Zeitung Heute : Ein Phantom erscheint Der Kanzleramtschef soll

retten, was zu retten ist

Antje Sirleschtov

Ein richtiger Medienkracher sollte es werden: das „Kanzleramt“, das Mittwochsereignis im ZDF, das uns alle zu Fans der großen Regierungspolitik machen sollte. Und anfangs schien es ja auch zu funktionieren. Weil alles drin ist, was ein Blockbuster braucht: Gut ringt gegen Böse, Böse scheint erst überlegen. Dann der plötzliche Wendepunkt: Gut gewinnt, und der Held bekommt zum Schluss das Mädchen zur Belohnung. Allerdings – irgendwas muss hier schief gelaufen sein: Schon im zweiten Akt, letzten Mittwoch, zappten die Leute reihenweise am Fernseher weg. Nicht mal der berühmte Kanzleramtschef Robert Atzorn kam gegen die Massenmüdigkeit an.

Diesen Mittwoch nun versuchte es mal der richtige Chef des Kanzeramts. Der heißt Frank-Walter Steinmeier, ist 49 Jahre alt und muss sich in der Bekanntheitsskala bei den deutschen Fernsehzuschauern noch ziemlich weit hinter Robert Atzorn einreihen. Denn normalerweise taucht Steinmeier nicht einmal im Hintergrund auf, wenn sich die Fernsehkameras auf seinen Chef, den Bundeskanzler, richten. Dass der wichtigste Mann im richtigen Bundeskanzleramt die selbst auferlegte Medienabstinenz an diesem Mittwoch dennoch aufgab – zum ersten Mal übrigens in der Regierungsgeschichte von Rot-Grün – das erklärte er selbst so: Am Donnerstag vor drei Wochen, dem 17. März, habe Kanzler Gerhard Schröder im Bundestag in einer „nicht ganz unwichtigen“ Regierungserklärung reihenweise Maßnahmen benannt, die Deutschlands Wirtschaft weit nach vorne bringen und neue Jobs schaffen würden. Die wolle er jetzt noch einmal erläutern. Und auch, was nach dem Jobgipfel seinerzeit daraus geworden ist.

Dass es dieser Wiederholung überhaupt bedarf, hat mit einem anderen Medienkracher zu tun: Ausgerechnet während Kanzler Schröder vor drei Wochen in Berlin Wichtiges verkündete, erregte „auf der Kieler Bühne“, wie Steinmeier sagt, etwas anderes das Interesse der Öffentlichkeit: der schmachvolle politische Mord der dortigen SPD an ihrer Landeschefin Heide Simonis nämlich. Und so kam Steinmeiers Chef tags darauf in den Zeitungen nur in Randspalten vor. Weiß heute überhaupt noch jemand genau, worum es vor drei Wochen ging?

Also macht sich Steinmeier daran, den Vergesslichen auf die Sprünge helfen und die Arbeitsamkeit der Bundesregierung zu preisen. Schließlich will seine Partei, die SPD, in gut fünf Wochen in Nordrhein-Westfalen die Landtagswahlen gewinnen. „Eile ist geboten“, sagt er. Und meint damit, dass eine rot-grüne Wahlniederlage in Düsseldorf am 22. Mai auch an der Bundesregierung nicht spurlos vorbeigehen würde.

Bis dahin also darf jetzt nichts mehr schief laufen in Berlin. Selbst Kanzleramtschef Steinmeier muss raus aus dem Schutz der deutschen Machtzentrale und hinein ins Scheinwerferlicht der Bundespressekonferenz. Und statt, wie es sonst seine Aufgabe ist, die großen Linien der Politik zu erdenken, muss er jetzt das Werk eines Buchhalters tun. „20 Maßnahmen zur Fortsetzung der Agenda 2010“ repetiert er, wobei die Zahl 20 weit untertrieben ist: Allein bei der Aufzählung all der Gesetze, die noch im April in der Regierung zu erarbeiten sind, kann einem ganz schwindlig werden. Doch was hilft’s, Rot-Grün liegt in der Wählergunst noch ganz weit hinten, braucht jetzt also bald den berühmten Wendepunkt. Damit daraus vielleicht doch noch ein Happyend wird.

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