Zeitung Heute : Ein Meer von Gelb

Anselm Waldermann

Bei der Agrarministerkonferenz in Königswinter geht es um den Einsatz von Biokraftstoffen. Was wären praktische Folgen, wenn immer mehr Biokraftstoffe eingesetzt werden sollten?

Herkömmliche Treibstoffe haben zwei große Nachteile: Zum einen wird bei ihrer Verbrennung das Klimagas CO2 freigesetzt; zum anderen sind die Industriestaaten von Ölimporten abhängig. Die Europäische Union setzt daher auf Biokraftstoffe. Ihr Anteil am gesamten Kraftstoffverbrauch soll von derzeit 1,4 Prozent bis zum Jahr 2010 auf 5,75 Prozent und bis 2020 sogar auf acht Prozent steigen.

Experten warnen jedoch, dass Biokraftstoffe das Landschaftsbild erheblich verändern würden. Schon heute nimmt Raps, der wichtigste Rohstoff für Biodiesel, mehr als zehn Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche in Deutschland ein. Würde der Anbau forciert, „blüht bald ganz Deutschland in gelb“, lästern Kritiker aus der Ölindustrie.

Ganz falsch ist diese Prognose nicht, wie sogar Zahlen des Verbands deutscher Biodieselhersteller (VDB) belegen: „Wenn der gesamte Kraftstoffverbrauch wie in den vergangenen Jahren konstant bleibt, dann entspricht ein Anteil der Regenerativen von 5,75 Prozent 2,18 Millionen Tonnen Biodiesel“, sagt Karin Retzlaff, stellvertretende Geschäftsführerin des VDB. Zur Herstellung einer Tonne Biodiesel benötige man jedoch 0,77 Hektar Raps. Insgesamt entspricht dies im Jahr 2010 einer Anbaufläche von 1,677 Millionen Hektar – mehr als die gesamte Fläche des Freistaats Thüringen.

Bei einem Bioanteil von acht Prozent im Jahr 2020 käme man sogar auf eine Fläche von 2,308 Millionen Hektar; Mecklenburg-Vorpommern ist nur unwesentlich größer. Zählt man noch den für die Produktion von Speiseöl benötigten Raps hinzu, müsste ganz Brandenburg von der Landkarte verschwinden, um einem gelben Meer zu weichen. Ein Viertel der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche in Deutschland wäre dann mit Raps zugebaut. Zum Vergleich: Auf dieser Fläche könnte man pro Jahr 109 Millionen Tonnen Kartoffeln ernten – das 20fache des hiesigen Bedarfs.

Für Christel Happach-Kasan, FDP-Mitglied im Landwirtschaftsausschuss des Bundestags, lässt das nur einen Schluss zu: „Eine nennenswerter Ausbau der Rapsanbauflächen ist in Deutschland kaum möglich.“ Ein verstärkter Einsatz von Biokraftstoffen sei nur mit Importen machbar. So könnte südamerikanischer Rohrzucker als Rohstoff dienen. „Die Abhängigkeit Europas von Treibstoffimporten bleibt dann aber bestehen.“ Auch das Landwirtschaftsministerium räumt ein: Mit Raps allein komme man wohl nicht weiter. Nun gehe es darum, Alternativen zu dem alternativen Kraftstoff zu entwickeln.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben