• Ein paar Fischer an der Mole Bodrum in der türkischen Ägäis will wie Sylt sein. Ein Ort für Reiche und Intellektuelle – ohne Protz

Zeitung Heute : Ein paar Fischer an der Mole Bodrum in der türkischen Ägäis will wie Sylt sein. Ein Ort für Reiche und Intellektuelle – ohne Protz

Exzellente Lage. Wer in der Bucht vom Bodrum speist, hat einen guten Blick aufs vorgelagerte St. Peter Kastell. Foto: mauritius images
Exzellente Lage. Wer in der Bucht vom Bodrum speist, hat einen guten Blick aufs vorgelagerte St. Peter Kastell. Foto: mauritius...Foto: mauritius images

Nonstopflüge von Berlin nach Bodrum? Gibt es nicht. Vielleicht ist das der Grund, warum die Hafenstadt in der türkischen Ägäis hier relativ wenig bekannt ist, während Antalya den Massentourismus magnetisch auf sich zieht. Bodrum gilt aber vor allem in der Türkei selbst als elitär, eine Art Sylt auf ägäische Art, beliebtes Reiseziel türkischer Intellektueller und einfach nur Reicher.

Davon ist auf den ersten Blick nicht viel zu sehen. An den Hügeln der Bucht kleben unzählige weiße, würfelförmige Häuser, zum Teil recht spektakulär gebaut, aber immer bodennah – Hochhäuser und protzige Villen gibt es hier nicht, und auch die Pisten zum Vorführen neuer Luxusautos fehlen. Bodrum und die westlich der Stadt gelegene Halbinsel sind eher geruhsame Reiseziele, klimatisch angenehm vor allem in Frühjahr und Herbst, nicht willkürlich aufgehübscht, mit Charakter und jedenfalls authentischer als die gefälschten Markentaschen, die dort in jedem zweiten Laden hängen.

Am liebsten wirbt Bodrum für sich als „türkisches St. Tropez“. Das ist weniger falsch als bei den meisten anderen Orten, die mit der Assoziation von mediterranem Savoir vivre trommeln. Vermutlich liegen in Bodrum sogar noch mehr und noch größere Jachten als an der Côte d’Azur. Viele davon sind zu mieten, meist mit Skipper und Mannschaft, ein guter Weg, die Ägäis zu erkunden und auch mal nach Griechenland zu schauen – die Insel Kos ist nur einen einstündigen Törn entfernt, es gibt auch Fähren dorthin.

Das Leben spielt sich zwischen den Hotels, den Stränden und den zahllosen Fischrestaurants ab, die ihre Produkte in Kühlvitrinen vor der Tür vertrauenerweckend vorführen und nur relativ diskret um Kundschaft werben. Ein paar Fischer breiten ihren Fang an der Mole aus, die Cafés geben sich türkisch oder global, es fehlt weder an Schuhläden noch an Geldautomaten, die gern auch Euros ausspucken. Und wer mag, kann gleich in den Hafen springen. Jetzt ist das makellos klare Wasser zwar noch frisch, doch es bleibt angenehm warm bis in den Spätherbst. Wer ähnliche Küstenorte aus Frankreich oder Italien zum Vergleich nimmt, der wird hier zwar nicht deren Eleganz und pittoreske Finesse finden, dafür aber eine heiter-gelassene Stimmung ohne viel Lärm und Gehupe, die nur in der Hochsaison ein Stück trubeliger geraten dürfte.

Bodrum ist eindeutig das Zentrum der Region, aber die kleinen Badeorte der Halbinsel, vor allem Göltürkbükü und Gümüslük, spielen eine zunehmend größere Rolle. Es lohnt sich, gleich am Flughafen Bodrum-Milas einen Mietwagen zu buchen und die Gegend auf eigene Faust zu erkunden. Ängstliche sollten die Dunkelheit jedoch lieber meiden, denn abseits der zentralen Hauptverkehrsstraße sind die rustikalen Pisten schlecht beleuchtet und noch schlechter beschildert.

Das gilt vor allem für die Straße nach Gümüslük, das dennoch zum Pflichtprogramm gehört, und das vor allem wegen des unscheinbaren Restaurants Mimoza am Ende der kleinen Hafenpromenade. Wer mit den Füßen im Sand und direkt an der Mole unvergesslich guten gegrillten Wolfsbarsch und vielfältige Meze essen will, wird kaum einen besseren Ort finden. Nach Sonnenuntergang leuchten hunderte von bunt bestückten Kalebassen-Lampen, bunter Kitsch, der hier aber einen ganz eigenen, verzaubernden Charme entwickelt. Lampen in allen Variationen und andere Mitbringsel finden sich auf einem kleinen Kunsthandwerkermarkt am Rückweg zum Parkplatz.

Leichter erreichbar ist Göltürkbükü, der Ort mit dem gegenwärtig wohl größten touristischen Potenzial. Hier ist noch viel Platz auf den Hügeln, und die bereits vorhandenen neuen Hotels strahlen viel mehr Glamour aus als der eher bescheidene Ort. Das jetsettige Kuum Hotel hat einen Ableger des Istanbuler Nachtclubs Ulus 29 eingerichtet, eine schicke Lounge-Installation direkt am Wasser. Im Restaurant Kuum 29 mischen sich türkische und internationale Einflüsse zu einer Melange, weltläufig und modebewusst. Aber an der Hafenpromenade sind auch schlichte Köfte vom Grill mit Salat für ein paar Lira zu bekommen, köstlich.

Die Tourismusverantwortlichen der Region verfolgen eine klare Strategie: Sie wollen aus dem April-bis-Oktober-Ziel eine Ganzjahresattraktion machen. Dazu fehlt es vor allem noch an geeigneten Hotels, die eventuelle Schlechtwetterdepressionen durch Wellnessprogramme mildern könnten. Viele ehemalige Pensionen haben sich zum „Boutiquehotel“ umgestylt, aber das Ergebnis entspricht nur selten dem hochtrabenden Begriff.

Mehr ist von den großen Companies zu erwarten: Four Seasons und Mandarin Oriental sind im Gespräch, Hilton ist bereits da und belegt eine eigene Insel mit einem unspektakulären Vier-Sterne-Resort. Das kleine Ada-Hotel in Göltürkbükü hat sich geschickt zum Prominentenversteck stilisiert und verlangt für seine historisierenden Suiten zum Teil vierstellige (Euro-)Preise – aber der Platzhirsch ist gegenwärtig eindeutig das Kempinski Resort Barbaros Bay, etwa 20 Autominuten östlich von Bodrum an einer ruhigen, abgeschlossenen Bucht.

Hier ist die vielbeschworene Magie des Lichts der Ägäis überall spürbar. Die komfortablen Zimmer bieten sämtlich einen grandiosen Blick aufs Meer und die Inseln, zum akkurat gepflegten Strand mit Restaurant und vollem Service führen mehrere Fahrstühle oder die knatternden Golfkarren, der Pool ist angeblich – und glaubhaft – der größte der gesamten Gegend, und auch das preisgekrönte „Six Senses“ Spa mit Innen- und Whirlpool breitet sich auf zwei Ebenen und rund 5500 Quadratmetern aus. In den verschiedenen Restaurants hat der neue, international erfahrene Küchendirektor Ali Ronay einen bemerkenswert hohen Standard durchgesetzt – am besten zu schmecken im „Saigon Club“ hoch über der Bucht mit einer Mischung aus türkischer und asiatischer Küche. Zum Glück fehlt nur der Sonnenuntergang – aber der findet unabänderlich auf der anderen Seite der Halbinsel statt.

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