschichten aus seinem aufregenden Leben, etwa von seinem Lehrgang in Korruption in Ecuador oder den Intrigen in der Chefetage beim Ölkonzern Amoco (heute BP). Ein Scherz folgt dem anderen, unterbrochen nur von den dröhnenden Lachern, die seinen massigen Körper durchschütteln. Doch seine Warnungen meint Campbell bitterernst. Er weiß es nun mal. Und sie wollen ihm nicht glauben. Darum arbeitet er noch immer jeden Tag in seinem mit Büchern angefüllten kleinen Büro. Vor dem Fenster liegt die beschauliche Dorfstraße, dahinter verbindet ein Breitbandanschluss Campbell mit dem Rest der Welt, wo angesichts steigender Ölpreise die Frage immer dringender wird, ob seine Prognosen zutreffen.

15 Jahre ist es jetzt her, da brachte ihn der Zufall auf das Thema seines zweiten Lebens. Als Vizepräsident und Repräsentant der belgischen Ölfirma Fina in Norwegen bat man ihn um Mitarbeit bei einer Studie über die Größe der globalen Ölreserven. „Ich gebe zu, bis dahin hatte ich noch nie richtig darüber nachgedacht“, sagt Campbell. Die Untersuchung war zunächst mangels Daten wenig ergiebig. Doch dann meldete sich der Chef der Genfer Firma Petroconsultants und bot seine Unterstützung an.

Das war brisant. Das kleine Unternehmen war eine Schaltstelle für den informellen Informationsaustausch der Branche. Dort bekamen Campbell und seine Kollegen Zugang zu den internen Daten der Ölkonzerne über die bis dahin bekannten rund 24000 Ölfelder rund um die Erde. Das Ergebnis war verblüffend. Campbell entdeckte, dass seine Branche seit langem sich selbst und das Publikum in die Irre führte. Jahr für Jahr berichten BP, Shell und Co., dass die Ölreserven fortwährend anwachsen, die Versorgung folglich völlig ungefährdet sei. Doch das ewige Wachstum geht keineswegs auf ständig neue Funde zurück. Vielmehr bewerten die Unternehmen und Förderländer lediglich die längst entdeckten Ölfelder ständig höher. In Wahrheit wird bereits seit 1983 jedes Jahr mehr Rohöl gefördert, als neu gefunden wird.

Bekannt ist zudem, dass Erdöl sich nicht einfach aus dem Boden pumpen lässt wie aus einem Tank. Das energiereiche Stoffgemisch aus den Algensedimenten urzeitlicher Flachmeere ist nicht in unterirdischen Seen gespeichert, sondern in den winzigen Poren mit Öl durchtränkter Gesteinsschichten. Diese geben den Stoff nur auf hohen Druck frei. Nach dem Abbau des natürlichen Gasdrucks wird darum meist mit dem Verpressen von Wasser nachgeholfen. Aber dieser Prozess kann nur einen Teil des Öls bewegen. In der Folge beginnt die Fördermenge unweigerlich zu sinken, schon lange bevor ein Reservoir erschöpft ist. Wegen dieses Phänomens sagte der US-Geologe King Hubbert im Jahre 1956 voraus, dass die Ölförderung in den USA spätestens ab 1971 unaufhaltsam sinken werde. Seine Kollegen lachten ihn aus, aber er behielt Recht. „Hubberts peak“ ist seitdem ein feststehender Begriff für Öl-Ingenieure.

Campbell wandte nun Hubberts Methode auf die globalen Ölreserven an. Was für jedes einzelne Feld und auch schon für ganze Förderländer gilt, musste zwangsläufig auch für die Welt insgesamt richtig sein. Auf Basis der geheimen Industriedaten kam er zu dem Schluss, die Weltölförderung werde zwischen 2005 und 2010 einen Spitzenwert erreichen und anschließend fallen. So schrieb er es 1994 in die Studie für seine Auftraggeber – und so wurde er zum lästigen Propheten vom Ende des Ölzeitalters.

Kaum hatte er die Ergebnisse präsentiert, drohten mehrere Ölkonzerne Petroconsultants mit Auftragsentzug, die Firma musste sich distanzieren. Ein US-Institut publizierte umgehend eine Gegenstudie, und schlagartig sah sich Campbell in seiner Branche weitgehend isoliert. Zu ungeheuerlich war die Botschaft: Auch wenn es noch viel Öl gibt, fällt schon die Produktion. Bei wachsender Nachfrage ist ein anhaltender Preisanstieg unvermeidlich. Dabei wird nicht nur die Autoflotte der reichen Länder wertlos. Viel schwerer wiegt, dass die Nahrungsmittelherstellung extrem ölabhängig ist. Sowohl die Düngerproduktion als auch die Landmaschinen sind energieintensiv. „Kein Mensch weiß, wie sechs Milliarden Menschen ohne billiges Öl ernährt werden können“, sagt Campbell.

