Zeitung Heute : Ein Mensch zwischen Pappfiguren

Mechthild Zschau

Tatort ARD. Mal wieder Sexualmord, die Opfer blond und prominent, der Täter diabolisch verborgen unter Motorradhelm. Ein gefundenes Fressen für die Männer drumrum. Die Polizisten pöbeln und prügeln, die Journalisten lachen scheppernd und höhnisch, der Geifer tropft aus den Worten. So weit, so schrecklich und bekannt und lieblos runterinszeniert von Niki Stein.

Und dann ist da noch eine ganz andere Geschichte in der Geschichte, die von Norbert. Der ist ein unscheinbarer, dicker Mann, den niemand mag, auch er selbst nicht. Sein Vater verachtet und drangsaliert ihn, seine Kollegen, und die Frauen lachen über ihn. Und dann wird er plötzlich des Mordes verdächtigt. Man nimmt ihn ernst, hört ihm zu. Im Gefängnis hat er Ruhe vor dem Spott der Welt und den Schließer zum Reden. Und Kommissar Leitmayr, der heute mal den Guten spielen darf, geht auf ihn ein wie noch nie jemand in seinem Leben. Norbert ist selig. Er hat einen Freund gefunden. Und für den gesteht er auch gern einen Mord. Dass er am Schluss tatsächlich einen begeht, ist so überraschend wie schrecklich schlüssig. Ein Verlierer, ein "armes Schwein", dem Jürgen Tarrach so viel rührend-hilflose Kontur verleiht, dass der Kriminalfall dahinter versinkt. Siehe, ein Mensch zwischen lauter Pappfiguren. Und schon ist der Sonntagabend gerettet.

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