Zeitung Heute : Ein Mann und die Macht

Er war reich, und er wollte keine Steuern zahlen. Es folgte einer der größten politischen Skandale der Bundesrepublik, der fortan seinen Namen trug. Zum Tod von Friedrich Karl Flick

Hubert Seipel

Später, als eine Art von Rechtfertigung, sagt er: „Ich war überzeugt, dass die demokratischen Parteien ohne Spenden nicht gut existieren können.“ Er sagte: „Für mich gehörte es zur Pflicht eines Unternehmers, die Parteien mit Geldmitteln zu unterstützen, wenn es die Ertragslage erlaubte.“ Die Ertragslage erlaubte es meistens.

Der Milliardär Friedrich Karl Flick, der Donnerstagnacht starb, gehörte zu den reichsten Männern Deutschlands. Ihm gehörten unter anderem Stahlfirmen, Dynamit Nobel und ein gigantisches Paket Daimler-Benz-Aktien. Nur das, was er für sich als Unterstützung der Demokratie verbuchte, war einer der größten Politskandale der Nachkriegsgeschichte. Die Flick- Affäre steht für die Käuflichkeit der politischen Elite in der Bonner Republik.

Er ließ sie alle schmieren. CDU, CSU, SPD und FDP. Fast die gesamte erste Garde der Bonner Politik. Helmut Kohl gab 1984 vor einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss das Motto der politischen Klasse zu Protokoll, dass ihr jede Summe recht sei: „Ich war mir nicht zu fein, wenn einer nicht drei Millionen, sondern nur 30 000 Mark gegeben hat.“

Mehr als 25 Millionen hatten Flick-Manager an die Parteien gespendet, und nicht weil sie der Demokratie auf die Beine helfen wollten.

Friedrich Karl Flick, geboren in Berlin 1927, zuletzt auf rund 6,8 Milliarden Euro geschätztes Vermögen. Promovierter Kaufmann, er trat 1957 in den Konzern seines Vaters Friedrich Flick ein, der 1947 vom Alliierten Kriegsverbrechertribunal in Nürnberg wegen des Einsatzes von 40 000 Zwangsarbeitern unter anderem in Rüstungsbetrieben zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde. 1975 wurde „FKF“, wie er sich nannte, zum alleinigen Chef des Konzerns.

Flick wollte sein Vermögen vor dem Fiskus retten. 1975 hatte der Milliardär den größten Teil seines Aktienpaketes von Deutschlands vornehmster und profitabelster Autofabrik Daimler-Benz an einen ebenso vornehmen Käufer verkauft: die Deutsche Bank. FKF machte dabei mit 1,9 Milliarden Mark den goldenen Schnitt. Die Sache hatte nur einen Haken. Bei einem solchen Reibach war – zumindest nach geltendem Recht – auch das Finanzamt mit von der Partie. Nach den einschlägigen Tabellen ist bei dieser Summe eine Milliarde Steuer fällig.

Nur mit einem Trick ließ sich die Sache womöglich vermeiden. Der Konzern müsste das Geld umgehend wieder anlegen, und der Bundeswirtschaftsminister müsste diese Steuervermeidungsaktion als „volkswirtschaftlich besonders förderungswürdig“ einstufen. Für einen solchen, wenngleich auch höchst seltenen Fall sieht der Paragraf 6 des Einkommensteuergesetzes vor, den Gewinn nicht zu besteuern.

Wo die Firma einen Großteil des Erlöses anlegen will, darüber herrscht bereits Klarheit. Beim amerikanischen Mischkonzern Grace. Dort winkt eine hohe Rendite. Unklar ist nur, wie sich das ganze Manöver steuersparend als Wohltat für die deutsche Industrie verkaufen lässt.

