Zeitung Heute : Ein Palast erblindet

Der Abbau der Glasfassade beginnt

Lothar Heinke

Nur die Spree-Enten sind nah am Geschehen. Auf Eiskrusten treiben sie am Palast der Republik vorüber, unerschrocken vom grollenden Geheul der Presslufthämmer, das sich dröhnend mit dem Klang der Glocken vom Berliner Dom zu einer seltsamen Polyphonie vermischt. Das wichtigste Ereignis am spektakulärsten Bauplatz Berlins findet indes in aller Stille hinter weißen Planen statt: Es ist Montag, und 30 Bauarbeiter beginnen an der Ostseite des heruntergekommenen Palasthauses mit dem Abbau der meterhohen Fensterscheiben; dem Palast wird das Gesicht wegoperiert, Anfang Juni, rechtzeitig zur Fußballweltmeisterschaft, wird nur noch der Wind durch ein Skelett gehen – „alles ist praktisch genau wie damals vor 30 Jahren beim Aufbau des Palastes, nur eben umgekehrt“, sagt Projektleiter Michael Möller.

Als der 48-Jährige 1993 nach Berlin kam, war der Palast schon geschlossen, er hat ihn nie in seiner Blütezeit erlebt. Für ihn zählen weder das Wehklagen über das Wegwerfen von Werten noch der innere Triumph jener, die lange auf diesen ersten Tag des Abbruchs gewartet haben. Michael Möller, der freundlich-nüchterne Baumensch, hat seinen Terminplan, und der sieht vor, dass die Scheiben Anfang Juni vollständig abgebaut sind. Das geschieht mit Hilfe von Saugnäpfen, an denen das Glas – jede Scheibe wiegt 290 Kilo! – ins Innere des Hauses gezogen wird. Jede Scheibe besteht aus zwei miteinander verbundenen Teilen, ist knapp zwei Zentimeter stark, insgesamt hat man es mit einer Menge von 500 Tonnen Glas zu tun. Die bronzeverspiegelten Scheiben waren von der DDR für viel Devisen-Geld in Belgien gekauft worden, der Effekt, dass sich von außen der Dom in der Fassade spiegelt, war beabsichtigt.

Was mit den Scheiben wird? Zunächst hat niemand die Absicht, sie in tausend Splitter zu zertrümmern, sie werden an Ort und Stelle nach Asbestresten untersucht und dann gereinigt, auf jeden Fall in Containern gestapelt und zuletzt zu einem Entsorgungsbetrieb gebracht. Die für den Abbau verantwortliche Senatsbauverwaltung, die die Beseitigung des Palastes verschämt als „selektiven Rückbau“ bezeichnet, lässt sich hier eine Einnahmequelle entgehen. Sie hält die Müllkippen der Entsorgung geheim und unterbindet so jede Art nostalgischer Souvenirjägerei. Dabei gibt es großes Interesse an kleinen Palast-Stückchen, sei es von den hellen Streifen der steinernen Fassade oder eben vom getönten Glas – was hätte man daraus alles machen können! Viele Künstler hatten auch dazu Ideen, PdR-Glasscheiben sollten zu Raumteilern werden, ein Architekt wollte sein Büro mit dem edlen Fußboden des Großen Saales ausstaffieren, und da gibt es schließlich noch die 22 000 Tonnen Stahl – eigentlich zu schade für den Feuerofen. Vielleicht werden wenigstens die riesigen Muttern, die den ganzen Laden zusammengehalten haben, zu klingender Münze gemacht.

Wie geht es weiter, wenn der Palast, der eigentlich nur noch aus Glas (außen) und Stahl (innen) besteht, sein Gesicht verloren hat? Kräne kommen, und dann werden die Bauteile von oben auseinander genommen, „als wenn man den Aufbau-Film rückwärts laufen ließe“, sagt Michael Möller. Vieles wird nicht zu sehen sein, wie etwa das Auffüllen der 180 mal 120 Meter großen „schwarzen Wanne“, in der der Palast ruht, mit 80 000 Kubikmetern Sand – damit das Grundwasser nicht kommt und der Dom nicht kippt. Vielleicht wird die Wanne ja noch einmal gebraucht. Jemand hat seinen Abschiedstrost an die Fassade geschrieben: „Lieber Palast, keine Angst, die bauen dich wieder auf!“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar