Zeitung Heute : Ein nordisches Land zwischen Ost und West

Das Leben auf der Bruchfläche zweier Kulturkreise hat die finnische Geschichte schon seit dem Mittelalter geprägt

Hannes Saarinen

In Finnland, immerhin EU-Mitglied und zur Euro-Zone gehörig, fragt man sich hin und wieder, was man in Deutschland über ein Land wissen mag, von dem sogar die Wetterkarten nicht viel mehr als den südlichsten Zipfel zeigen. Dabei dauert der Flug von Berlin nach Helsinki nur zwei Stunden, weniger als nach Athen oder Madrid. Finnland ist sogar ein Nachbar, wenn man das Meer, die Ostsee, als ein verbindendes Element ansieht, was es zweifellos in der weiter zurückliegenden Vergangenheit war und heute nach Überwindung der Ost-West-Spaltung Europas wieder ist. Gerade der nördliche Teil Deutschlands hatte mit Finnland schon seit dem Mittelalter unter sehr viel beschwerlicheren Verkehrsbedingungen intensive kulturelle und Handelsbeziehungen.

Dennoch ist es verständlich, dass Finnland meist in weiter Ferne geortet wird, denn von Helsinki aus erstreckt sich das Land noch 1300 Kilometer fast bis an den nördlichsten Rand des europäischen Kontinents. An der Peripherie zu leben, ist der Bevölkerung in den zurückliegenden Jahrhunderten immer wieder zu Bewusstsein gebracht worden, vor allem in Krisenzeiten. Andererseits war Finnland dennoch kontinuierlich in die geistige und politische Entwicklung Europas miteinbezogen, Zentrum war es aber nie.

Fragen wir die heute lebenden Finnen selbst, wie sie sich als Volk und ihr Land einordnen würden, so würden sie sich sicherlich zunächst als Finnen sui generis bezeichnen, aber Finnland auch als nordisches Land betrachten.

Der Sonderfall weckt Interesse

In Deutschland verband man mit dem Norden im 19. Jahrhundert die Suche nach Ursprünglichkeit, Reinheit und mythischer Durchleuchtung, wie sie im Titel der im Bröhan-Museum gezeigten Ausstellung über den finnischen Jugendstil „Das Licht kommt jetzt von Norden“ ausgedrückt wird. Finnland erweckte als Sonderfall Interesse, gerade weil es „westliche“ schwedische und „östliche“ Elemente zu verbinden schien. Kulturelle Botschafter dieses exotischen und dennoch europäischen Landes waren um 1900 auch in Deutschland bekannt gewordene finnische Künstler, einige Architekten, vor allem aber zahlreiche finnische Wissenschaftler, die sich damals in Deutschland aufhielten. Für die östliche Einordnung im 19. Jahrhundert war schlicht die Tatsache verantwortlich, dass Finnland damals zum Russischen Reich gehörte.

Quellenmäßig schriftlich erfassbar wurden die Finnen erst eigentlich im Mittelalter, als sich staatliche und kirchliche Verwaltungs- und Herrschaftsstrukturen in ihrem Siedlungsgebiet zu festigen begannen. Die westlichen Finnen wurden im 12. Jahrhundert von Rom aus durch eine Schwertermission des schwedischen Königs dem katholischen Glauben unterworfen, die weiter im Osten lebenden Karelier zu einem großen Teil von Novgorod für die Ostkirche gewonnen. Zwischen diesen Mächten wurde mitten durch das heutige Finnland 1323 eine erste Grenze festgelegt, die dann Schweden zunächst immer weiter nach Osten zu verschieben vermochte.

Insgesamt lag das Kerngebiet des heutigen Finnlands an einer Scheidelinie gen Osten, die zwar durch den Handel überbrückt wurde, aber das Land wurde nachhaltig durch die an dieser Grenze mit Russland ausgefochtenen Kriege in seiner Entwicklung gehemmt. Seit Beginn des 18. Jahrhunderts verliefen sie für Schweden verlustreich, bis Finnland ganz an Russland fiel.

In Kategorien der Staatengeschichte hat Finnland somit eine relativ einfach strukturierte Vergangenheit. Die längste Zeit bildete das heutige Gebiet Finnlands, vom 12. Jahrhundert an bis 1809, den östlichen Teil des Königreiches Schweden, danach war es etwas über 100 Jahre ein autonomes Großfürstentum im Russischen Reich, mit dem Zaren als Großfürsten in Personalunion, und erst ab 1917 ist es eine unabhängige Republik.

Der Tag der Unabhängigkeitserklärung (6. Dezember 1917) ist im Rückblick zum Schlüsseldatum für die gesamte finnische Geschichte, der Nationalstaat zum finalen Ziel geworden. Vorbereitet wurde er durch die Autonomie. Auch wenn die innere Verwaltung aus der schwedischen Zeit kaum angetastet wurde, waren die russischen Zaren und Beamten in Petersburg bestrebt, die bisherige Elite Finnlands von Schweden zu entfremden. Diesem Zweck entsprach der keimende finnische Nationalismus, den die neuen Herrscher weitgehend gewähren ließen, wenn es nur nicht zu politisch und zu liberal wurde. Dichter wie Johan Ludvig Runeberg sowie der Romancier und Historiker Zacharias Topelius entfalteten aus ihrer Entdeckung des finnischen Volkes eine nationale Kultur und einen neuen Patriotismus.

