Zeitung Heute : Ein Ohr für Kinder

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Röhrchen im Trommelfell sind nicht immer nötig

Hartmut Wewetzer

Manchmal ist weniger mehr, auch in der Medizin. Das jüngste Beispiel kommt aus der Kinderheilkunde. Viele Kleinkinder bekommen wegen einer Flüssigkeitsansammlung im Mittelohr ein dünnes Röhrchen durch das Trommelfell in die sogenannte Paukenhöhle geschoben. Doch offenbar kann man manchen Kindern das Einsetzen dieses Paukenröhrchens ersparen. Das ist zumindest Ergebnis einer großen amerikanischen Untersuchung.

Ursache für den Paukenhöhlenerguss, die schleimige Flüssigkeit hinter dem Trommelfell, ist der in den ersten Jahren noch nicht so gut funktionierende Druckausgleich. Normalerweise erfolgt der Ausgleich über die Eustachische Röhre, die Ohrtrompete, eine Verbindung zwischen Mittelohr und Rachenraum.

Bei Kindern unter sechs Jahren wird das Mittelohr über die Eustachische Röhre häufig noch nicht gut belüftet, ein Schnupfen und Rachenmandeln (Polypen) können den Druckausgleich zusätzlich erschweren. Dann sammelt sich Flüssigkeit im Mittelohr. Sie kann Nährboden für Entzündungen sein, zu Schwerhörigkeit führen und deshalb die geistige Entwicklung des Kindes gefährden.

Führen abschwellende Nasentropfen oder andere Maßnahmen nicht zum Erfolg, können ein Schnitt ins Trommelfell oder ein feines Paukenröhrchen Abhilfe schaffen. Das Röhrchen lässt Luft „von außen“ an das Mittelohr heran, das fortan nicht mehr „unter Wasser“ steht. Das Paukenröhrchen ist aus Metall oder Kunststoff und nur etwa anderthalb Millimeter groß. Es steckt im Trommelfell und wird meist nach einigen Monaten von selbst abgestoßen.

Dass dieses Paukenröhrchen nützlich ist und Kindern gutes Hören ermöglichen kann, daran besteht kein Zweifel. Allerdings könnte es auch sein, dass es vor allem in den USA manchmal zu schnell eingesetzt wurde. Dort war das Einsetzen von Paukenröhrchen zeitweise der häufigste Eingriff bei Kleinkindern. Aber in den vergangenen Jahren ist man zurückhaltender geworden, und das liegt vor allem an Jack Paradise, einem Kinderarzt an der Universität Pittsburgh.

1991 begannen Paradise und seine Mitarbeiter eine groß angelegte Untersuchung, mit der sie prüfen wollten, ob Paukenröhrchen bei Kindern bis zum dritten Lebensjahr wirklich immer gleich erforderlich sind. Die Ärzte behandelten einige Kinder mit Paukenhöhlen-Erguss sofort mit einem Röhrchen, andere dagegen erst Monate später oder gar nicht. Über mittlerweile elf Jahre verfolgten die Mediziner die geistige Entwicklung der Kinder. Die Überraschung: Auch die Kinder, die nicht gleich ein Röhrchen eingesetzt bekamen, gedeihen gut.

Die Schlussfolgerung der Ärzte im Fachblatt „New England Journal of Medicine“: Bei beidseitigem Erguss kann man mindestens ein halbes Jahr abwarten, bei einseitigem Erguss sogar neun Monate. Vielleicht erübrigt sich dann der Eingriff ganz und gar. Allerdings gilt das nur bei „unkomplizierten Fällen“. Außerdem muss das Gehör regelmäßig kontrolliert werden, damit man im Falle eines Falles rechtzeitig reagieren kann.

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