Zeitung Heute : „Ein Mord ohne Leiche schließt eine Verurteilung nicht aus“

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In Saarbrücken stehen 13 Angeklagte wegen Mordes an dem fünfjährigen Pascal vor Gericht. Was muss passieren, um in solchen Indizienprozessen die Täter zu überführen, Herr Kury?

Die Straftat muss dem Straftäter nachgewiesen werden. Die Beweislast liegt beim Gericht. Wenn, wie in diesem Fall, nach einem Mord keine Leiche gefunden wird, bedeutet das aber nicht, dass eine Strafverfolgung unmöglich ist. Ein Mord ohne Leiche schließt auch eine Verurteilung nicht aus.

Was kann das Gericht tun?

Es muss sich aus einer Vielzahl von Puzzleteilen ein Bild von der Straftat und den Straftätern machen. Solche Puzzleteile können Zeugenaussagen sein, zum Beispiel von Mittätern. Es können Spuren sein. Wenn zum Beispiel die Leiche in einem Auto transportiert wurde, findet man vielleicht Haare des Opfers darin. Hinzu kommen unendlich viele mögliche Hinweise kriminalistischer Natur. Die ganze psychologische Analyse: Wer könnte ein Motiv gehabt haben, was zu tun oder Spuren zu verwischen?

Muss auf diese Weise eine geschlossene Indizienkette erstellt werden?

Im Prinzip sollte die Indizienkette möglichst geschlossen sein. Letztlich hängt aber alles von der Bewertung durch das Gericht ab. Das Gericht muss zu der Überzeugung kommen, dass die Angeklagten die Tat begangen haben, muss das begründen können mit nachvollziehbaren Hinweisen. Da kommt natürlich eine gewisse Subjektivität der Strafkammer in das Verfahren. Das kann dann dazu führen, was wir ja immer wieder erleben, dass in einem anschließenden Revisionsverfahren die Strafen gemildert oder die Angeklagten freigesprochen werden.

Im Fall „Pascal“ sollen einige der Angeklagten wegen Schwachsinns nur vermindert schuldfähig sein – ist das ein zusätzliches Problem für das Gericht?

Ja. Der Gesetzgeber geht davon aus, dass jeder Bundesdeutsche vom 14. Lebensjahr an schuldfähig ist. Das heißt, er kann von einem Gericht wegen einer Straftat verurteilt werden. Die Schuldfähigkeit kann aber eingeschränkt sein oder sogar ausgeschlossen werden. Ein Beispiel für den Ausschluss einer Schuldfähigkeit wäre ein geistesverwirrter Straftäter, der gar nicht weiß, was er tut. Dann kann man ihn für die Tat auch nicht verantwortlich machen. Problematischer ist die Situation bei der verminderten Schuldfähigkeit. Davon spricht man zum Beispiel bei Affekttaten oder bei Beeinflussung durch Drogen. Dann ist der Straftäter zwar verantwortlich, aber nur teilweise. Das führt in aller Regel dazu, dass die ausgesprochene Strafe milder ausfällt.

Was sagt uns die Tatsache, dass bei dem Prozess in Saarbrücken 102 Zeugen geladen wurden?

Das ist schon relativ viel. Das weist einerseits darauf hin, dass es hier um sehr schwere Straftaten geht: Mord, schwerer sexueller Missbrauch und Beihilfe zu diesen Verbrechen. Andererseits weist es darauf hin, dass die Beweislage – eigentlich soll es ja Filme, Fotos, Teilgeständnisse geben – doch relativ ungesichert ist. Sonst würden zwei, drei glaubwürdige Zeugen reichen.

Helmut Kury ist Kriminologe am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg.

Das Gespräch führte Michael Schmidt.

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