Zeitung Heute : Ein Patriot linker

Er ist der wahre Geschichtsschreiber Amerikas. Er ist fast taub und führt legendäre Interviews. Und Studs Terkel ist auch noch irrsinng komisch.

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Von Susanne Kippenberger Als Gangster hat er angefangen: In Hörspielen ließ der Jurist sich erschießen, denn von der Juristerei hatte er nach dem Studium genug. „Dafür war ich nicht geschaffen“. Das Dasein als Kleinschauspieler erschien ihm da sehr viel reizvoller. Heute ist er 92 Jahre alt, gefeiert als der große alte Mann der amerikanischen Geschichtsschreibung von unten, Pulitzerpreisträger, „GuerillaJournalist“, wie er sich selber nennt, ausgezeichnet mit Medaillen für die Menschlichkeit – und freut sich wie ein kleiner Junge, dass er genauso aussieht und redet, wie man sich einen alten Gangster aus Chicago vorstellt. „Hier“, sagt er und hält einem stolz seinen Pass entgegen, „wie ein kranker Mafioso!“

Sagen wir: Er sieht so aus, wie Hollywood-Veteran Sam Fuller einen Gangster spielen würde – mit Augenzwinkern. Zigarre im Mund, Martini in der Hand, zerknautschter Hut auf dem Kopf, der Schalk in den Augen, das sind Studs Terkels Markenzeichen. „Studs“, den Namen hat er sich selbst gegeben; als Louis kam er 1912 zur Welt (im selben Jahr, in dem die Titanic unterging, wie er gern erzählt), Sohn russisch-jüdischer Eltern, der Vater Schneider, die Mutter Näherin. „Studs Lonigan“, so hieß eine von ihm heiß geliebte Roman-Trilogie aus Chicago. Also: ein Möchtegern-Gangster mit äußerst gepflegten Händen und ebensolcher Kleidung. Beim Gespräch in Berlin trägt er, was er immer trägt, rote Socken und ein rotweiß kariertes Hemd zum guten, aber bequemen Anzug.

Ein Interview mit „dem bekanntesten Interviewer der Welt“ („Die Zeit“). Ein Interview, das keines ist, eine Performance eher schon, eine One-Man-Show. Studs Terkel ist fast taub, Fragen versteht er kaum, aber das hindert ihn nicht, mit Begeisterung und blitzenden Augen zu reden. Er rede für sein Leben gern, „auch mit mir selbst“. Wenn er eine Frage versteht, beantwortet er sie am liebsten mit einer Geschichte. Am Abend wird er vor Publikum einige derselben Geschichten erzählen, so frisch, als wäre es das erste Mal, frech wie ein Schuljunge. Das Publikum liegt ihm zu Füßen.

„Die amerikanische Linke ist tot, aber Studs Terkel lebt immer noch“ titelt die „Süddeutsche“ bei seinem Deutschlandbesuch 2002. Bei unserem Gespräch im Kempinski hüpft der kleineMann plötzlich aus seinem Sessel hervor, um zu demonstrieren, wie links er ist. Früher, sagt er, und lehnt sich ein wenig zur Seite, hätte man ihn für so links gehalten, aber heute – er beugt sich fast 90 Grad – gälte dieselbe politische Haltung für so links. So rechts sei sein Land geworden. „Jetzt wird uns erklärt, dass jeder, der dem Präsidenten kritisch gegenüber steht, ein Terrorist ist.“

Eigentlich ist Studs Terkel der geborene Mann fürs Fernsehen. Dort hat er auch eine Sendung gehabt, in den Kindertagen des Mediums. In „Stud’s Place“, einer improvisierten „Sitcom“, spielte er sich selbst als Restaurantbesitzer. Bis er auf die schwarze Liste kam. Anfang der 50er Jahre war das, in der berüchtigten McCarthy-Ära, als man Jagd auf die Linke machte. Er hatte Petitionen unterschrieben; sich davon zu distanzieren, dazu war er nicht bereit. Das war das Ende seiner Fernsehlaufbahn – und der Anfang seiner Radiokarriere.

Heute gilt er als „Voice of America“, als einer, der mit seiner Radiosendung, seinen Büchern und Zeitzeugenprojekten auch denen eine Stimme gab, die sonst niemand fragte. Fast ein halbes Jahrhundert lang, bis 1999, hat er in Chicago seine tägliche Radioshow gehabt, fünf Tage in der Woche eine Stunde lang. Dort hat er die Musik gespielt, die ihm gefällt, Klassik, Jazz und Folkmusik, und hat Menschen interviewt: Bob Dylan, Gore Vidal, Marlon Brando, Arthur Miller, James Cagney, Buster Keaton, Louis Armstrong, Mahalia Jackson, Martin Luther King, Janis Joplin, Rosa Parks, Leonard Bernstein, Arnold Schwarzenegger, Krankenschwestern, Feuerwehrleute, Stahlarbeiter, Busfahrer, Pastoren, Krankenschwestern, Lehrer, Gewerkschafter, Vietnamveteranen, Studenten. Das Wichtigste seiner mehr als 9000 Interviews ist für ihn jenes mit einem früheren Ku-Klux-Klan-Mitglied aus North Carolina, ein armer Weißer, der bei den Rassisten zum ersten Mal das Gefühl hatte, jemand zu sein – und der sich später als Hausmeister und Gewerkschafter für schwarze Frauen einsetzte und Mitglied der Bürgerrechtsbewegung wurde.

Ein gutes Dutzend preisgekrönter Bücher hat Terkel geschrieben; zusammen ergeben sie ein Panorama Amerikas im 20. Jahrhundert, wie es kein anderer Autor vorgelegt hat: Bücher über den Amerikanischen Traum, die Depression, den Zweiten Weltkrieg, die Arbeit, die Rassen, Chicago, das Alter, die Jazzmusik: Bei „Zweitausendeins“ sind gerade seine Portraits der „Giganten des Jazz“ auf Deutsch erschienen.

In den Büchern lässt er die Menschen in ihren eigenen Worten erzählen. Er hat sie gefragt, nicht zielgerecht geradeaus, sondern „im Karussel“, wie er seine Technik beschreibt, aber die Fragen schneidet er heraus. Als Goldgräber bezeichnet er sich, der erst eine Menge Erz ausgräbt, um dann daraus das Edelmetall herauszuhämmern und zu sieben: Aus 60 Seiten Tonbandabschriften werden drei, vier, fünf Seiten im Buch. Wie Musik arrangiert und verdichtet der Jazzfan seinen Rohstoff zu eindringlichen Geschichten über das Menschsein.

Terkel ist ein hochpolitischer Mensch, einer, der immer die Mund aufgemacht hat. Politisch erweckt wurde er als Jugendlicher in der Pension, die seine Mutter („ein zäher kleiner Spatz“) in Chicago betrieb: durch die hitzigen Diskussionen der Gäste, Arbeiter und Arbeitslose, Gewerkschaftsanhänger und -feinde. Terkels Bücher sind, wie es ein Kritiker beschrieb, „ein eindringlicher Beleg für seine Fähigkeit, die Klappe zu halten“. „Zuhören“: Das ist seine Antwort auf die Frage, wie man ein guter Interviewer wird. „Dem Menschen zuhören.“

Studs Terkel hat die „oral history“, die von Zeitzeugen erzählte Geschichte nicht erfunden; aber er hat sie wie kein Zweiter betrieben und populär gemacht. Gern zitiert er Brecht zur Erklärung, warum er Geschichte von unten betreibt: „Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?“ Wenn er sein Publikum fragt, wer die Pyramiden gebaut hat, bekommt er automatisch „die Pharaonen“ zur Antwort. Das ist sein Moment: „Die Pharaonen haben keinen Finger gerührt. Mr. Pharaos Hand war so makellos manikürt wie die von Elizabeth Taylor in ,Cleopatra’.“

Auch mit 92 Jahren sieht er seine Mission nicht erfüllt. Seinen Landsleuten wirft er vor, an Alzheimer zu leiden, an Geschichtsverlust. Umso eindringlicher erinnert er an Kriege und an Wirtschaftskrisen – auf dass man lerne davon.

Er selbst hat zwei Weltkriege überlebt, den Korea- und Vietnamkrieg, den Kalten Krieg und zwei Irakkriege. Und er hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass die Welt vernünftig wird. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, so hat er sein jüngstes Buch genannt, das gerade im Verlag Antje Kunstmann erschienen ist, über „Politisches Engagement in schwieriger Zeit“, wie es im Untertitel heißt. Im Vorwort wird Bush mit keinem Wort erwähnt, aber das Buch ist seine Antwort auf den Präsidenten, in gewisser Weise auch auf Michael Moore. „Nie zuvor wurde arroganter von oben nach unten regiert“, schreibt Terkel im Vorwort zu diesem trotzigen Buch: Die Interviews sollen Mut machen, zum aufrechten Gang, dafür, sich für eine andere Politik einzusetzen, Obrigkeiten zu hinterfragen.

Dabei folgt Terkel nicht einfach einer Parteilinie. Dazu ist er zu neugierig, zu clever auch. Am ehesten könnte man ihn als „grassroots“-Demokraten bezeichnen, als einen, der immer an der Basis geblieben ist. Gleich im zweiten Gespräch im Buch kommt ein Republikaner zu Wort. Ein Kongressabgeordneter, der aus seiner persönlichen Geschichte heraus (der Vater war ein brutaler Schläger, hat die Kinder und seine Frau fast zu Tode geprügelt) erklärt, warum er gegen jede Form von Rabauken ist. „Weltweit gibt es Regierungen, die anders als die unsere funktionieren, und man kann nicht die ganze Welt nach seinem Bild formen. Wir können versuchen, ihnen unsere Werte und unser System zu vermitteln, aber wir sollten nicht herumgehen und versuchen, als Weltpolizei aufzutreten oder die Leute unter Druck zu setzen.“

Das Buch und sein Autor atmen den Geist der Roosevelt-Ära, einer Zeit, wie er sagt, als es gelang „Verzweiflung in Hoffnung zu wandeln“. Studs Terkel gilt als der gute Amerikaner – vor allem für jene, die Bush für böse halten. Auch er ist Patriot, darum fordert er einen Patriotismus der neuen Art. Oder der alten. Terkel beruft sich gern auf die Väter der amerikanischen Demokratie. Im Vorwort zu „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ zitiert er Thomas Paines Ansicht über das, was der Mensch sein sollte und nur in Freiheit werden kann: „Er (der Mensch) betrachtet seine Artgenossen nicht als natürliche Feinde, sondern als Artgenossen.“ Im Gespräch sagt Terkel einmal: „Ich glaube an das Anständige der Amerikaner.“

Mit seinem Optimismus, seinem Witz und seiner Offenheit ist Studs Terkel Amerikaner durch und durch. Aber was für einer. Einer, der nicht mal Autofahren kann. Er hat immer den Bus genommen. Geschadet hat es ihm nicht, schließlich hat er dort ja wieder Geschichten gehört, Menschen erlebt. Computer? Er schreibt auf der Schreibmaschine. Terkel kokettiert gern mit seiner technischen Schusseligkeit. Wenn er mit seinem Kassettenrekorder zu Gesprächspartnern kommt, fummelt er erstmal ein bisschen hilflos damit herum, um das Eis zu brechen. (Allerdings ist es nicht nur Koketterie: Weil er aufs falsche Knöpfchen gedrückt hat, hat er zum Beispiel die Gespräche mit Martha Graham und Jacques Tati verloren.) Er möchte, dass die Leute ihm so erzählen, wie jemandem an der Bar. Wie er es schafft, dass die Menschen sich ihm öffnen? „Ich albere herum, wir lachen viel.“ Er ist ein sympathischer Zuhörer. Er glaube nicht an Perfektionismus, sagt der Agnostiker einmal im Gespräch. „Ich glaube an den Menschen.“

Nicht, dass er gegen alle Technik wäre. Wo würde er sein Martiniglas kühlen, wenn nicht im Kühlschrank? Aber den Anrufbeantworter zum Beispiel hat er sich nur zähneknirschend angeschafft. Was er hasst, sind die Automatenstimmen. Er liebt die menschliche Stimme, sie hat für ihn eine eigene Magie.

Im Fernsehen kann man sich Studs Terkel heute nicht mehr vorstellen. Das Geplapper dort geht ihm auf die Nerven, Promi-Interviews und Klatschgeschichten haben ihn nie interessiert. Die Schauspielerin Diana Barrymore hat er einmal zu Tränen gerührt, weil er sie als einziger nach ihrer Arbeit, nicht nach ihren Skandalgeschichten gefragt hat; zum Dank schickte sie ihm am nächsten Tag eine Kiste Zigarren. „Die Trivialisierung Amerikas“ schreckt ihn, Hannah Arendts Wendung „Die Banalität des Bösen“ hat er umgedreht: „Die Banalität ist das Böse.“

Sein persönlichstes, vielleicht auch sein berührendstes Buch ist vor zwei Jahren erschienen: Gespräche über den Tod. Mit Würde zu sterben, das ist für ihn eins der wichtigsten Themen darin. Und die Freude am Leben, seine Kostbarkeit. „Die Leute hassen es, über den Tod zu sprechen. Aber wenn sie einmal angefangen haben, hören sie nicht mehr auf“, sagt Studs Terkel. „Es ist mein lebendigstes Buch geworden.“

Er hatte gerade mit der Arbeit daran angefangen, als seine Frau starb, mit der er 60 Jahre lang verheiratet war. Ida, die aufrechte Sozialarbeiterin und Bürgerrechtlerin, die ihn oft zu seinen Interviews kutschierte, die sich von ihm vorlesen ließ, und von der er so zärtlich erzählt, als wäre er frisch verliebt. „Wenn sie in den Raum kam, war es so, als würde sie tanzen. Mit 86 hatte sie die Figur einer 18-Jährigen, trug Margeriten im Haar.“

Ida steht heute auf dem Fensterbrett der Terkels. Und neben der Urne sind immer frische Margeriten. Wenn er stirbt, hat Terkel sich gewünscht, möchte er, dass ihrer beider Asche zusammen verstreut wird auf dem Bughouse Square. Das ist die Hyde Park Corner von Chicago: der Ort, wo die Menschen immer lautstark ihre Meinung verkündet haben.

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Politisches Engagement in schwieriger Zeit. Aus dem Amerikanischen von Michael Schulte. Verlag Antje Kunstmann, München 2004, 320 Seiten, 22 Euro.

Gespräche um Leben und Tod. Grenzerfahrungen, Ängste, Wünsche und Hoffnungen. Aus dem Amerikanischen von Inge Leipold. Verlag Antje Kunstmann, München 2002, 432 Seiten, 24,90 Euro.

Giganten des Jazz. Aus dem Amerikanischen von Karl Heinz Siber. Verlag Zweitausendeins, Frankfurt/M. 2005, 240 Seiten, 14 Euro.

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