Gegen diese Befürchtungen steht eine Front von Ökonomen und Ölmanagern, die Campbell sein mangelndes Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge vorwerfen. Alle Angaben über förderbare Reserven gelten für heutige Technologie und heutige Preise, argumentiert etwa der niederländische Ökonom Peter Odell. Durch technische Innovationen und steigende Preise würden folglich weitere Reserven mobilisiert, deren Förderung zuvor nur noch nicht wirtschaftlich gewesen sei. Darum könne man sogar annehmen, die Welt verfüge „über immer mehr Öl statt weniger“. Glaubt man Odell und seinen Kollegen, dann wird das derzeitige Ölpreishoch viele Milliarden Dollar für neue Fördertechnik mobilisieren und das Rohöl wird sprudeln wie eh und je.

Genau so argumentiert auch Lord Browne, der Chef des BP-Konzerns. Es „gebe keinen physischen Grund“, warum die Ölförderung nicht weiter steigen solle, erklärte er noch vergangenes Jahr bei einer Tagung des Opec-Kartells. Gemessen am derzeitigen Verbrauch reiche der Vorrat „noch 40 Jahre“.

Das klingt beruhigend, auch für die Aktionäre der Ölindustrie. Denn es verheißt ungestörte Geschäfte für Jahrzehnte. Und es verhindert, dass die Politik gegen die Ölabhängigkeit vorgeht. Massive Förderung der Wärmedämmung gegen den Ölverbrauch beim Heizen, Eisenbahnen statt Autobahnen, Ausstieg aus der ölgetriebenen Landwirtschaft – das und noch viel mehr wäre die richtige Vorbereitung auf das Ende des billigen Öls. Doch bisher fehlt der politische Druck. Darum zürnt Campbell, die Verheißung des Lord Browne sei ein „Verbrechen“. Schließlich kenne dieser die geologischen Tatsachen. „Natürlich wird uns das Öl noch jahrzehntelang nicht ausgehen, aber es wird viel teurer, weil die Förderung sinkt“, poltert er und verweist auf eine erdrückende Fülle von Indizien.

Seine Datenbank weist mittlerweile 18 ehedem große Förderländer aus, deren Produktion seit Jahren schrumpft. Was in den USA bereits 1971 begann, läuft seit 1999 auch im britischen Teil und seit 2002 im norwegischen Teil der Nordsee. Ebenso geht es Ägypten, Venezuela, Indonesien oder Australien. Die gleiche Erfahrung machen nicht zuletzt die Ölkonzerne selbst. Mangels Zugang zu den großen Feldern in Nahost und Russland schrumpfte ihre eigene Förderung seit 1998 um rund sieben Prozent. Auch die zuletzt jährlich rund acht Milliarden Dollar Ausgaben für Exploration haben das nicht ändern können.

Warum, wenn doch die Technik so fabelhafte Fortschritte mache und der steigende Ölpreis es erlaube, könne der Niedergang nicht einmal bei den konzerneigenen Reserven gestoppt werden, fragt Campbell daher seine Widersacher und bekommt nie eine Antwort. „Flat-Earth- Economists“ lautet denn auch sein Schimpfwort für die Öl-Optimisten, weil sie „wie einst die katholischen Priester die physikalische Realität leugnen“. Und er ist der moderne Galilei? „Irgendwie schon“, sagt er grinsend.

Allerdings hat er weit mehr Unterstützer als sein mittelalterliches Vorbild. Die von ihm gegründete „Association for the Study of Peak Oil“ (ASPO) erfreut sich weltweiter Aufmerksamkeit. Längst haben sich auch viele unabhängige Fachleute angeschlossen. „Campbells Grundhypothese ist nicht mehr umstritten“, sagt etwa der Geologe Peter Gerling, der bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe die Ölfrage bearbeitet. Man könne „froh sein, dass da einer das Problem offen ausspricht“, so Gerling. Der „peak“ werde kommen, strittig sei lediglich der Zeitpunkt, ob in diesem oder erst im nächsten Jahrzehnt.

Dabei haben alle Prognosen bisher einen entscheidenden Mangel: Die genauen Zahlen über die Förderkapazität der Staaten am persischen Golf sind nicht bekannt und zählen zu den bestgehüteten Staatsgeheimnissen der Welt. Dort aber liegen zwei Drittel der weltweiten Ölreserven. Und so sicher der Niedergang der Förderung im Rest der Welt schon ist, so unsicher ist, ob Saudi-Arabien und dessen Nachbarstaaten das ausgleichen können. Dabei enthülle schon ein Blick auf die jährlich gemeldeten Reservedaten der viel zitierten „BP Statistical Review“ den „religiösen Wahn“ der ölsüchtigen Welt, meint Campbell. Denn dort verzeichnet Saudi-Arabien im Jahr 1988 ohne jede neue Entdeckung eine plötzliche Steigerung seiner Reserven von 159 auf 261 Milliarden Fass. Und diese Zahl meldet die staatliche Ölgesellschaft Aramco nun seit 17 Jahren, obwohl sie seitdem schon an die 50 Milliarden Fass verkauft hat.

