Zeitung Heute : Ein Phantom wird gestellt

Zwölf Jahre lang hielt er sich versteckt, zuletzt arbeitete er als Arzt – Radovan Karadzic, angeklagt schrecklicher Kriegsverbrechen. In Bosnien wird die Nachricht von seiner Festnahme gefeiert, im serbischen Belgrad feiern ihn Ultrarechte als Helden

Norbert Rütsche[Sarajevo]

Ein Bild, darauf zu sehen: ein alter Mann mit weißem Bart, weißem Haar, großer Brille, angeklagt wegen Völkermords, des schlimmsten denkbaren Verbrechens also, wegen Massenmords, begangen mit dem Ziel, ein Volk zu vernichten.

Ein Bild, präsentiert wie eine Trophäe. Der serbische Minister Rasim Ljajic, zuständig für die Zusammenarbeit mit dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag, zeigt es am Dienstagmittag auf einer Pressekonferenz in Belgrad vor. Es ist so etwas wie ein Beleg dafür, dass es tatsächlich schwer gewesen ist, jenen darauf zu sehenden, zwölf Jahre lang untergetauchten Mann zu finden. Denn Ähnlichkeit mit dem Bild, das die Welt von ihm hatte, hat dieser Bärtige kaum.

Den Worten des Ministers zufolge lebte Radovan Karadzic zuletzt unter falschem Namen – als Dragan Dabic – im Stadtteil Neu-Belgrad, wo er unerkannt als Arzt in einer Praxis für alternative Medizin arbeitete. Er schrieb auch Artikel für eine Gesundheitszeitschrift. „Er hat seine wahre Identität sehr überzeugend versteckt“, sagte Vladimir Vukcevic, der serbische Staatsanwalt für Kriegsverbrechen. Weder Karadzics Vermieter noch die Angestellten in der Arztpraxis hätten gewusst, mit wem sie es zu tun gehabt hätten. Karadzic habe sich frei in Belgrad bewegt und habe sich auch in der Öffentlichkeit aufgehalten.

Gemäß Staatsanwalt Vukcevic wurde Karadzic am Montagabend festgenommen. Die Aktion zu seiner Verhaftung habe am Nachmittag begonnen. Man habe aber mit dem Zugriff gewartet, bis Karadzic auf dem Weg von einem Aufenthaltsort zu einem anderen gewesen sei. Grund dafür sei „die Sicherheit der Einsatzkräfte, aber auch die Sicherheit von Karadzic selbst“ gewesen, sagt Vukcevic und betont, es habe keine Verletzten gegeben.

Weitere Informationen über die Verhaftung Karadzics und darüber, wo er sich die letzten Jahre noch aufgehalten hat, geben Minister Ljaijc und Staatsanwalt Vukcevic nicht preis, Fragen wollen sie keine beantworten. Man sei noch dabei zu rekonstruieren, wo Karadzic überall gewesen sei. So könne man vielleicht auch auf die Spur anderer ebenfalls als Kriegsverbrecher Angeklagter kommen, auf die Spur von General Ratko Mladic zum Beispiel. Informationen darüber, dass es genau andersherum gewesen ist, dass Karadzics Festnahme gewissermaßen ein Teilerfolg der Suche nach Mladic gewesen ist, dass Mladics Aufenthalsort bekannt sei und der die entscheidenden Hinweise auf Karadzics neue Identität gab, all dies kommentieren der Minister und der Staatsanwalt nicht.

Redefreudiger ist dafür Karadzics Anwalt Svetozar Vujacic. Vor dem Gerichtsgebäude, in dem der mutmaßliche Kriegsverbrecher in der Nacht von Montag auf Dienstag erstmals eineinhalb Stunden lang verhört worden war, bestätigte er, dass die Informationen über die Festnahme seines Mandanten stimmten – bis auf den Zeitpunkt. Karadzic sei nämlich schon am Freitagabend verhaftet worden, aus dem Autobus der Linie 83 heraus, der zwischen Neu-Belgrad und der wenige Kilometer nordwestlich gelegenen Ortschaft Batajnica verkehrt. Dann sei er „in einem Zimmer“ gefangen gehalten worden. „Sie wollen uns aber nicht sagen, wo er drei Tage lang war und wer in festgenommen hat.“ Karadzic, der bislang jede Aussage verweigert, sei untersucht worden und gesund.

