Zeitung Heute : Ein Mensch ist wenig wert

Millionen flüchten in China vor Taifunen – die Regierung interessiert das kaum

Harald Maass[Peking]

Der Taifun „Khanun“ treibt bis zu eine Million Chinesen in die Flucht. Wie geht das Land, in dem die Infrastruktur vielerorts schlecht ist, mit derartigen Katastrophen um?

14 Menschen sind bisher bei dem Taifun „Khanun“ an Chinas Ostküste ums Leben gekommen, 35000 Schiffe wurden in den Häfen vertäut. In anderen Ländern würde die Regierung ein solches Unglück als nationale Katastrophe einstufen. Krisensitzungen würden stattfinden. Die Titelseiten der Zeitungen wären voll mit Berichten über die Opfer.

Nicht so in der Volksrepublik. Für Chinas Staatsmedien war die Eröffnung des neuen Disneyland in Hongkong wichtiger als „Khanun“. Staatspräsident Hu Jintao hielt es nicht für nötig, wegen des Taifuns seinen Staatsbesuch in Mexiko zu unterbrechen. In dem Land der 1,3 Milliarden Menschen ist man andere Dimensionen gewohnt, auch bei Katastrophen.

„Khanun“ sei bereits der 15. Taifun, der Chinas Ostküste in diesem Sommer getroffen habe, berichtet die Zeitung „China Daily“. Nüchtern listen die Staatsmedien die Zahlen der Katastrophe auf: 100000 Bauarbeiter in Schanghai gerettet, 7500 Häuser zerstört. „Khanun“ hat dabei im Vergleich wenig Schaden angerichtet. Vor einer Woche hatte der Taifun „Talim“ dort 129 Menschen getötet.

Naturkatastrophen und Unglücke gehören in China zum Alltag. Jedes Jahr im Sommer überfluten Chinas Flüsse das Land – dabei sterben regelmäßig einige hundert bis einige tausend Bauern in Ufergebieten. In den dünn besiedelten Westgebieten wackelt alle paar Wochen bei Erdbeben der Boden. Auch sonst ist das Leben in China gefährlich. Mehr als 5000 Bergarbeiter kommen jährlich bei Unglücken in Kohlenminen ums Leben.

100000 Chinesen sterben jedes Jahr bei Verkehrsunfällen – gemessen an der Zahl der Autos ist das trauriger Weltrekord. In der öffentlichen Diskussion spielen diese Unglücke und Katastrophen kaum eine Rolle. Opfer sind meist Bauern auf dem Land. Die Elite des Landes in den Städten fühlt sich sicher. Unglückszahlen bei Naturkatastrophen galten zudem bis vor kurzem als Staatsgeheimnis. Nur wenige Chinesen wissen, dass während der Hungersnot nach Maos großem Sprung Ende der 50er Jahre bis zu 30 Millionen Menschen starben. Oder bei dem schlimmsten Taifun 1975 in der Provinz Henan 85000 Chinesen ertranken.

Grund für die bis heute hohen Unglückszahlen in China sind mangelhafte Gesetze und oft auch ein fehlendes Sicherheitsbewusstsein. In vielen Gebieten unterschlagen korrupte Kader das Geld, mit dem eigentlich Dämme gebaut werden sollen. Weil das Land billige Kohlen und Energie braucht, werden die Stollen ohne Rücksicht auf die Sicherheit der Kumpel in die Erde getrieben. Kaum ein chinesischer Autofahrer fährt mit Sicherheitsgurt.

In der Provinz Zhejiang kümmern sich nach „Khanun“ nun die örtlichen Behörden um die Aufräumarbeiten. Erst bei größeren Katastrophen greift die Zentralregierung ein. Die staatliche Hilfe funktioniert dabei überraschend gut. In jedem Bezirk und jedem Dorf gibt es in China Staatsangestellte, die bei Katastrophen rasch mobilisiert werden können. Meist sind innerhalb weniger Wochen die Straßen und Brücken repariert. Ungleich größer sind Unglücke für das Volk. Vor allem auf dem chinesischen Land ist kaum jemand versichert. Wenn ein Taifun das Haus und die Ernte zerstört, stehen die Bauern vor dem Nichts. Von der Regierung bekommen sie etwas zu essen, manchmal auch Ziegelsteine. Daraus müssen sie dann ihr Haus wieder aufbauen.

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