So liefern die saudischen Quellen bereits jetzt ein Achtel des Weltverbrauchs von rund 84 Millionen Barrel am Tag. Das Reich der 1000 Prinzen gilt daher als eine Art Zentralbank für den Ölpreis. Steigt er, fördern sie mehr. Fällt er, stellen sie die Pumpen ab. Seit vier Jahren jedoch steigt der Bedarf immer schneller. Nicht nur, weil China und Indien jedes Jahr die Nachfrage um zwei Millionen Barrel täglich nach oben treiben. Zugleich sinkt auch die Förderung in den alten Ölfeldern jenseits der Golfregion pro Jahr um mindestens vier Millionen Barrel am Tag. Die vielleicht wichtigste Frage an den Weltmärkten lautet daher: Wie weit können die Saudis die Produktion ausweiten?

Ali al Naimi, der Ölminister des Landes, sagt, es gebe kein Problem. Statt wie bisher zehn könne Aramco auch 15 Millionen Barrel pro Tag fördern, versprach er jüngst in Washington – nach Meinung von Campbell pures Wunschdenken. Die Saudis würden nur versuchen, die unvermeidliche Krise aufzuschieben, weil sie eine weltweite Rezession und den folgenden Ölpreissturz fürchten. Die gleiche Ansicht vertritt auch der Investmentbanker Matthew Simmons, dessen Bestseller „Twilight in the Desert“ in den USA seit Monaten Schlagzeilen macht . Simmons, der ein Vermögen mit der Ölbranche verdiente, wertete Berichte von Ölingenieuren aus dem Ölland Nummer eins aus. Interpretiert er deren Daten richtig, dann fördern die Pumpen im Ölfeld Gawar, dem größten der Welt, schon jetzt zunehmend mehr von dem Wasser, dass zuvor zur Druckerhöhung in den Boden gepresst wurde. Sinkt aber die Produktion in Gawar, können die Saudis nur mit viel Anstrengung andernorts ihre Fördermenge halten. Für Simmons ist darum die Verdreifachung des Ölpreises binnen fünf Jahren auf mehr als 200 Dollar pro Fass eine ausgemachte Sache.

Zur Verblüffung der Branche wechselte zuletzt sogar ein Mann ins Lager der Warner, den dort gar niemand erwartet hat: Sadad al Husseini, bis zum vergangenen Jahr Chef von Saudi Aramco, erklärte jüngst der „New York Times“, die Erwartungen an die saudische Ölindustrie seien „unrealistisch“. Es bahne sich eine solche Kluft zwischen sinkendem Angebot und steigender Nachfrage an, „dass alle paar Jahre ein neues Saudi-Arabien“ gebraucht würde. „Das wird nicht gehen“, stellte er klar – ganz im Sinne seines Ex-Kollegen Campbell. Dabei gibt auch der Mahner aus Ballydehop zu, dass seine Prognose vom nahen „peak“ nicht punktgenau stimmen muss. Schließlich musste auch er sich in der Vergangenheit mehrfach korrigieren, weil manche Annahme falsch war. „Kann sein, dass meine Zahlen nicht stimmen, aber niemand bringt bessere“, sagt er achselzuckend. Auf ein paar Jahre mehr oder weniger komme es ja auch nicht an. „Die Leute müssen ja nur endlich verstehen, dass der lange Niedergang kommt.“

Dringender denn je müsse die Weltgemeinschaft darum eine Konvention zur Verbrauchssenkung verhandeln, um die Reserven zu strecken, fordern Campbell und seine ASPO-Mitstreiter. Nur so ließe sich der anstehende gewaltige Wandel in friedliche Bahnen lenken und wirtschaftliches Chaos vermeiden. Ein entsprechendes Protokoll, benannt nach dem Tagungsort im italienischen Rimini, hat Campbell bereits entworfen. Ähnlich dem Klimaschutz-Vertrag von Kyoto sollten alle Unterzeichner des Rimini-Protokolls Produktion und Verbrauch von Öl jährlich um den gleichen Prozentsatz verringern, wie die Reserven schrumpfen. Käme es dazu, würden die Preise stabil bleiben, glaubt Campbell. Drohende Kriege ums Öl könnten verhindert werden.

Der Rat könnte Milliarden wert sein. Wahrscheinlich wird wieder niemand darauf hören.

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