Bei der Verhaftung habe man Karadzic „irgendeinen Hut über den Kopf gestülpt“, deshalb wisse er nicht, sagt der Anwalt, wer an der Aktion beteiligt gewesen sei. Nach Angaben des Belgrader Untersuchungsrichters Milan Dilparic sei für die Auslieferung Karadzics an das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag „alles erledigt“. Die Überstellung wird bis spätestens Mitte nächster Woche erwartet. Der für die Polizei verantwortliche Innenminister Ivica Dacic sagte, die Aufspürung und Verhaftung Karadzics sei ausschließlich Sache des Geheimdienstes gewesen, die Polizei habe damit nichts zu tun gehabt.

Im Zentrum von Belgrad kam es nach der Verhaftung von Karadzic in der Nacht auf Dienstag vereinzelt zu Protesten von ultrarechten Jugendlichen, die T-Shirts mit dem Konterfei Karadzics trugen und serbische Fahnen schwenkten. Das Gerichtsgebäude wurde von der Polizei abriegelt. Ansonsten blieb es in der serbischen Hauptstadt weitgehend ruhig.

Ganz anders war es in Sarajewo, das von Karadzics Truppen im Bosnien-Krieg mehr als dreieinhalb Jahre lang belagert worden war und 10 000 Tote zu beklagen hatte. Karadzic selbst soll Freunde und Bundesgenossen auf die Hügel über der Stadt geführt haben, soll ihnen erklärt haben, wie man ein Maschinengewehr bedient und sie dann auf die Menschen unten in den Straßen schießen lassen. Kaum war die Festnahme des einstigen Führers der bosnischen Serben bekannt geworden, bildeten sich lange Autokorsos, die stundenlang hupend durch die Innenstadt fuhren. Trotz strömenden Regens feierten Jugendliche bis in die frühen Morgenstunden, schwenkten begeistert bosnisch-herzegowinische Flaggen und riefen lautstark: „Hier ist Bosnien – die Gerechtigkeit ist angekommen!“

Karadzic, der bislang jede Aussage verweigert: 1945 im Norden Montenegros, Jugoslawien, geboren, später mit Eltern und Geschwistern nach Sarajewo gezogen, Abitur, Medizinstudium. Danach Psychiater, zunächst im Krankenhaus von Sarajewo, Weiterbildungsaufenthalte in Zagreb, Belgrad und New York, Praxisgründung in Pale, östlich von Sarajewo. Spezialgebiet Gruppentherapie. Nebenbei: Lyriker. Von 1968 bis 1990 veröffentlichte er vier Gedichtbände. Karadzic, zusammen mit Mladic als Hauptverantwortlicher geltend für das Massaker von Srebrenica, bei dem im Juli 1995 rund 8000 muslimische Jungen und Männer ermordet wurden.

Wenn es tatsächlich so sein sollte, dass Gedichte etwas verraten über die Gedanken desjenigen, der sie schreibt, wenn sie etwas sichtbar machen von ihm, wenn man also Karadzics Sicht auf die Dinge und auf sich selbst näher kommen will, dann sollte man folgendes lesen:

Ich habe mich vom Guten abgewendet

brenne wie eine Zigarette auf

meinen neurotischen Lippen.

Von allen fertiggemacht

warte ich in der

Morgendämmerung auf

meine große Stunde.

Endlich werde ich

die Morgenbombe werfen und

man wird nur noch das

Lachen eines launischen

einsamen Mannes hören.

Karadzic, der Selbstmitleidige, der Menschenhasser.

In den letzten Jahren soll er immer wieder gesehen worden sein. Es gibt Aussagen von Zeugen, die von Aufenthaltsorten in den Bergen Ostbosniens gewusst haben wollen. Von einem Mann im Priestergewand, mit rasiertem Schädel, langem Bart. So verkleidet entging er angeblich auch Nato-Patrouillen, kam in Höhlen unter oder in Klöstern, fuhr in Krankenwagen mit Blaulicht von einem Versteck zum nächsten. Oder besuchte seine Frau Ljiljana, seine Tochter und seinen Sohn in Pale, seine Mutter in Montenegro, war vielleicht sogar einmal mitten in Sarajewo, Kaffee trinken.

Karadzics Frau Karadzics Ehefrau Ljiljana sagt an diesem Dienstag: „Jetzt weiß ich wenigstens, dass er lebt.“ Im Jahr 2005 hatte sie ihren Ehemann in einem Interview zur Aufgabe aufgefordert, „um der Familie willen“, sie halte den Druck nicht mehr aus.

