Zeitung Heute : Ein Orchester ohne Streicher und Bläser? Etat und Studentenzahl

Der Tagesspiegel

Die drei kleinen künstlerischen Hochschulen in Berlin trifft der Sparkurs hart. Wie die Kunsthochschulen durch den Staatssekretär in der Wissenschaftsverwaltung, Peer Pasternack, erst am Dienstagabend erfahren haben, müssen sie zehn Prozent ihres Etats einsparen. Als nachgeordnete Einrichtungen des Landes Berlin fallen sie nämlich unter die Sparvorgaben beim Verwaltungspersonal. Dass an den kleinen künstlerischen Hochschulen jedoch kaum mehr Verwaltungspersonal einzusparen ist, sondern dass bei der Kürzung in die Substanz der Ausbildung eingegriffen wird, ist seit Jahren den Eingeweihten bekannt. Nach der Logik der Haushaltspolitiker in Berlin wurde daran bisher nichts geändert. Die drei kleinen künstlerischen Hochschulen sind nicht durch Hochschulverträge geschützt, weil sie auf den alten Strukturen mit einem Rektor an der Spitze bestanden. Dagegen sind die vier Universitäten, darunter die Universität der Künste sowie die vier großen Fachhochschulen, die alle von Präsidenten geleitet werden, durch die Hochschulverträge bis zum Jahr 2005 geschützt.

Die Rektoren der drei kleinen künstlerischen Hochschulen fordern, dass die große Universität der Künste in die Spardiskussion einbezogen wird und dass mittelfristig für Berlin eine Gesamtkonzeption zu entwickeln sei. Dass die Universität der Künste, bevor sie den Schutz der Hochschulverträge erhielt, erhebliche Sparleistungen erbringen musste, scheint aus dem Gedächtnis der Rektoren entschwunden zu sein. Sie erhoffen sich, dass die kleinen Hochschulen wegen ihres im In- und Ausland anerkannten Profils günstiger davonkämen, wenn die Universität der Künste noch mehr sparen müsste.

Vor der Presse erklärte gestern der Rektor der Musikhochschule Hanns Eisler, Professor Christhard Gössling, die Ausbildung des künstlerischen Nachwuchses sei sehr personalintensiv bis hin zum Einzelunterricht der Studenten im Gesang und an den Instrumenten. Es sei nicht möglich, wenn man die Studenten sowohl für die Arbeit in einem Orchester, in der Kammermusik, für Opernaufführungen oder Auftritte als Solisten vorbereiten wolle, irgendeinen Bereich zu streichen. Man könne weder auf die Bläser oder die Streicher bei der Orchesterausbildung verzichten noch auf das Zusammenspiel von Sängern und Orchester bei den Opernproben. Wenn die Hochschule jetzt wegen der Sparauflagen gezwungen wäre, ihre Studentenzahl zu verringern, so sei das ein tiefgehender Einschnitt, denn die Orchester- und Opernausbildung seien auf eine bestimmte Zahl von Studenten ausgerichtet.

Der Rektor der Schauspielschule Ernst Busch, Professor Klaus Völker, hatte noch vor wenigen Jahren die Eingliederung seiner Schauspielschule in die damalige Hochschule der Künste abgewehrt. Noch heute verteidigt er zusammen mit seinen Kollegen die Eigenständigkeit seiner Hochschule. „Ich habe die Verpflichtung, eine künstlerische Hochschule auf hohem Niveau weiter zu führen und nicht die Haushaltsprobleme des Landes Berlin zu lösen", sagt Völker. Würden die frei werdenden Stellen jetzt nicht besetzt, dann könne eine Grundausbildung im Schauspiel nicht mehr stattfinden.

Der Rektor der Kunsthochschule in Weißensee, Professor Rainer Ernst, betonte, dass das Modell seiner Hochschule, die künstlerische Ausbildung vor allem im Grundstudium zu vernetzen, jetzt von den Chinesen in Schanghai und den Brasilianern in Salvador nachgeahmt werden solle. Der Erfolg der Ausbildung werde dadurch bestätigt, dass seine Hochschule zum Modell für die Kunsthochschulen im Ausland werde.

Wissenschaftssenator Thomas Flierl bezeichnete den Protest der drei kleinen Kunsthochschulen als „berechtigt“. Hier gehe es nicht um den Abbau von Verwaltung, „sondern um den Abbau wissenschaftlichen und künstlerischen Potenzials und damit um die Existenz der Einrichtungen“. Die rechtlich ungleiche Situation zwischen der Universität der Künste und den drei kleinen Hochschulen dürfe „auf keinen Fall eine substanzielle Beschädigung an den kleinen künstlerischen Hochschulen nach sich ziehen“. Deswegen wolle er auch mit den drei künstlerischen Hochschulen Verträge abschließen. Noch vor den bevorstehenden Haushaltsberatungen sollte verbindlich verabredet werden, die gesamte Kunsthochschullandschaf t in Berlin einer qualitativen Bewertung zu unterziehen . Uwe Schlicht

Musikhochschule Hanns Eisler: Gesamtetat 10,5 Millionen Euro, Sparauflage 880 000 Euro, 850 Studenten. Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch: Gesamtetat 5 Millionen Euro, Sparauflage 420 000 Euro, 183 Studenten. Kunsthochschule Weißensee: Gesamtetat 5,7 Millionen Euro, Sparauflage 460 000 Euro, 673 Studenten. Universität der Künste: Gesamtetat 56.4 Millionen Euro, 4254 Studenten. US

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