Zeitung Heute : Ein nachhaltiger Beitrag

Jemand, der in der Politik tätig ist, erzählte mir, das wichtigste Wort der deutschen Sprache sei „nachhal- tig“. Zumindest in seiner Branche. Alles muss nachhaltig sein. Das heißt, es darf keine unumkehrbaren negativen Folgen haben. Wenn es in einem politischen Papier nicht oft genug „nachhaltig“ steht, dann schreiben sie noch drei, vier Mal „nachhaltig“ hinein. Obwohl es ja tausend Dinge gibt, die nicht nachhaltig sind und trotzdem ganz gut. Zum Beispiel ein neuer Flughafen, einen Flughafen ohne Fluglärm kann es nicht geben. Der Bau des Brandenburger Tores war nicht nachhaltig, insofern, als die Wiese, die sich an dieser Stelle vorher befand, unwiederbringlich verloren ist. So was wie das Brandenburger Tor würde heute nie mehr genehmigt werden.

Neulich habe jemand Ärger bekommen, weil er in einem Gremium gesagt hatte: „Kolumbus hat Amerika entdeckt.“ Das gilt als rassistisch. In Amerika haben auch schon vor Kolumbus Menschen gelebt, Indianer, falls das Wort noch geht. Ich sage mal besser: Ureinwohner. Der Satz „Kolumbus hat Amerika entdeckt“ tut so, als ob die Ureinwohner nicht zählen und keine Menschen gewesen wären, Kolumbus hat Amerika lediglich für den weißen Mann entdeckt. Das kapiere ich nicht. Nehmen wir an, es ist Ostern. Die Eltern verstecken Eier im Garten. Nun rufen die Kinder: „Wir haben die Eier entdeckt!“ Obwohl sie die Eier in Wirklichkeit überhaupt nicht entdeckt haben. Die Eltern wussten die ganze Zeit genau, wo die Eier sind. Trotzdem würde niemand behaupten, dass diese Kinder ihre Eltern herabsetzen oder beleidigen wollen. Sie sind lediglich subjektiv. Eine Welt ohne jede Subjektivität wäre viel ärmer.

Noch problematischer als Kolumbus sei der Ausdruck „Dritte Welt“. Damit wird so getan, als ob es Welten erster, zweiter und dritter Klasse gebe. Dabei sind „Dritte-Welt-Läden“ noch vor ein paar Jahren Ausdruck besonderer Sensibilität für genau diese Weltgegenden gewesen! Wenn jetzt ein Öko-Hippie, der im Koma gelegen hat, wieder aufwacht und zu seiner Ärztin, die aus Bangladesch stammt, stolz sagt, dass er in einem Dritte-Welt-Laden arbeitet, dann erwidert die Ärztin vielleicht, dass er ein verdammter Rassist sei und der Hippie schläft aus Schreck gleich wieder ein. Ich möchte nachhaltig für die Publikation eines Wörterbuchs der politisch korrekten Sprache werben, das halbjährlich aktualisiert wird.

Das Wort „Nachhaltigkeit“ gerät auch langsam ins Zwielicht. Denn „nach“ klingt irgendwie negativ. „Treten“ ist neutral, „nachtreten“ ist mies, „Bau“ ist eine wertfreie Bezeichnung, „Nachbau“ meint eine billige Kopie. „Haltigkeit“ alleine wird aber nicht gut verstanden. Deswegen verwenden Haltigkeits-Kenner inzwischen die Bezeichnung „Sustainabilty“.

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