Weil Flick selbst, wie er später sagte, „die Bonner Landschaft relativ unbekannt“ war, nimmt sich sein Generalbevollmächtigter Eberhard von Brauchitsch dieser Aufgabe an. Eberhard von Brauchitsch steht nicht nur den 50 000 Beschäftigten des eigenen Betriebes vor. Der einstige Amateurboxer schwingt in diversen Aufsichtsräten ein gewichtiges Wort – ausnahmslos erste Adressen der Wirtschaft. Und als Richtschnur dient einem wie ihm von jeher die alte Erkenntnis, dass wir uns zwar alle unter dem gleichen Himmel bewegen mögen, aber deswegen noch lange nicht über den gleichen Horizont verfügen.

Was er von Politik und wirtschaftlichen Führungsqualitäten hält, hat er einem Journalisten gesagt. „Der Draht ist kurz. Das ist das eine.“ Das andere: Der wechselnde Respekt zwischen den Herren in Bonn „und ihm, dem Herrn von Brauchitsch, bringt es, dass wir uns wechselseitig zuhören, um zu überlegen, wie man aus der Kompetenz des anderen für die eigene Arbeit Nutzen ziehen kann“.

Brauchitsch konnte. Der konservative Majordomus des Hauses Flick hielt sich vornehmlich an eine Regel von Karl Marx. „Der wirkliche Reichtum des Menschen ist der Reichtum seiner wirklichen Beziehungen.“ Und Brauchitsch hatte beste Beziehungen. Etwa zum damaligen Bundeswirtschaftsminister Hans Friderichs. „Friderichs hat mir gesagt, er stünde uns zu jeder Tages- und Nachtzeit zur Verfügung. Er sei jederzeit von mir erreichbar“, meldete er FKF bald. Eine Aufmerksamkeit, die sich lohnte – auch für die Liberalen.

Brauchitsch wusste, dass die FDP Millionenschulden hatte. Der Flick-Konzern sagte dem damaligen FDP-Schatzmeister Heinz Herbert Karry drei Millionen zu, um „zuverlässige Verfechter der freien Marktwirtschaft“ zu stärken. Und mit Friderichs’ Nachfolger, Otto Graf Lambsdorff, ist der Manager gleichfalls bestens bekannt. Er wird die „Stafette 6 b“, wie die Steuerbefreiung genannt wird, einfach „an Lambsdorff weitergeben“.

„Der Graf ist guten Willens, uns auch im Nachbarhaus“ – gemeint ist wohl das Finanzministerium – „die Türen zu öffnen“, vertraut er einem Vermerk an. Genosse Hans Matthöfer als Finanzminister hält es allerdings für überflüssig, dass sich der Flick-Generalbevollmächtigte über den FDP-Grafen bei ihm anmeldet. „Ich könne jederzeit und in jeder Angelegenheit zu ihm kommen“, hält von Brauchitsch das Wohlwollen schriftlich fest. Geldzahlungen an die Parteien, „politische Landschaftspflege“ nannten die Flick-Manager das. Sie selbst nannte man später die Landschaftspfleger. Oder auch die Herrenausstatter, weil sie – eine typisch rheinische Formulierung aufgreifend – davon sprachen, man müsse „die Herren ausstatten“.

Aber auch Minister müssen gelegentlich handfeste Argumente vorlegen, weshalb in Zeiten allgemeiner Sparsamkeit ausgerechnet ein Milliardendeal nicht besteuert werden soll. Die Maschinerie des Hauses Flick läuft auf vollen Touren. Sie beherrscht das kleine Einmaleins des Lobbyismus perfekt, die Mischung aus Verpflichtungen und Verabredungen zum Essen auf hoher Beamtenebene, aus Bekanntschaft und kurzem Dienstweg. Und die ständige Behauptung, Lösungen im Interesse aller zu präsentieren, um das eigene Schäfchen ins Trockene zu bringen.