Haris Silajdzic, Vorsitzender des bosnisch-herzegowinischen Staatspräsidiums und während des Bosnien-Krieges Premierminister, sagt in einem ersten Kommentar am Dienstag, mit der Verhaftung Karadzics sei „das Vertrauen in die Gerechtigkeit zurückgekehrt“. Hajra Catic von der Opfervereinigung „Frauen von Srebrenica“ sagt: „Ich kann nicht glauben, dass Karadzic festgenommen wurde. Wer auch immer ihn verhaftet hat, ich beglückwünsche ihn dazu!“ Bei den bosnischen Serben, deren Präsident Karadzic während der Kriegsjahre war, waren die Reaktionen verhalten. Mladen Bosic, Vorsitzender der von Karadzic gegründeten Serbisch-Demokratischen Partei, sagt, dass er „schockiert“ sei über die Verhaftung des einstigen starken Mannes seiner Partei und dass er glaube, Karadzic werde in Den Haag „keinen fairen Prozess“ bekommen.

Ein Passant in Banja Luka, der Hauptstadt der Republika Srpska, einer der beiden Teilrepubliken von Bosnien und Herzegowina, bringt zum Ausdruck, was viele bosnische Serben bis heute denken: „Die Verhaftung ist eine Tragödie. Radovan ist ein Held, er hat die Republika Srpska geschaffen.“

Frustriert über die Festnahme Karadzics zeigten sich die ultranationalistischen Serbischen Radikalen (SRS), deren Vorsitzender Vojislav Seselj ebenfalls vor dem Haager Kriegsverbrechertribunal angeklagt ist und dessen Prozess derzeit im Gang ist. Die Verhaftung Karadzics sei „ein schwerer Tag in der Geschichte Serbiens. Er ist kein Kriegsverbrecher, sondern er wurde verdientermaßen zu einer Legende und einem Mythos im serbischen Volk“, sagt Seseljs Stellvertreter und SRS-Fraktionsvorsitzender Tomislav Nikolic. Erst am Nachmittag meldet sich endlich auch Serbiens neuer Ministerpräsident Mirko Cvetkovic zu Wort. Er fordert die noch flüchtigen Angeklagten aus, sich freiwillig zu stellen. „Das wird viel besser sein für sie und für das serbische Volk.“

Für zahlreiche politische Beobachter in Serbien und Bosnien und Herzegowina ist die Verhaftung Karadzics genau zum jetzigen Zeitpunkt kein Zufall – auch wenn Minister Rasim Ljajic vor den Medien beteuerte, „dass wir weder den Ort noch die Zeit für die Festnahme von Angeklagten wählen“. Sollte sich die Aussage von Karadzics Anwalt als wahr erweisen und Karadzic tatsächlich bereits seit Freitag festgehalten werden, würde dies die Vermutung stützen, dass die neue Regierung Serbiens den Fall politisch nutzt. Denn bei der gestrigen Sitzung der EU-Außenminister ging es auch um die beschleunigte Annäherung Serbiens an Brüssel. Dass dabei ein paar taufrische Emotionen Serbien auf dem Weg zu seinem erklärten Ziel, bis Ende des Jahres den Status des EU-Beitrittskandidaten zu bekommen, nur nützlich sein können, ist kaum von der Hand zu weisen.

Gleichzeitig will die neue, klar pro-europäische serbische Regierung zeigen, dass sie ihre Versprechungen zur vollständigen Zusammenarbeit mit dem Haager Kriegsverbrechertribunal auch in die Tat umzusetzen gewillt ist – wenn dafür die Chancen auf eine schnelle EU-Integration steigen. Der vormalige Ministerpräsident Kostunica war dazu nicht bereit – wohl vor allem deshalb, weil er die Annäherung an Europa nicht wirklich wollte.

Tanja Topic, eine Politikwissenschaftlerin aus Banja Luka, ist sich denn auch sicher: „Die serbischen Behörden wussten seit Jahren, wo Karadzic ist“. Dass er nicht verhaftet worden wurde, habe an Kostunica und seinem Umfeld gelegen, sagte sie dem bosnisch-herzegowinischen TV-Sender BHT1.

Sollte das zutreffen, sollte die Verhaftung der mutmaßlichen serbischen Kriegsverbrecher in den letzten Jahren nur auf Betreiben der alten Regierung verhindert worden sein, dann wäre eines wohl gewiss: Die Festnahme Karadzics, ob nun am Freitag oder am Montag erfolgt, sie wäre nicht die letzte.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!