Dieser kulturelle Nationalismus, anfangs nur eine Intellektuellenbewegung, ist in vielem auf die Ideen Herders und Hegels zurückzuführen. Das von Elias Lönnrot 1835 herausgegebene Nationalepos „Kalevala“ wurde international zum qualitativen Symbol der Nationsfähigkeit und ist in Finnland bis heute eine Inspirationsquelle für Künstler jeder Richtung geblieben. Der an Hegel geschulte Philosoph und spätere Staatsmann Johan Vilhelm Snellman setzte sich vor allem für die Emanzipation der finnischen Sprache und eine umfassende Volksbildung ein. Bildung war der Weg auch zu sozialer Emanzipation.

Die besondere Stellung Finnlands innerhalb des Russischen Reiches hat eine finnisch-nationale Entwicklung erst ermöglicht und gefördert, gleichzeitig hat aber das wachsende nationale Selbstbewusstsein dazu beigetragen, die Autonomie, die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten, die der besondere Status bot, immer weiter auszubauen. Und damit geriet das Land Ende des 19. Jahrhunderts mit seinen eigenen Beamten, seinem Ständelandtag, einem eigenen Senat (Regierung) und sogar eigener Währung in Konflikt mit den russischen Bestrebungen ihr westliches Grenzland fester unter Kontrolle zu bekommen. Dennoch musste der Zar in eine Reform einwilligen, durch die 1906 der Ständelandtag durch ein Einkammerparlament mit 200 Abgeordneten ersetzt wurde, wie es noch heute besteht.

Kurzer Flirt mit den Bolschewiki

Die Autonomiezeit endete im Ersten Weltkrieg mit dem Sturz des Zaren in Petersburg, und die bald darauf ausgebrochenen Revolutionswirren ermöglichten die vollständige Trennung. Aber es hätte auch anders kommen können. Ein Teil der finnischen Sozialdemokratie sympathisierte mit den Bolschewiki und errichtete im Januar 1918 in Helsinki eine Räterepublik. Deutschland hatte schon vorher die keimenden finnischen Unabhängigkeitsbestrebungen, um Russland zu schwächen, unterstützt. Es griff nun auf Bitten der legalen bürgerlichen Regierung durch Entsenden einer Division in den im selben Monat ausgebrochenen Bürgerkrieg ein. Dieser endete mit dem Sieg der Weißen unter Führung General Mannerheims.

Die rigorosesten Verfechter eines Finnentums, die Finnomanen, hatten im 19. Jahrhundert eine rein finnischsprachige Nation im Sinne gehabt, obwohl eine Minderheit im Volk, nicht nur eine Elite, Schwedisch als Muttersprache hatte. Es festigte sich jedoch, nicht zuletzt unter der Sorge vor einer Russifizierung, eine zweisprachige Nation, innnerhalb der die in ihrem Selbstbewusstsein gestärkte finnischsprachige Majorität kompromissbereit geworden war. Im Jahr 1919 wurde diese zweisprachige Nation gleichzeitig mit der parlamentarischen Demokratie nach westlichem Muster in der finnischen Verfassung verankert. Die Verfassung ist im 20. Jahrhundert nie außer Kraft gesetzt worden, lediglich vor zwei Jahren ist sie modernen Anforderungen angepasst worden.

1939 überfiel die Sowjetunion Finnland, stieß auf unerwarteten Widerstand und begnügte sich schließlich mit einem für Finnland verlustreichen Frieden. Auch wenn Finnland sich danach 1941 – 1944 für ein militärisches Zusammengehen mit Deutschland gegen die Sowjetunion entschied, entging es dem Schicksal anderer Mitkämpfer. Es wurde weder von deutscher noch sowjetischer Seite besetzt und behielt seine Unabhängigkeit. Allerdings unter Auflagen, zu denen der Pariser Friedensvertrag von 1947 und 1948 ein Abkommen über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand mit der Sowjetunion gehörten. Die Konsequenz war, dass Finnland in der Ära des Kalten Krieges alles vermeiden musste, was als gegen die Sicherheitsinteressen der Sowjetunion gerichtet ausgelegt werden konnte. Das hieß keine Marshall-Hilfe (dennoch halfen die USA), erst recht keine Nato, keine EWG und unter dem langjährigen Präsidenten Urho Kekkonen das Bestreben, die finnische Neutralität in Ost und West anerkannt zu bekommen. Gerade die Ära Kekkonen ist mit dem Etikett einer zu großen Nachgiebigkeit gegenüber dem „Osten“ und dem Vorwurf, zu einigen Auswüchsen von Selbstzensur geführt zu haben, belegt worden. Andererseits war Finnland der einzige westliche Nachbar der Sowjetunion, dem die Volksdemokratie erspart geblieben ist. Finnland blieb ein vollkommen westliches Land .

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde Finnland 1995 Mitglied der EU. Die wirtschaftlichen Beziehungen zu Deutschland wurden noch intensiver, es ist derzeit der wichtigste Handelspartner Finnlands. Dass Finnland an der Peripherie liegt, kann so nicht mehr gesagt werden. Finnische Architektur ist ein Gütezeichen für sich, finnische Formgebung und Musik, aber vor allem auch technologisches, sportliches und wirtschaftliches Können haben das Land weltweit bekannt gemacht. Nicht zuletzt das positive Ergebnis der Pisa-Studie hat viele in Deutschland fragen lassen: Wie schaffen die Finnen das? Eine Erklärung bietet die finnische Geschichte: Nur durch Bildung, das heißt auch gute Ausbildung, kann eine kleine Nation sich im globalen Wettbewerb behaupten. Und eine gehörige Portion Pragmatismus sowie Unvoreingenommenheit gehört dazu.

Der Autor ist Professor für Allgemeine Geschichte an der Universität Helsinki und zurzeit Leiter des Finnland-Instituts in Berlin.

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