Zeitung Heute : Ein Moorbad für Riquelme Harald Martenstein über das Quartier der Argentinier

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Wie wohnen eigentlich die Argentinier? Die Argentinier wohnen in Herzogenaurach, bei Nürnberg, dort, wo auch Adidas wohnt. Adidas hat angeblich 40 Millionen Dollar an die Fifa gezahlt, ein Hauptsponsor, Ausrüster unter anderem von Argentinien und Deutschland. Die Firmenzentrale besteht aus einem Verkaufsladen, dem „Factory Outlet“, der sich mit seiner ehrgeizigen Architektur vor keinem Kunstmuseum verstecken muss, und der Verwaltung. Die Verwaltung sitzt in einer alten Kaserne, was man optisch schon merkt, außerdem heißt sie „Adidas Headquarters“. Rundherum erstrecken sich Wiesen und lebhafte Baustellen mit Kränen und Betonmischmaschinen und Container und Industriezäune. Das Hotel neben dem Headquarter hat ebenfalls Containerform, es erinnert an diese umstrittenen Hühnerfarmen, obwohl, innen ist es schon anders. In der Nähe liegt ein Sportflugplatz, über dem Hotel fliegen, recht tief, fast pausenlos Flieger. „Ihr Argentinier müsst Nerven haben wie Drahtseile“, sage ich zu einem argentinischen Journalisten, „die Ukrainer sind ja schon von quakenden Fröschen fast verrückt geworden.“ „Hier wohnt nur der Tross“, sagt der Argentinier. „Die Spieler wohnen im Herzogspark.“

Das Hotel Herzogspark trägt bei den Argentiniern den Spitznamen El Bunker, was ungerecht ist, denn es scheint ein schönes Hotel zu sein, und es wirbt damit, dass man Naturmoorpackungen kriegt. Vielleicht sind die Fenster ein bisschen schmal. Vor El Bunker steht José Orti, den sie den „Maradona des Bandoneon“ nennen. Er hat einen Zeitungsausschnitt dabei, der beweist, dass ein argentinischer Kritiker ihm diesen Titel verliehen hat. José Orti ist 78, er war, sagt er, in seiner Jugend mit Che Guevara gut bekannt, dem Maradona des Guerillakriegs. José Orti spielt, um die Argentinier zu unterstützen, vor dem Hotel einen Tango nach dem anderen. „Das ist doch furchtbar traurige Musik“, sage ich zu José Orti. „Das deprimiert Riquelme doch nur in seiner Naturmoorpackung.“ José Orti sagt, dass er es anders sieht, und spielt weiter. Die argentinischen Journalisten rufen den Namen „Ebastian Eswainstaiger“ in ihre Mikrofone, sie schwitzen, der Name Schweinsteiger ist für argentinische Zungen eine fast unüberwindbare Herausforderung. Deutschland, sagen sie, ist ein härterer Gegner als Brasilien. Wir müssen alles geben. Dann kommen die Spieler aus El Bunker heraus und besteigen den Bus. Sie wirken müde. José Orti spielt ein trauriges Lied. Nach dem Training nimmt Riquelme sicher noch ein Moorbad. Morgen: Frankfurt.

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