Zeitung Heute : Ein Opfer für die Kunst

Lothar Heinke

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Eine Mußestunde draußen vor der Neuen Nationalgalerie ist wie Kino. Im Freien spielen sich Szenen ab, doch die eigentlichen Hauptdarsteller sind stumm, sie hängen im Keller rum und lassen sich bewundern, aber die Komparserie rund um die Stars ist auffällig groß, es sollen nun schon über 700 000 gewesen sein, die das Zauberwort „MoMA“ in diese Stadt und an diesen Ort lockt. Deutsches Volk, wann arbeitest du eigentlich?

Das durchschnittlich zweistündige Anstehen nach Kunst entwickelt die Eigenschaft der edlen Geduld, die es so zur Zeit nirgendwo sonst in Deutschland gibt, oder die, sich und andere zu unterhalten – Freundschaften werden geschlossen, Liebschaften angebahnt. Die prominente New Yorker Bilderwelt treibt die Touristenzahlen in die Höhe – womit könnte das je übertroffen werden?

Aber heute sitzt der Herr Rentner mit seiner langen Weile da und klatscht und tratscht mit sich selbst: In der DDR hieß so ein tausendfüßlerischer Lindwurm „sozialistische Wartegemeinschaft“. Die hatte nur kurzen Bestand, schwupp!, waren die Bananen weg, ehe die Schlange ihren revolutionären Schwung bekam. Wenn es um geistige Genüsse geht, steht man sich zu allen Zeiten augenscheinlich gern die Beine in den Bauch: Einmal standen wir früh um sieben vor dem Palast der Republik nach Karten für Loriot, und auch „Der letzte Tango von Paris“, von dem man so allerlei gehört hatte, erwies sich tagelang als Schlangenbeschwörer vor dem damaligen Französischen Kulturzentrum Unter den Linden.

Heutzutage fördern Schlangen sogleich das private Kleingewerbe. Vor der MoMA-Schlängelei treten auf: Pantomimen, Wurstbrater, Brezelverkäufer, Kaffee-Shopper, Eismänner, der singende Tsp-Anbieter, Flötisten, Violinisten, Posaunisten, zusätzlich um zwölf die Glocken der Matthäus-Kirche und immer der junge Mensch mit den Katalogen, nicht zu vergessen die Mädel vom Sit On Service. Sie vermieten Hocker für einen Euro, der Absatz ist flau, manchem ist das zu teuer. Die eigene Bequemlichkeit als Opfergabe für die Kunst – irgendwo muss man ja mal anfangen zu sparen.

Neue Nationalgalerie, täglich außer Mo. noch bis zum 19. September.

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