Zeitung Heute : Ein Plätzchen suchen

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Stephan Wiehler

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Marion Schweitzer

Erziehung ist heutzutage eine zu wichtige Sache, um sie allzu lange allein den Eltern zu überlassen. Ich will gar nicht darüber nachdenken, wie viel Schaden wir bei unserem Kind schon angerichtet haben, als es nur ums Füttern, Windeln wechseln und in den Schlaf wiegen ging. Immerhin, bisher zeigt Emma noch keine Anzeichen von Verhaltensauffälligkeit.

Aber wir wollen das Schicksal nicht länger herausfordern. Emma steht seit zwei Wochen auf eigenen Beinen und macht mit 14 Monaten die ersten wackligen Schritte in die Selbstständigkeit. Und manchmal, wenn sie in ihrer Spielecke sitzt und ihre Stofftiere vollquatscht, bekomme ich den Eindruck, dass es ihr allmählich langweilig wird, sich nur mit Mama und Papa abzugeben. Höchste Zeit, dass wir uns nach professioneller Erziehungshilfe umsehen, damit Emma in gleichaltriger Gesellschaft ihre soziale Intelligenz schult. Kurz: Wir suchen eine Kita.

Allein schon in Kreuzberg ist das Angebot groß und unübersichtlich. Soll Emma ihre Persönlichkeit in der Waldorf-Pädagogik entfalten oder eher ihre Zweisprachigkeit in einem deutsch-italienischen Kindergarten verbessern? So gewichtige Entscheidungen fallen mir schwer, zumal ich mich an meine eigene Erziehung kaum noch erinnern kann (meine Mutter behauptet bis heute, ich sei unerziehbar gewesen). Deshalb habe ich die Besichtigung in Frage kommender Einrichtungen meiner Frau überlassen.

Als erstes besuchte Francesca die Kita einer evangelischen Kirchengemeinde. Deren Leiterin führte sie durch die hellen, mit Bildern und Basteleien geschmückten Räume und erklärte ihr, dass man hier darauf achte, den Kindern nicht nur ein ausgefülltes Tagesprogramm mit Singen, Bastelarbeit und Theaterproben zu bieten, sondern ihnen auch Werte wie Mitgefühl und Verantwortung vermitteln wolle. Francesca war schon fast überzeugt, die richtige Kita gefunden zu haben, als hinter einer der Türen großer Krach zu hören war. Die Erzieherin riss sie auf, blickte auf eine Horde wilder Zwerge, die unbeaufsichtigt durcheinanderstoben und übertönte das lärmende Chaos mit einer durchdringenden Zurechtweisung. Die Zwerge blieben wie angewurzelt stehen und starrten sie erschrocken an – auch Francesca fuhr es durch die Glieder.

In der zweiten Kita war es genau umgekehrt. Dort war der Ausnahmezustand die Regel. Inmitten der tobenden, mit Fingerfarben verschmierten Kobolde hatte die Erzieherin ihre liebe Not, sich verständlich zu machen. Nachdem Francesca auch noch einige gemäßigte Einrichtungen kennen gelernt hat, sind wir inzwischen völlig unentschlossen. Wir haben uns jetzt einfach mal für zwei, drei Wunschkitas entschieden – und zwar für die mit den längsten Wartelisten, das ist ja auch ein Qualitätsmerkmal.

Eltern sein ist schwer. Vermutlich werden es darum immer weniger. Vorgestern habe ich im Radio gehört, dass 40 Prozent der Säugetierarten in Europa vom Aussterben bedroht sind. In dieser Statistik sind die Deutschen noch nicht einmal berücksichtigt.

Die Anmeldefrist für das Kitajahr 2004/2005 endet am 28. Februar. Ansprechpartner sind die Jugendämter der Bezirke.

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