Zeitung Heute : "Ein neuer krimineller Zweig"

Softwarepiraten haben Microsoft um möglicherweise 25 Millionen Mark geschädigt. Die Täter verkauften Raubkopien teurer Microsoft-Programme, darunter Windows NT und Office 97, komplett mit Echtheitszertifikat. Möglich wurde der Betrug durch den gezielten Diebstahl von 100 000 Microsoft-Echtheitszertifikaten aus einer Druckerei. Die echten Zertifikate wurden zusammen mit auf CD-Roms gepreßten Raubkopien an Händler und an Kunden verkauft. Mehrere Firmen im Raum Rhein-Ruhr sind in den Fall verwickelt.

Frau Lobmeier, die Softwarepiraten werden immer dreister. Etwa 45 000 Raubkopien mit den gestohlenen Zertifikaten sollen jetzt wieder in den Handel gegangen sein. Sie als Anti-Piracy-Managerin von Microsoft Deutschland müssen doch schlecht schlafen?

Wir hatten schon höhere Schäden als in diesem Fall. Mitte Juni ging es bei einem Prozeß in Aachen um eine Schadenshöhe von 100 Millionen Mark. Aber Sie haben schon recht, hier geht es nicht mehr nur um das Fälschen von Software, sondern um einen Raubüberfall. Da tut sich ein neuer krimineller Zweig auf.

Inwiefern?

Da werden gefälschte Produkte mit Echtheitszertifikaten gehandelt. Nach Polizeiangaben sind die Kopien der Zertifikate wohl so gut, daß sie für den Laien kaum als Fälschungen erkennbar sind.

Wie decken Sie das auf?

Meistens melden sich Abnehmer bei Microsoft, weil denen zum Beispiel die falschen Seriennummern aufgefallen sind. Die Händler schicken uns immer mehr verdächtige Produkte zur Identifikation ein, so 50 Produkte am Tag. Zu 90 Prozent sind diese nicht echt.

Einen Durchschnittspreis der Microsoft-Programme von 500 Mark vorausgesetzt, bedeuten 50 000 gestohlene Zertifikate einen möglichen Verlust von etwa 25 Millionen Mark. Muß es bei diesen Dimensionen nicht neue Sicherheitsmaßnahmen bei Microsoft geben?

Wir arbeiten viel enger mit Polizei und Zoll zusammen. Alle gefälschten Windows-Produkte werden zum Vergleich mit Seriennummern im World Wide Web veröffentlicht. Außerdem haben wir fälschungssichere Echtheitszertifikate entwickelt, zum Beispiel jetzt auch bei Office 2000. Gegen Überfälle sind wir natürlich nicht gefeit. Softwarepiraterie wird uns immer betreffen. Egal, was wir machen: Bei den Piraten ist das Know-how sehr ausgeprägt. Die werden immer professioneller. Da geht es uns wie der Automobilindustrie oder der Kosmetikindustrie. Von Windows 98 sind uns allerdings noch keine direkten Fälschungen bekannt.

Was mögen die Softwarepiraten am liebsten?

Die Office-Programme. Die sind am meisten verbreitet, für die Piraten sehr profitabel.

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