Zeitung Heute : Ein Mann und seine Worte

Der frühere Präsident August Hanning – mitten in der BND-Affäre

Stephan-Andreas Casdorff

„Und, wird unser Gespräch jetzt auch observiert?“ – Er stutzt. Er schaut. Stille. Der Tisch ist eine Insel im Meer murmelnder Geräusche. Er hat sich kerzengerade hingesetzt. „Nein“, sagt er. Wieder herrscht einen Moment Stille. Ein Lidschlag hinter seiner großen Brille. „Ich glaube“, sagt August Hanning dann bedächtig, „dass Sie das nicht richtig sehen.“ Sein Tonfall ist normal.

Er war zu Zeiten der rot-grünen Koalition Präsident des Bundesnachrichtendienstes, von Beginn an bis zu deren Ende. Heute ist Hanning beamteter Staatssekretär bei einem christdemokratischen Innenminister, bei Wolfgang Schäuble. Der hat ihn haben wollen, weil er ihn schätzt. Sie kennen einander schon lange. Sie sind beide Schachspieler, buchstäblich, und auch da hat der eine den anderen schätzen, einschätzen gelernt. Hanning hat heute viele Aufgaben: die Sicherheit bei der Fußball-WM, die Vernetzung aller Sicherheitsbehörden, die der Grenzbehörden, dann die Belange der Polizei, das Ausländerrecht, zu guter Letzt die Vorbereitung der großen Integrationskonferenz. Und zu alledem hat der BND, hat auch er als früherer Präsident eine Affäre am Hals: Journalisten wurden observiert – mit seiner Zustimmung?

Hanning sitzt auf seinem Platz, inmitten eines Cafés, in dem die Berliner Republik sich trifft, genauer: die Berliner Politik. Hier ist ein öffentlicher Raum, Hanning hat ihn ausgesucht, ganz bewusst. Konspiration wäre eine Herausforderung. Gegenüber sitzt der frühere Staatssekretär Jürgen Chrobog, hinten in der Ecke einer von Hannings Abteilungsleitern im Innenministerium. Am Tisch daneben, der übrigen Welt den Rücken zugewandt, IG-Metall-Chef Jürgen Peters im Gespräch mit Karl Lauterbach, dem Gesundheitsexperten der SPD. Freundliche Grüße überall, Hanning wird nicht ausgenommen. Die Affäre findet draußen statt.

Er hat abgeschlossen mit dem BND. So sagt er es, und es klingt wahr. Hanning ist Beamter, ein Spitzenbeamter, war es immer, er war immer ein herausragender Beamter, das sagen alle, von links bis rechts. Im Kanzleramt im vorigen Jahrhundert, unter Helmut Kohl, war er schon für die Aufsicht über die Geheimdienste zuständig. Ob er da nicht vielleicht doch im Laufe dieser Jahre der Faszination des Geheimen erlegen ist, dem Wunsch, mitzumachen in der Welt der Spione, „Agent 009“ zu werden, ein paar geheime Akten in den Panzerschrank zu stecken? Von Bernd Schmidbauer, dem Geheimdienstkoordinator unter Kohl, hieß es doch immer, er sei gerne als „Agent 008“ wahrgenommen worden. Hanning schaut unverwandt, der Blick bleibt stetig. „Nein“, sagt er. „Ich hatte nie im Leben einen eigenen Panzerschrank.“

Der Tisch wird wieder eine Insel. Eine kleine Stille kehrt ein. Er kann das aushalten. Er kann nachts gut schlafen, sagt er. Hat ein „reines Gewissen“. Nach seinen Maßstäben? Dazu erklärt er, oder genauer: erklärt er sich, ohne Hast. „Selbst auf dem Höhepunkt der Watergate-Affäre wurde Bob Woodwards Telefon nicht abgehört, er wurde nicht observiert. Das ist mein Maßstab. Da ist die rote Linie.“ Wo sie von anderen überschritten worden ist, wie im Fall des Buchautors Erich Schmidt-Eenbohm, „ist das nicht diskussionsfähig“, sagt er. Das klingt nach Grenze.

Der Dienst hat „normale Pressearbeit“ gemacht, sagt Hanning, hatte eine Pressestelle. Ein „Informationsunternehmen“, so versteht er den Dienst. Journalistenkontakte hat er als Präsident auch gepflegt, aber „nie das Untersuchungsreferat eingeschaltet“, das es im BND gibt. Sagt er.

In seiner Amtszeit als BND-Chef hat es keine gravierenden „Abflüsse“ an Journalisten gegeben, wie sie im Dienst sagen, keine großen Enthüllungen, mit welchen technischen Möglichkeiten der Dienst arbeitet oder welche Quellen er hat. Was berichtet wurde, bezog sich auf die Vergangenheit. Und was bei den „alten Präsidenten“ war, bei Konrad Porzner, bei Hans-Jörg Geiger, das war für Hanning „vorbei“. So wie es doch auch bei der Kanzlerin Merkel sei, im Blick auf Schröder, auf Kohl. Was im BND vorher war, diese Geschichten um den Abteilungsleiter Volker Foertsch zum Beispiel, ist rechtlich geklärt worden; und was rechtlich geklärt war, das ist für Hanning „Verfahrenswahrheit“. Akte geschlossen, Vorgang abgeschlossen.

So sieht er es, so hat er gehandelt, so muss man doch als Chef arbeiten, delegieren können, vertrauen in die Mitarbeiter, er nennt es die „praktische Wirklichkeit“. Mehr als 6000 Mitarbeiter hat diese Behörde Bundesnachrichtendienst, 90 „Residenturen“ im Ausland. Ist er als Chef verantwortlich bis zum letzten Mitarbeiter? Diese große Verantwortlichkeit „erstaunt“ ihn, sagt Hanning. Das klingt nicht wahr, sondern ironisch.

Er hat sich um anderes gekümmert, um die Analyse zuerst. Vor dem Irakkrieg warnte Hanning vor all dem, was jetzt geschieht; und vor Schäuble plädierte er dafür, den Anti-Terrorkampf nicht nur mit Waffen zu führen, sondern die „Köpfe und Herzen der Menschen“ in der islamischen Welt zu gewinnen.

August Hanning, deutscher Jurist, 60 Jahre alt, parteilos, verheiratet, drei Töchter. Die leben da draußen, in der wahren Wirklichkeit, wo die Politik weit entfernt ist. Er hat den höchsten Rang, den ein Beamter erreichen kann. Er gilt als ruhig und besonnen, als kommunikativ und kooperativ, als „exzellenter Fachmann“ und „klassischer Verwaltungsbeamter“. Er selbst findet das Wort Staatsdiener nicht ehrenrührig.

Sind alle lobenden Bewertungen von gestern? Sein Innenminister hat für ihn eine Ehrenerklärung abgegeben, der neue Kanzleramtsminister inzwischen auch. Sie haben ihn geprüft und die Akten. Nur geschlossen sind die noch nicht.

Jetzt muss er gehen. Die Lage ist „ungünstig“, sagt Hanning. Und meint doch nur die in Palästina, in Afghanistan, im Irak und Iran.

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