Auch die Sozialdemokraten werden der Steuersparaktion für das Haus Flick zustimmen. Der Genosse und Geldsammler der Partei, Alfred Nau, wird mit dem zuständigen Minister Matthöfer sprechen. „Auch Matthöfer hat mir versprochen“, gibt von Brauchitsch die frohe Botschaft an FKF weiter, „mich zu informieren, falls auf diesem Weg noch ein Problem entsteht.“

Nachdem der Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff die erste Tranche von 800 Millionen Mark als „besonders förderungswürdig“ absegnet und damit steuerfrei erklärt, skizziert der Flick-Manager die weiteren Etappen. „Bei der gegebenen Sachlage hält es Lambsdorff für notwendig, Matthöfer auf die Sache anzusprechen, um seine Oberüberwachung sicherzustellen.“ Im Oktober 1981 genehmigen Lambsdorff und Matthöfer auch die zweite Tranche der 1,9 Milliarden als steuerfreie Investition. Denn wie sagte der liberale Marktwirtschaftler Otto Graf Lambsdorff: Es heiße schließlich Bundesminister für und nicht gegen die Wirtschaft.

Es war ein Zufall, der den Politkrimi ans Tageslicht förderte. Der Spürsinn und die Hartnäckigkeit eines Steuerfahnders. Ein Routinevorgang im Finanzamt St. Augustin bei Bonn bringt den damaligen Regierungsdirektor Klaus Förster auf die Spur der Parteispendenaffäre. Die frommen Pater der benachbarten Steyler Mission hatten aus ihrem Ordenswerk eine Geldwaschanlage gebastelt. Malermeister, Ärzte und Kaufleute hatten dem Orden hohe Summen gespendet – und sich 80 Prozent davon unter der Hand zurückerstatten lassen. Die krumme Tour war simpel. Wer 2000 Mark spendete, bekam eine Quittung über 10 000. Einzureichen bei dem entsprechenden Finanzamt.

Bei einer Hausdurchsuchung fallen Steuerfahnder Förster auch Unterlagen des Flick-Konzerns in die Hände. Danach hat die Firma das Kloster ein Jahrzehnt lang als Geldwaschanlage und zur wundersamen Geldvermehrung benutzt. Insgesamt flossen 12,3 Millionen des Konzerns in die Kassen der Steyler Mission.

Es war der CDU-Bundestagsabgeordnete Walter Löhr, Schatzmeister der hessischen Christdemokraten, der dem Missionspater ein anrüchiges Gegengeschäft angeboten hatte. Die Mission könne viel Geld von Flick bekommen, wenn sie nur entsprechend hohe Spendenquittungen ausstellte. Die milde Gabe aus dem Hause Flick müsse freilich zu 80 Prozent wieder zurückfließen. Zehn Prozent blieben dem Kloster, und zehn Prozent kassierte der Schatzmeister der hessischen Union. Die schwarze Kasse für Flick war gesichert.

Darauf ließ Regierungsdirektor Klaus Förster gegen den Widerstand seiner Vorgesetzten die Flick-Zentrale in Düsseldorf durchsuchen und wurde fündig.

Otto Graf Lambsdorff und Hans Friderichs wurden zu Geldstrafen verurteilt. Von Brauchitsch zu zwei Jahren auf Bewährung. Friedrich Karl Flick bestritt jedes Mitwissen.

Staatsanwälte legten später über 1800 Ermittlungsakten an, weil Hunderte von deutschen Firmen den gleichen Weg über die Mission genommen haben, Politiker geschmiert und dabei noch Millionen an Steuern hinterzogen haben. Geld, mit dem „konkrete Erwartungen an die Politik verbunden sind“, wie der Richter in einem der späteren Verfahren urteilte. Nur Förster quittierte 1983 den öffentlichen Dienst und wurde Rechtsanwalt. Ihm schien eine weitere Mitwirkung „nicht mehr sinnvoll“. Die Politiker hatten nichts unversucht gelassen, ihm das Leben so schwer wie möglich zu machen.

Und Flick: Mitte der 90er Jahre verlegte er seinen Hauptwohnsitz und seine Vermögensverwaltung von Düsseldorf nach Österreich. Für die Bundesrepublik, das Land Nordrhein-Westfalen und die Stadt Düsseldorf bedeutete der Umzug Einnahmeausfälle von jährlich mehr als 100 Millionen Mark.

Der Autor hat für den „Stern“ die Flick-Affäre recherchiert. 1985 erschien sein Buch „Der Mann der Flick jagte. Die Geschichte des Steuerberaters Klaus Förster“.

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