Zeitung Heute : Ein Planet wird geplündert

Zehn Jahre nach dem Rio-Gipfel: Die Bilanz ist düster

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Von Jan Dirk Herbermann, Genf

Der Patient Erde leidet. So stark sind die Schmerzen, dass auf dem Johannesburg-Gipfel 60 000 Teilnehmer über die größte Rettungsaktion in der Geschichte der Menschheit beraten – doch es könnte mal wieder nur zu einem Mammuttreffen der wohlfeilen Erklärungen und der kaum einlösbaren Versprechungen kommen.

Wie in Rio. Auf dem Erdgipfel verpflichteten sich die Regierungen 1992 zu einer ökologischen Trendwende, die ehrgeizige „Agenda 21" sollte den Planeten vor noch mehr Raubbau und Zerstörung schützen. „Aber es hat sich gezeigt, dass Verpflichtungen allein nicht genügen", bilanziert UN-Generalsekretär Kofi Annan heute. „Wir haben noch immer nicht mit den kurzfristigen Praktiken gebrochen, die uns in die gegenwärtige Zwangslage geführt haben." Statt dessen legten die Staats- und Regierungschefs auf immer neuen Gipfeln mit Deklarationen, Appellen und Versprechen nach. So beschlossen die Politiker auf dem Millennium-Gipfel 2000 die Zahl derjenigen zu halbieren, die mit weniger als einem Dollar pro Tag überleben. Ein Plan, der scheitern muss, fristen doch deutlich mehr als eine Milliarde Menschen ihr Leben in solcher Armut.

Doch neben den phantastisch anmutenden Absichtserklärungen führen die Politiker der industrialisierten Welt seit Rio einen „Krieg gegen den Planeten" - so jedenfalls warnt die Umweltschutzorganisation Greenpeace. Beispiel Wälder. Zwar einigten sich nach dem Weltgipfel in Brasilien 180 Länder auf die Konvention über die Biologische Vielfalt. Trotz des Abkommens verschwinden aber immer mehr Wälder – immerhin bieten diese zwei Dritteln aller Spezies eine Heimat. Laut Greenpeace-Informationen wurden „in absoluten Zahlen mehr tropischer Regenwald in den 90er Jahren vernichtet als in den 80er Jahren".

Beispiel Erderwärmung. Der Meeresspiegel steigt. Die Temperaturen steigen spürbar. Und das, obwohl sich die Regierungen im Rio- und Kyoto-Prozess auf feste Zeitpläne zur Reduktion gefährlicher Treibhausgase geeinigt haben. „Doch tatsächlich haben die wenigsten politisch Verantwortlichen etwas getan", klagt Greenpeace. „Wir sind heute schlechter dran als 1992." Das hat auch Konsequenzen für den reichen Norden. „Unwetter und Dürrekatastrophen haben an Zahl und Stärke zugenommen", klagt Klaus Töpfer, der Chef des Umweltprogramms der Vereinten Nationen.

Insgesamt fällt die Bilanz des vergangenen Jahrzehnts dramatisch schlecht aus. „Der Norden vernachlässigte die Vereinbarungen von Rio, und der Süden zeigt nach wie vor ein geringes Interesse an Umweltfragen", schreiben die Autoren des Johannesburg Memorandums der Heinrich-Böll-Stiftung.

Der Rio-Gipfel der leeren Versprechen – liegt es an ihm, dass die Vereinten Nationen sich heute auffällig zurückhalten? Der Gipfel in Johannesburg solle „vor allem das Bekenntnis zu nachhaltiger Entwicklung wiederbeleben" verlangt UN-Chef Annan. Ein „Aktionsplan" solle die nötigen Schritte zur vollständigen Umsetzung der Ziele von Rio garantieren. Doch kommen erhebliche Zweifel auf, ob der sieche Patient Erde nach Johannesburg wieder genesen wird.

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