• Ein Netz zur Selbsthilfe für Patienten Umfrage unter Berliner Selbshilfegruppen: Was erwarten Kranke von einer Klinik?

Zeitung Heute : Ein Netz zur Selbsthilfe für Patienten Umfrage unter Berliner Selbshilfegruppen: Was erwarten Kranke von einer Klinik?

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Auf der einen Seite steht der einweisende Arzt, auf der anderen Seite das Krankenhaus – und irgendwo dazwischen wird der Patient hin- oder hergeschoben.

Dieses Klischee des bevormundeten Kranken stimmt so immer weniger. Denn die Patienten informieren sich zunehmend selbst, bevor sie sich in Behandlung begeben. Auch und besonders bei Selbsthilfegruppen. Und davon gibt es in Berlin einige: allein über 200 Gruppen zu medizinischen Themen bieten Beratung und Erfahrungsaustausch - von Gruppen der Herzkranken und Herzoperierten oder Diakonie-Gruppen für Brustkrebspatientinnen und Gesprächskreisen über Prostata-Krebs bis zur Rheumaliga und dem Diabetiker-Bund.

Manfred Steinbach, Rentner aus Friedrichsfelde, ist einer von den Aktiven in der Selbsthilfe-Szene. Seit seinem Herzinfarkt vor acht Jahren kennt der 64-Jährige die Arztpraxen und Krankenhäuser dieser Stadt sehr genau. Und er kennt die Sorgen der Patienten, denn er hat zwei Selbsthilfegruppen zu Herzbeschwerden und Diabetes aufgebaut, in Wilmersdorf und Hohenschönhausen. „Dort treffen sich verschiedene Leute, um über ihre Erfahrungen zu sprechen“, sagt Steinbach. „Vor allem vor einer schweren Operation fühlen sich viele Patienten unsicher. Die Ärzte haben höchstens zwei, drei Minuten für ein Gespräch, da bleibt vieles offen.“ Doch manchmal nehmen sich Mediziner so richtig Zeit. „Einmal hatten wir den Chefkardiologen einer Klinik zu einer Fragestunde zu Gast, das dauerte fünf Stunden.“

Die Selbsthilfegruppen geben ihr Wissen gern weiter – auch an Tagesspiegel und Gesundheitsstadt Berlin. Denn die Resonanz auf unsere (allerdings nicht repräsentative) Umfrage unter den Selbsthilfegruppen, die von Karin Stötzner, der Berliner Patientenbeauftragten und Leiterin des Berliner Netzwerk der Selbsthilfegruppen (Sekis) unterstützt wurde, war enorm. 35 Selbsthilfegruppen beantworteten den Bogen, auf dem wir nach Klinik-Empfehlungen fragten und nach Anforderungen, die ein Krankenhaus aus Patientensicht erfüllen sollte. Diese Gruppen repräsentieren nach eigenen Angaben rund 1000 Mitglieder aus Berlin.

Zum Schlaganfall meldeten sich fünf Selbsthilfegruppen mit rund 80 Mitgliedern. Sie empfehlen zum Beispiel die DRK-Kliniken Köpenick, das Evangelische Krankenhaus Königin Elisabeth- Herzberge in Lichtenberg, das Vivantes Wenckebach-Klinikum und das Benjamin Franklin Klinikum. Von den Ärzten und Schwestern wünschen sie sich, nach der Operation nicht nur medizinisch betreut zu werden, sondern auch Beratung zu erhalten: zu Reha-Anträgen etwa, zum Schwerbehindertenrecht oder zu den Leistungen der Krankenkassen bei körperliche Beeinträchtigungen. Die Kliniken sollten den Patienten vor der Entlassung ebenfalls Tipps geben, wo sie in ihrem Bezirk eine Selbsthilfegruppe finden – als Teil der Nachsorge.

Auch zum Brustkrebs gibt es zahlreiche Gruppen. Fünf davon, die 90 Patientinnen repräsentieren, haben sich an der Umfrage beteiligt. Sie empfahlen oft das Evangelische Waldkrankenhaus in Spandau, das Sana Klinikum Lichtenberg, das St. Gertrauden-Krankenhaus in Wilmersdorf ebenso wie das Vivantes-Klinikum am Urban und das Helios Klinikum Berlin-Buch.

Die Frauen wünschen sich von Kliniken mehr Angebote nach der Operation, die die Familien mit einbeziehen. Viele Patientinnen fühlen sich emotional allein gelassen, einige Gruppen schlugen vor, das Amt einer Vertrauensschwester einzurichten. Auch müssten die Kliniken mehr alternative Therapien anbieten oder darüber informieren – selbst wenn diese nicht hundertprozentig schulmedizinisch abgesichert seien.

Zu Gelenkerkrankungen und Rheuma erhielten wir Rückmeldungen von 13 Gruppen, die rund 130 Mitglieder vertreten. Häufig nannten uns die Mitglieder dieser Gruppen zum Beispiel das Immanuel-Krankenhaus, die Rheumaklinik Buch und die Schlosspark-Klinik sowie die Rheumatologie der Charité in Mitte.

Sekis mit den Kontaktdaten der Selbsthilfegruppen ist im Internet unter www.sekis.de erreichbar. Telefon: 892 66 02 (montags 12 bis 16 Uhr, mittwochs 10 bis 14 Uhr und donnerstags 14 bis 18 Uhr)

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